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Koalition der Willigen - Warum die Bundesregierung ihr Potenzial nicht ausschöpft
Ein Artikel von C·A·P-Fellow Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte
14.02.2007 · Internationale Politik, Februar 2007, S. 90-91
Die Alltäglichkeit der Großen Koalition hat uns längst eingeholt.
Doch das Politikmanagement dieser ungewöhnlichen Allianz ist unvergleichbar.
Erkennbar bleibt, dass derzeit im Berliner Politikbetrieb die Gestaltungsspielräume
nur unzureichend genutzt werden. Dissens-Management bestimmt die Tages-Agenda
der Bundeskanzlerin. Sie führt präsidial-moderierend die drei Sozialstaatsparteien
zwischen Konsensspürsinn und Entscheidungslust. Viele neue informelle Abstimmungsmechanismen
kennzeichnen das Politikmanagement der Bundesregierung. Spezielle Formate wie
die sonntägliche Elefantenrunde wurden zugunsten effizienterer kleinerer
Kreise wieder abgeschafft. Indem Maße, wie sich Vertrauen zwischen den
Wettbewerbern herausbildete, personalisierten und informalisierten sich die
notwendigen Koordinationsmechanismen.
Die Gestaltungsmacht der CDU-Vorsitzenden ist in einer Großen Koalition
auf gleicher Augenhöhe scheinbar begrenzter als in einer kleinen. Sicher
kann Merkel das Kanzlerprinzip mit der Richtlinienkompetenz weniger kraftvoll
ausfüllen. So wandelt sich das Kanzleramt von der Regierungszentrale zur
geschäftsmäßigen Koordinationseinheit - eher geräuschloses
Sekretariat als kraftvolles Zentrum. Gestaltungsmacht kann die Kanzlerin hingegen
deutlicher ins Kabinettsprinzip einbringen. Das Kabinett ist zunehmend zum Ort
kollektiver Willensbildung geworden, keineswegs mehr Notariat der Bundesregierung.
Auch das Ressortprinzip ist in einer Großen Koalition stärker ausgeprägt
als in einer kleinen. Führungspotentiale ergeben sich für die Kanzlerin
je intensiver sie sich mit den SPD-Bundesministern einig weis bzw. win-win-Situationen
für zwei Ressorts von SPD und Union zeitgleich herstellt. Was die Kanzlerin
notgedrungen an Kanzlermacht abgegeben hat, könnte sie über die doppelten
Mehrheiten im Bundestag und Bundesrat kompensieren, die mittlerweile historisch
einmalig zu verfassungsändernden zwei Drittel-Mehrheiten angewachsen sind.
Hier stecken noch sehr viele ungenutzte Potentiale. Nur über das Parteipräsidium
der CDU kann Angela Merkel ihre Ministerpräsidenten disziplinieren. Der
Dresdner Parteitag hat ihr hierfür ein breites Mandat gegeben. Der Abstand
zwischen der Merkelianern und den potentiellen Widersachern im eigenen Lager
haben die Delegierten mit übergroßer Mehrheit absichtsvoll vergrößert.
Völlig ungenutzte Spielräume, um Mehrheiten für unpopuläre
Maßnahmen zu organisieren, schlummern derzeit im Deutschen Bundestag.
Das Politikmanagement der Bundesregierung unterscheidet sich deutlich von allen
Vorgängern. Doch der Bundestag agiert hingegen mit traditionellen Ritualen,
so als ob die Große Koalition der Normalfall des Parlaments wäre.
Doch Große Koalitionen sind Reservemaßnahmen des Parlamentarismus
in schwierigen Zeiten. Sie lähmen den Parteienwettbewerb. Sie stellen eine
Zeitoase dar. Sie entziehen sich dem Wunsch der Wähler, abgewählt
zu werden. Eine Große Koalition ist rechnerisch eine Koalition des Zufalls,
keine Koalition, die für diese Formation als Neuauflage im Wahlkampf wirbt.
Große Koalitionen können nur abtreten, sich verabredungsgemäß
auflösen, zerfallen. Nur Große Koalitionen haben die Chance, sich
über mehrere Jahre folgenlos öffentlich unbeliebt machen. Denn übergroße
Mehrheiten sichern die Gesetzgebung. Landtagswahlen spielen sich im Schatten
der Großen Koalition ab, wobei sich Frust und Euphorie im Parteienwettbewerb
beim Wähler neutralisieren. So wirken Große Koalitionen wie Versuche
der Parteien, sich dem Wähler zu entziehen.
Doch bislang reagieren die Mehrheitsfraktionen im Bundestag keineswegs angemessen
auf diese neue Konstellation. Sie könnten den inhaltlichen Frontenverlauf
von Positionen, der quer durch die eigenen Reihen verläuft, als Chance
der Wettbewerbs-Demokratie nutzen. Denn die parlamentarische Opposition ist
systemisch paralysiert. Die Mehrheitsfraktionen könnten einen Funktionswandel
im Parlament herbeiführen, indem sie die Regierung ideenreich vor sich
her treiben. Nie waren Abgeordnete so mächtig und so unabhängig wie
in Zeiten von Großen Koalitionen, indem abweichende Stimmen praktisch
nie zum Verlust der Mehrheit führen. Doch im Bundestag herrscht nach wie
vor der Geschlossenheitswahn. Flexible Mehrheiten könnten hingegen der
Bundeskanzlerin in Abstimmung mit den Fraktionsvorsitzenden einen ganz neuen
Spielraum verschaffen, um Modernisierungspolitik mit notwendigen Zumutungen
für die Bevölkerung durchzusetzen. Mehr Gewaltenteilung als Gewaltenverschränkung
wäre die zeitgemäße Antwort des Bundestags bei wichtigen parlamentarischen
Mitsteuerungsprozessen in Zeiten von Großen Koalitionen. Doch davon ist
derzeit nichts zu erkennen.
Zum Politikmanagement der Großen Koalition gehört ebenso zentral
die politische Kommunikation in der mediendemokratischen Arena. Auch in diesem
Bereich schlummern noch ungenutzte Potentiale für die Große Koalition.
Darstellungsarm und bescheiden im Stil protestantischer Armutsästhetik
präsentiert sich die Kanzlerin, was stimmig zum Zeitgeist der neuen Sachlichkeit
passt. Aufmerksamkeitsmanagement ist in Großen Koalitionen viel schwerer
als in kleinen. Denn die öffentlich verordnete Harmonie der beiden Volksparteien
hat keinen Unterhaltungswert; die Willensbildung erfolgt ohne Kameraausleuchtung.
Wenn Große Koalitionen erfolgreich sind, müssen sie heldenlos und
bildarm agieren. Sie sind strukturell TV-untauglich. Um so mehr kommt es auf
einzelne Bilder an. Auch Große Koalitionen können mit der Macht des
Bildes arbeiten: Evidenz auf einen Blick mit der Aura des Repräsentativen.
Außer den anfänglichen Honeymoon-Bildern von Merkel und Müntefering
gibt es bislang auch nicht im Ansatz ein positives Foto, ein nicht inszeniertes
authentisches Bild zum Programm der Bundesregierung. Gesucht wird ein Bild eines
festgehaltenen Moments in all seiner Entschiedenheit und Prägnanz, das
immer mehr aussagt als wortreiche Erklärungen. Noch ist Zeit genug, um
die spezifischen Gestaltungsspielräume einer Großen Koalition zu
nutzen.
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