C·A·P Home > Themen > Türkei > Wirtschaft > Wirtschaftliche Entwicklung

4. Wirtschaft

4.2. Wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei

Bezeichnend für die wirtschaftliche Lage und Entwicklung der Türkei ist die Kluft zwischen Stadt und Land beziehungsweise West- und Osttürkei. Der wirtschaftliche Aufschwung und die Modernisierung seit den neunziger Jahren und besonders unter der Regierung Erdogan beschränken sich vor allem auf die städtischen Gebiete der West-Türkei. Der Südosten bleibt hinter dieser positiven Entwicklung zurück.

Der türkische Staat versucht zwar, die südöstlichen Gebiete wirtschaftlich zu integrieren und am Aufschwung teilhaben zu lassen, beispielsweise durch das Südostanatolienprojekt. Doch neben den positiven Aspekten, wie der Schaffung von Arbeitsplätzen, birgt das Südostanatolienprojekt auch negative Auswirkung für die lokale Bevölkerung, zum Beispiel die Versalzung der Ackerböden.

Grundsätzlich ist und war die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei eng an die jeweilige politische Situation geknüpft. Die zahlreichen politischen Krisen und militärischen Interventionen behinderten eine langfristige, stabile und positive Entwicklung der türkischen Wirtschaft. Zudem führte die politische Instabilität zur Vernachlässigung notwendiger Strukturreformen, Sanierungen und staatlicher Unterstützung. Auch die Lira, die Währung der Türkei, erwies sich als extrem unbeständig.

Die Hinterlassenschaft des Osmanischen Reiches stellte die junge Republik in wirtschaftlicher Hinsicht vor große Herausforderungen. Die Türkei musste ihren Bedarf an Industrieprodukten und Nahrungsmitteln größtenteils durch Importe decken. Um die türkischen Wirtschaft aufzubauen, setzte die erste Regierung der türkischen Republik unter Mustafa Kemal deshalb auf eine liberale Haltung gegenüber der heimischen Ökonomie. Abgesehen vom Aufbau der Infrastruktur und der Gründung staatlicher Monopolbetriebe, intervenierte der Staat nicht in den wirtschaftlichen Aufbau des Landes. Ohne staatliche Hilfe blieben die wirtschaftlichen Erfolge jedoch mäßig, so dass sich die Regierung für den Weg des Etatismus entschied, einem der sechs Pfeiler des Kemalismus. Dieser nahm in den darauf folgenden Jahren jedoch deutliche protektionistische Züge an: Zölle wurden errichtet, Importgüter durch einheimische Produkte substituiert und schließlich Fünfjahrespläne erstellt. Dennoch entwickelte sich die Wirtschaft unter diesen Bedingungen gut, zwischen 1923-1930 wuchs sie um elf Prozent.

Die fünfziger Jahre waren wirtschaftspolitisch gekennzeichnet durch die Förderung und Modernisierung der Landwirtschaft. In Folge der Modernisierung kam es zu einem vermehrten Einsatz von Maschinen, was wiederum zu einem drastischen Verlust an Arbeitsplätzen im landwirtschaftlichen Sektor führte. Daraufhin setzte die erste Welle der Landflucht ein.

Eine entscheidende Institution in der türkischen Wirtschaftsgeschichte ist das „Staatliche Planungsamt“, das bereits 1960 unter Menderes gegründet wurde, aber erst unter der Regierung Demirel zu Bedeutung gelangte. Der damalige Leiter des Amtes, Turgut Özal, verhalf der Türkei mit radikalen marktwirtschaftlichen und exportorientierten Reformen zu wirtschaftlichem Aufschwung. Innerhalb von acht Jahren stiegen die Exporte von 2,9 Milliarden (1980) auf 11,7 Milliarden US-Dollar (1988). Besonders die Industrie wuchs in Folge dieser Reformen enorm, von 19,8 Prozent (1980) auf 36,2 Prozent (1987), während die landwirtschaftliche Produktion (1980: 21,4 Prozent; 1987: 16,7 Prozent) abnahm.

In den Neunzigern sorgte eine neue Generation von Ökonomen und Unternehmern für wirtschaftlichen Aufschwung durch einen Boom der Privatwirtschaft, der den Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiter sinken und dafür die Produktion der industriellen Güter und den Export ansteigen ließ.

Zu dieser positiven Entwicklung trug maßgeblich die Zollunion zwischen der Türkei und der EU bei, die am 1. Januar 1996 in Kraft trat. Alle Zölle zwischen den Ländern der EU und der Türkei fielen und der Weg für eine enge und langjährige Handelspartnerschaft war geebnet. Die Befürchtung vieler Türken, ihr Land würde unter der Flut europäischer Produkte zusammenbrechen, bewahrheitete sich nicht. Der Export stieg im Gegenteil rapide an, Arbeitsplätze wurden geschaffen und ausländische Investoren kamen ins Land. Bis heute pflegen die Türkei und die EU, besonders Deutschland, sehr gute wirtschaftliche Beziehungen. Exportiert werden vor allem Textil- und Bekleidungsartikel, aber auch die türkische Elektro- und Kfz-(Zuliefer-)Industrie ist sehr erfolgreich.

Seit der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2001, die mit einer Kredithilfe des Internationalen Währungsfonds überwunden werden konnte, verzeichnet die türkische Wirtschaft eine positive Entwicklung. So konnte das Land im Zeitraum 2002-2007 ein Wirtschaftswachstum von 40 Prozent verzeichnen. Die AKP-Regierung unter Ministerpräsident Erdogan verfolgt einen sehr liberalen Wirtschaftskurs und setzte die vom IWF nach der Finanzkrise empfohlenen Reformen um.

Dies ist insbesondere auf die Implikationen des EU-Beitrittprozesses der Türkei zurückzuführen, der der Entwicklung der türkischen Wirtschaft und der Durchsetzung der nötigen Reformen neue Impulse gibt – der wirtschaftliche Aspekt der Kopenhagener Kriterien verlangt von der Türkei eine funktionsfähige Marktwirtschaft sowie die Fähigkeit, dem Wettbewerbsdruck innerhalb des EU-Binnenmarktes standzuhalten und gegenüber ausländischen Märkten Offenheit zu beweisen. Die Fortschrittberichte der EU-Kommission bezeugen der Türkei diesbezüglich eine positive Entwicklung.

Der Tourismus ist einer der stärksten und wichtigsten Wirtschaftzweige der Türkei. Die Tourismuszentren liegen vor allem an der südlichen Ägäis-Küste sowie der türkischen Riviera zwischen Antalya und dem Kap Anamur. Der Großteil der Türkei-Touristen kommt aus Deutschland, gefolgt von Russen und Briten. Die Einnahmen, die die Türkei durch den Tourismus erzielt, beliefen sich im Jahr 2005 auf ca. 19 Milliarden Euro.

Die Wirtschaft der Türkei zeichnet sich darüber hinaus durch eine zunehmend wichtigere Rolle im internationalen Energiehandel aus. Diverse Pipelines von Zentralasien nach Europa führen durch die Türkei und haben sie als Transitland zu einem entscheidenden Akteur im globalen Energiemarkt gemacht. Besonders für die Zukunft wird dieser Sektor für die türkische Wirtschaft von großer Bedeutung sein.

Link

BTI-Ländergutachten zur Türkei

Gewerkschaften und Interessenverbände >

Webdesign EGENCY München