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Kinder der Eifel: Werner Weidenfeld

Politikwissenschaftler und Politikberater aus Cochem

14.09.2016 · Eifelzeitung


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In der Reihe wichtiger Politikwissenschaftler und Politikberater ragt ein Eifelmoselaner durch Bekanntheit und Bedeutung heraus: Mehrfach wurde der 1947 in Cochem geborene Professor Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld zum einflussreichsten Politikberater Deutschlands gewählt. Weidenfeld, Sohn der Eheleute Dr. Josef Weidenfeld und Maria (geb. Walther), erhielt schon im Elternhaus nachhaltige politische Prägungen. In seinem Buch „Europa: Eine Strategie“ (2014) erinnert er sich an spannende Gespräche am Frühstückstisch, bei denen es ebenso um die erst kurz zurückliegende menschenmörderische Katastrophe wie um die Chancen eines Neuanfangs ging. Als Politiker stand Bundeskanzler Adenauer im Mittelpunkt. Zu dessen Bedeutung als Hauptpersönlichkeit der deutschen Nachkriegszeit kam noch ein spezieller familiärer Anknüpfungspunkt hinzu: Werner Weidenfeld ist ein Großneffe des Liturgiereformers Ildefons Herwegen, der als Abt von Maria Laach seinem Freund Adenauer 1933 im Kloster Zuflucht geboten hatte.

Als die lange Regierungszeit Adenauers 1963 endete, war der von Politik und Geschichte faszinierte Cochemer Schüler des Eichendorff-Gymnasiums in Koblenz; 1966 machte er dort Abitur. Danach setzte das ein, was die Herausgeber einer Festschrift zu Weidenfelds 65. Geburtstag zurecht eine „Bilderbuchkarriere“ nannten. Auf das Studium von Politik, Geschichte und Philosophie an der Universität Bonn folgte die Promotion mit der 1972 veröffentlichten fast 400 Seiten starken Dissertation „Die Englandpolitik Gustav Stresemanns“. Deren Untertitel „Theoretische und praktische Aspekte der Außenpolitik“ vereinigt bereits treffend den doppelten Ansatz, der Weidenfelds Werdegang kennzeichnet. Nach der Habilitation wurde Weidenfeld 1975 Professor an der Universität Mainz – da war er erst 28 Jahre alt. An dieser Wirkungsstätte blieb er zwei Jahrzehnte. Weidenfeld ist mit Gabriele Kokott-Weidenfeld verheiratet, die 1978 Professorin für Rechtslehre an der damaligen FH Koblenz wurde und später Landtagsabgeordnete in Mainz war.

Weidenfelds Leben und Arbeit sind wirkungsgeschichtlich eng verbunden mit der Laufbahn von Helmut Kohl. Bereits 1971 war der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident auf den Jungpolitologen aufmerksam geworden. Daraus entwickelte sich eine produktive Zusammenarbeit, die Weidenfeld zu einem der engsten Berater Kohls werden ließ. Auch wenn die Bezeichnung als Kohls „Berater“ Weidenfeld angeblich nicht so gefiel – wie die ZEIT 1983 in einem Aufsatz über „Die Souffleure der Kanzler“ berichtete: Die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit der beiden Rheinland-Pfälzer steht außer Zweifel. 1987 wurde Weidenfeld Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Als Mitglied der Delegation Kohls bei dessen Polenreise im November 1989 wurde er wie der Kanzler vom Fall der Mauer überrascht. Die sich daraus ergebenden politischen Chancen etwa für eine EU-Osterweiterung erkannte Weidenfeld schneller als andere.

1995 verlagerte sich sein beruflicher Schwerpunkt nach Bayern. An der Universität München wurde er Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Europäische Einigung, zudem Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung (C.A.P.). Die enge Kooperation zwischen dem C.A.P. und der Gütersloher Bertelsmann Stiftung, in deren Vorstand Weidenfeld lange war, bescherten ihm vor etwa 10 Jahren negative Schlagzeilen. Manche Journalisten konnten kaum glauben, dass Weidenfeld sein unglaubliches Arbeitspensum ohne Vernachlässigung der einen oder anderen Aufgabe bewältigen konnte. Staunend hieß es in einem durchaus kritischen FAZ-Artikel: „Es gibt Menschen, für die läuft die Uhr einfach nicht weiter.“ Der auch international sehr aktive Politologe kann nicht nur immens viele Veröffentlichungen vorweisen, sondern ist als Kommentator und Interviewpartner in Funk und Fernsehen seit Jahrzehnten ebenso präsent ist wie als Redner auf unzähligen Foren, Kongressen und sonstigen Veranstaltungen. Die Herausgeber der erwähnten Festschrift konstatieren bei Weidenfeld „eine bis dahin in Deutschland so nicht gekannte Netzwerkbildung, die er als Qualitätsmerkmal seiner einzigartigen Umtriebigkeit zur Perfektion brachte“. Namhafte Politwissenschaftler und Journalisten wie Karl-Rudolf Korte oder ZDF-Chefredakteur Peter Frey können als Schüler Weidenfelds betrachtet werden.

Im Zentrum des politischen Kosmos von Weidenfeld steht seit seiner Jugend das „Faszinosum Europa“. Die krisenhaften Entwicklungen beim historischen „Friedensprojekt EU“ sieht er mit Sorge, bei den europäischen Hauptakteuren registriert er gefährliche „strategische Ratlosigkeit“. Schon vor der aktuellen Flüchtlingskrise attestierte er Bundeskanzlerin Merkel, dass sie zwar eine „situativ sehr gute Machttechnikerin“ sei, aber nicht in größeren historischen Konstellationen denke. Trotz oder gerade wegen solcher kritischen Bewertungen ist der vielfach geehrte Politikwissenschaftler nach wie vor ein sehr gefragter politischer Denker, der unermüdlich zu einem humanen und rationalen Kurs der Politik beitragen will.

Verfasser: Gregor Brand


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