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4. Wirtschaft

4.3. Gewerkschaften und Interessenverbände

Im Zuge der wirtschaftlichen Modernisierung und Entwicklung etablierten sich in der Türkei die ersten Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretungen. Die größte Gewerkschaft der Türkei ist die gemäßigte Türk-Is mit rund 2,13 Millionen Mitgliedern. Des Weiteren zählt die links orientierte DISK („Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften“) 350000 Mitglieder und die Hak-Is 360000 Mitglieder. Letztere wird im islamistischen Bereich verortet. Die türkischen Gewerkschaften gelten als Gegner des EU-Beitritts der Türkei und vertreten einen kemalistischen Nationalismus, da sie befürchten, die türkische Wirtschaft sei dem globalen Markt nicht gewachsen und breche durch die Öffnung ihrer Märkte zusammen. Zudem warnen die Arbeitnehmerverbände vor dem "Ausverkauf" der türkischen Wirtschaft an europäische und amerikanische Unternehmen.

Die Mitgliedschaft in einer türkischen Gewerkschaft erweist sich für viele Arbeitnehmer als Kündigungsgrund. Im Jahr 2004 wurde nach Angaben der Türk-Is 12000 ihrer Mitglieder die Arbeit mit der Begründung gekündigt, dass sie Gewerkschaftsmitgliedschaft beziehungsweise gewerkschaftlich aktiv seien. Die Schwäche der türkischen Gewerkschaften ergibt sich demnach nicht zuletzt aus deren mangelnden politischen und wirtschaftlichen Akzeptanz, besonders von Seiten der Arbeitgeber.

Dass das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und politischer Führung nach wie vor schwieirg ist, zeigten die traditionellen Mai-Demonstrationen der Arbeitnehmerverbände 2008 in Istanbul. Seit Jahren führen diese Demonstrationen zu Unruhen zwischen den Sicherheitskräften und Gewerkschaftern. Im Jahr 2008 durfte die DISK erstmals seit 30 Jahren wieder auf dem Taksim-Platz in Istanbul demonstrieren, wo es 1977 während des so genannten "Blut Mai" zu Ausschreitungen mit 36 Toten gekommen war. Auch 2008 kam es zu Unruhen mit über 500 Verhaftungen und dem Einsatz von Panzerwagen und Tränengas. Das Vorgehen der türkischen Polizei wurde von EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn als „unverhältnismäßig“ kritisiert.

Die Arbeitgeberverbände positionieren sich im Vergleich zu den Gewerkschaften (wirtschafts-)politisch am anderen Ende des Spektrums. Sie sind politisch sowie gesellschaftlich sehr aktiv. Die Anprangerung von ökonomischen Missständen jeglicher Art zählen die Arbeitgeberverbände zu ihren Aufgaben. Sie zählen zu den stärksten Befürwortern des EU-Beitritts der Türkei. Besonders Tüsiad, der „türkische Unternehmerverband“, startete eine Vielzahl von PR-Aktionen, die mit wirtschaftlichen Vorzügen für den EU-Beitritt warben. Tüsiad vertritt eine sehr westliche und moderne Auffassung. In diesem Sinne unterstützte Tüsiad die AKP-Regierung, obwohl sie das islamisch-konservative Bild der Partei grundsätzlich ablehnt.

Tüsiads stärkster Konkurrent ist Müsiad, der „unabhängige Unternehmerverband“. Müsiad stammt aus dem religiös-konservativen Lager und ist ebenfalls ein Unterstützer der AKP. Dabei verwaltet Müsiad eher kleines und mittleres Kapital. Erwähnenswert ist zudem Tügiad, der Verband türkischer Jungunternehmer. Er zählt zwar nur 575 Mitglieder (davon 61 Frauen). Seine Besonderheit zeigt sich aber im Durchschnittsalter seiner Mitglieder: dieses beträgt nur 35 Jahre. In diesem Sinne steht Tügiad in besonderem Maße für das moderne Gesicht der Türkei. Es vereint die westlich geprägte, aufgeklärte Generation junger und nach Erfolg strebender Türken.

Die Arbeitgeberverbände bemühen sich sehr um enge Beziehungen zu Ländern der EU, vor allem zu den Staaten, die eine hohe Zahl an türkischen Erwerbstätigen haben. So führen die Verbände unter anderem eine Niederlassung in Deutschland und engagieren sich für eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit.

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