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Homo ex machina?

Vom optimierten Menschen und der Zukunft unserer Gesellschaft

Beitrag anlässlich der Zukunftskonferenz der Alfred Herrhausen Gesellschaft "fore/sight – Strategien für die Gesellschaft von morgen" am 16. und 17. Juni 2005 in Weimar.


23.06.2005 · Von Simone Dietrich und Jürgen Turek


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Theresa sieht ASIMO im Vorhof des Hauses und läuft direkt auf ihn zu. ASIMO ist zwar so gekleidet als käme er gerade von einer Mondlandung zurück, scheint aber nur auf Theresia gewartet zu haben und freut sich, als gäbe es nichts Schöneres. Er gestikuliert und wiegt seinen Kopf hin und her. Was er wohl gerade denkt? Theresa quittiert ASIMOs Komik mit herzlichem Lachen und schließt ihren neuen Freund sofort ins Herz. Laut Hondas Werbespot ist diese Begegnung der Beginn einer tiefen Freundschaft. Neben ASIMO wird in naher Zukunft auch Wakamaru auf dem Markt erwartet. Er ist ein Meter groß, 30 Kilo schwer, versteht mehr als 10.000 Wörter und kann einfache Krankheiten diagnostizieren. Ein wahrer Segen für die Alten also, zumindest laut Vorstellungen seiner Mitsubishi Konstrukteure. Die ASIMOs und Wakamarus werden die Realität von morgen sein. Aber bereits übermorgen wird auch diese Entwicklung wieder als überkommen gelten. Dann nämlich, wenn menschengroße humanoide Roboter gegen den Fußballweltmeister antreten. Der Termin der Partie ist auf 2050 angesetzt; die Spielmacher in den Laboren künstlicher Intelligenz trainieren bereits ihre Fähigkeiten und schöpfen aus ihrem Potential. Um 2099 wird dann das menschliche Denken mit der ursprünglich von der menschlichen Spezies erschaffenen Maschinenintelligenz verschmelzen. Für den amerikanischen Futurologen Ray Kurzweil geht das einher mit dem Ende der Sterblichkeit, zumindest in der Form wie wir es kennen.

Dass derartige Visionen für viele Menschen nur schwer vorstellbar sind, verwundert kaum. Zu exklusiv sind die Kreise und das Wissen der beteiligten Zukunftskonstrukteure, zu unkalkulierbar ist der Verlauf der Entwicklung. Schließlich ist sie abhängig von so variablen Faktoren wie etwa dem individuellen Erfindergeist, Investionsentscheidungen oder unvorhersehbaren Zufällen in den Forschungslabors. Ob man die Visionen der Experten nun teilt oder nicht, sie aufgrund ihres Optimismus oder ihrer Naivität kritisiert oder nicht. Unzweifelhaft ist, dass der anhaltende technologische Entwicklungsschub unser alltägliches Leben und die Gesellschaft als Ganzes nachhaltig verändern wird. Somit wird auch eine Auseinandersetzung mit den sozialen Implikationen des technologischen Wandels unabwendbar. Welche Visionen, welche Perspektiven eröffnet der technologische Fortschritt für die Gesellschaft?

Besonders interessant ist diese Frage, wenn man sich die rasanten Entwicklungsschritte in den Zukunftsdisziplinen: Computertechnologie, Robotik und künstliche Intelligenz vor Augen hält. 1997 machte der Triumph des IBM Parallelrechners Deep Blue über den damaligen Weltmeister Garry Kasparow Furore. Zum ersten Mal siegte Silizium über einen Großmeister dieser Stärke. Wenig später bereits sprachen die Wissenschaftler von neuen Zielen: Es gehe von nun an nicht mehr um die Lösung kombinatorischer Probleme, sondern um die Harmonisierung von Mensch und Maschine. Es fand ein Paradigmenwechsel in der Wissenschaft statt, der eine epochale Wende symbolisiert: Von der Automatisierung des Geistes hin zur Automatisierung des Menschen und zur Simulation umweltgerechten Verhaltens. Inmitten dieses revolutionären Paradigmenwechsels verschwimmt die vertraute Grenzziehung zwischen Mensch und Maschine. Der Status quo der Technik ermöglicht einerseits eine Optimierung des Menschen durch neuronale Implantate und andererseits die Schaffung humanoider Roboter als Perfektion der menschlichen Existenz.

Gleichzeitig werfen die ersten Forschungserfolge fundamentale Fragen nach der Identität des Menschen auf. Wenn fortan künstlich Machbares natürlich Menschliches ersetzen kann und darf, worin liegt dann die Identität des Menschen? Und wenn wir die Essenz der Identität im menschlichen Bewusstsein verorten, wie steht es eigentlich mit dem freien Willen? Können intelligente Maschinen bzw. Maschineteilchen über ein Bewusstsein verfügen und mit einem menschlichen Grad an Komplexität eigene Entscheidungen fällen? Verfügten Sie über diese Eigenschaften, müssten wir sie womöglich als gleichwertige Gegenüber mit Anspruch auf Rechte betrachten? Diesen Fragenkatalog könnte man beliebig erweitern und er umfasst kaum radikal Neues. Schon immer haben diese Problemstellungen den Menschen bewegt, der Fortschritt wirft alte Fragen in neuartiger Form wieder auf. So philosophierte bereits Platon in den Dialogen Phaidon und Theaitet über das menschliche Bewusstsein, den freien Willen und die Identität des Menschen, auch in Abgrenzung zum technologisch Machbaren.

Mit der anstehenden Verquickung von Mensch und Maschine drängen jenseits der Fragen nach der Quintessenz des Menschseins und des technologisch Machbaren auch alte ungelöste Fragen sozialer Natur auf ihre Lösung. Im Zentrum steht dabei das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine und dessen Auswirkungen auf das soziale Miteinander. Ursprünglich zu Diensten der Menschen geschaffen, ermöglichen die Maschinen den Fortschritt und machen das Leben einfacher. In den Industrienationen wird heute ein Großteil der beschwerlichen Fließbandarbeit in Fabrikhallen von Maschinen erledigt. Roboter bewegen Lasten, fügen Werkstücke auf den Millimeter genau zusammen oder schweißen punktgenau. Jedoch ist die Entwicklung des Fortschritts nicht so einfach nach dem schwankenden Gusto der Menschen entwerfen, insbesondere dann nicht, wenn partielle Interessen damit verfolgt werden. Die Euphorie, dem Technikoptimismus inhärent, kippt um, wenn die Maschinen zur Konkurrenz der Menschen werden. Denn was macht der Mensch, wenn er durch die intelligente Maschine aus Produktion und Wertschöpfung entlassen wird, ihm also in Zukunft die Arbeit ausgeht? Und das in einer Gesellschaft, in der sich der Mensch größtenteils über Arbeit definiert? In dieser Situation scheint der Mehrwert der Maschinen plötzlich fragwürdig: Ein Mehr an Technologie wird die Arbeitslosigkeit nicht senken, im Gegenteil: Technologie schafft keine Stellen, sondern rationalisiert Arbeit weg. Der Katalog von Erwerbsarbeiten, die durch Maschinen ausgeführt werden können, wird immer länger. Immer mehr Menschen verlieren dabei nicht nur ihre existentielle Grundlage, sondern auch ihre auf Tätigkeit und Arbeit beruhende Identität. Denn seit dem Siegeszug des kapitalistischen Gedankenguts sieht sich der Mensch nicht mehr nur als Funktionär des Marktsystems, sondern richtet sich auch in seinem Selbstbezug am Homo oeonomicus aus. Die Tätigkeit wird nur allzu schnell mit dem Sinn des Lebens und der Würde des Menschen verknüpft und beide zu wahren wird zur wichtigsten Überlebenstechnik.

Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Selbstständigkeit künstlicher Intelligenz, die sich aufgrund ihrer zunehmenden Perfektion zur verselbstständigen droht. Welche Gefahren können von Nanorobotern ausgehen, die sich in naher Zukunft verselbstständigen und sich unabhängig weiterentwickeln? Der Robotikexperte Bill Joy warnte bereits 2001 vor dem existentiellen Konflikt zwischen Mensch und Maschine. Er sieht die Schaffung eines „Cyborgs" in naher Zukunft realisiert, einer technologisch optimierten Mensch-Maschine, die nützliche Dienste leisten soll, sich später aber durch ihre technologische Perfektion, ihre wachsende Intelligenz und die Möglichkeit der selbstständigen Replikation über den Menschen erhebt. In der Selbstreplikation lauert die große Gefahr. Aus einem Nanoroboter könnten viele werden, die rasch außer Kontrolle geraten und die Umwelt in formlosen „grauen Schleim" verwandeln. Eine entscheidende Frage drängt sich auf: Werden die Kosten der zunehmenden Automatisierung größer als ihr Nutzen sein? Dass es dazu nicht kommen darf, leuchtet ein. Der Rubikon der Technik darf nicht überschritten werden. Es muss gehandelt werden und dabei soll das Beste für das Gemeinwohl der Menschen herauskommen.

Aber wie geht unsere Gesellschaft mit diesem Gefahrenpotential um? Dass zunächst differenziert analysiert werden muss, steht außer Frage. Denn über alle Gefahren hinaus sind Entwicklungen in den Bereichen der Nanotechnologie, Robotik und künstlichen Intelligenz mit zahlreichen Chancen verknüpft, die eine gelungene Integration von Maschinen in unsere Umwelt in Aussicht stellen. So können menschliche Roboter mittels ihrer Lernfähigkeit zu echten Assistenten im Alltag werden. Sie können als Rettungsroboter mit dem Aufspüren von Verschütteten einen wichtigen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten, sowie Blumen gießend und Tablett reichend Teile der für Viele lästig gewordenen Alterspflege übernehmen.

Was fehlt ist ein tragfähiger sozio-technischer Zukunftsentwurf, der technologische Optionen mit sozialen Visionen verknüpft, der Technik und Ethik jenseits partieller Interessen in Einklang bringt. Dafür müssen zunächst die moralischen Argumente für und wider der Verschmelzung von Mensch und Maschine aufgezeigt, breit und vielschichtig diskutiert und gedankliche Sackgassen offen gelegt werden. Erst dann können fundierte Richt- und Sicherheitslinien entworfen werden, die den technologischen Fortschritt ethisch anleiten können. Bis sich aber der nationale Ethikrat es Themas der künstlichen Intelligenz annimmt, werden sicher noch einige Jahre Fortschritt ins Land ziehen. Derzeit beschäftigen sich die berufenen Ethiker mit der Frage der Beziehung von Mensch und Tier, hervorgerufen durch die jüngsten Chimären-Experimente deutscher Wissenschaftler.

Bis auf Weiteres können sich also ASIMOs Fußballkollegen munter weiter perfektionieren lassen. Eine sorgfältige Vorbereitung auf das Duell mit den Menschen 2050 scheint gesichert. Schließlich fördert die deutsche Forschungsgemeinschaft den Roboterfußball mit einem Schwerpunktprogramm. Ein Sieg aus technischer Sicht mag also möglich sein. Aber ob die Roboter ihren Sieg dann auch leidenschaftlich und hingebungsvoll Feiern werden?


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