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Europa zwischen Prozess und Identität
Beiträge zur Bilanz und Zukunft der EU - Prof. Dr. Curt Gasteyger über die Europa-Publikationen des C·A·P
04.07.2008 · NZZ
Wer sich über den vielschichtigen Prozess der europäischen Einigung und
deren institutionellen Kern, die Europäische Union, informieren will,
kann und darf nicht an den Veröffentlichungen vorbeigehen, die seit
mehreren Jahren das in München angesiedelte Centrum für angewandte
Politikforschung unter Leitung von Werner Weidenfeld publiziert. Man
darf wohl sagen, dass es kaum einen anderen EU-Staat gibt, in dem so
viel, so kompetent und durchaus auch kritisch über Europa und seine
Einigung nachgedacht, gelehrt und geschrieben wird wie in der nicht nur
geografischen Zentralmacht Deutschland. Erweiterung ohne Begeisterung Das Jahrbuch der
Europäischen Integration und das bereits in 10. Auflage erschienene
Taschenbuch Europa von A bis Z beruhen auf der Zusammenarbeit von
Weidenfeld mit Wolfgang Wessels, Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls an
der Universität Köln. Das gewichtige Jahrbuch wird von den beiden
Herausgebern anregend und informativ eingeführt. Weidenfeld zieht eine
zwar insgesamt positive, aber keineswegs unkritische Bilanz von Stand
und Herausforderungen des nunmehr fünfzigjährigen Einigungsprozesses. "Die Entzauberung Europas" offenbart sich vielleicht am sichtbarsten in
dem – wie Wessels in seinem Beitrag über die wissenschaftliche
Bearbeitung der Europapolitik festhält – ungelösten Zielkonflikt
zwischen einer nach vorne offenen Erweiterung hier und einer längst
überfälligen vertieften Integration da. Wie stark sich seit
der letzten, überhasteten EU-Erweiterung um Bulgarien und Rumänien
dieser Zielkonflikt zugespitzt hat, dürfte der Reformvertrag zeigen,
dessen Zukunft durch dass irische Nein ungewiss geworden ist. Es ist
bezeichnend für das Abkühlen der Begeisterung für die Idee der
europäischen Einigung, dass in ihm alle irgendwie "einigenden" Symbole
– wie die feierliche Präambel und die Hymne – gestrichen wurden: Die EU
ist – das zeigen die fast zwanzig Beiträge im Jahrbuch über ihren
Zustand, ihre Mitglieder und die verbliebenen Aussenseiter wie die
Schweiz – ein mit reichlichen Mitteln versehenes, aber in seiner
politischen Überzeugungskraft und Handlungsfähigkeit zusehends zu einem
schwerfälligen und damit kaum mehr wirklich reformfähigen Gebilde
geworden. Genau in diese mit einem Reichtum an Informationen
erstellte Jahresbilanz passt ein von Werner Weidenfeld und Julian
Nida-Rümelin betreuter Band über Inhalt und Wirkungsweise dessen was
als Europäische Identität bezeichnet wird – erschienen in der Reihe Münchner Beiträge zur europäischen Einigung. In der überaus
anregenden Publikation setzen sich ein Dutzend Autoren in
unterschiedlicher Blickweise mit Chancen und Wirkung einer
Identitätsbildung auseinander. Eine solche Entwicklung kann in den
Perspektiven einer EU als "Verfassungsgemeinschaft" (Achim Hurrelmann),
eines "bürgerschaftlichen Engagements" (Eva Feldmann-Wojtachnia) oder
einer Stärkung der sozialen Dimension (Thomas Meyer) geschehen – kurz:
wie es für den Zustand der Integrationsdiskussion bezeichnend ist, in
vielerlei Variationen mit nur schwachem gemeinsamem Nenner. Beharrungsvermögen der Staaten
Nach Bettina Thalmaier ist jedenfalls die EU eine in stetigem Wandel
begriffene Institution ohne genau vorbestimmtes Ziel. Sie ist
gewissermassen "nach vorne offen". Konkret kann das heissen, dass alle
die eben erwähnten Szenarien Wirklichkeit werden könnten. Trotzdem,
schreibt Thalmaier wohl zutreffend: Das Beharrungsvermögen der
Mitgliedstaaten und ihrer Eigenarten wurde allseits unterschätzt.
Das zeigt sich besonders deutlich bei den erst vor kurzem
hinzugekommenen Mitgliedstaaten Ostmitteleuropas: Kaum von sowjetischer
Herrschaft befreit, auf der Suche nach einer jahrzehntelang
unterdrückten nationalen Identität und Selbständigkeit, wird von ihnen
abermals zumindest teilweise eine Übertragung von Souveränitätsrechten,
diesmal an Brüssel, erwartet. Ein gemeinsamer Wille?
Das führt fast zwangsläufig zu der von Josef Janning im selben Band
gestellten Frage, wie viel Übereinstimmung an religiöser, ethnischer
und nationaler Identität es in der Europäischen Union gebe
("Europäische Politik und europäisches Bewusstsein"). Noch deutlicher
nachgefragt: Gibt es jenseits wirtschaftlich-finanzieller Ansprüche und
Interessen eine gemeinsame immaterielle Klammer, die das ganze Gebilde
von nunmehr 27 Mitgliedstaaten nicht nur zusammenhält, sondern
schrittweise dauerhaft zusammenführt? Das sind, möchte man sagen, fast
schon peinliche Fragen. Denn, wie Nida-Rümelin bemerkt: Erweiterung
ohne Vertiefung heisst letztlich kaum mehr als blosse Verflechtung. "Ohne einen normativen Grundkonsens, der mehr umfasst als das
Beschwören europäischer Vielfalt, wird die EU zu fragil bleiben, um die
Rolle zu spielen, die sie spielen will – in der Weltpolitik und
gegenüber den Mitgliedstaaten." Dem möchte man hinzufügen: eine Rolle,
die sie angesichts der wachsenden sicherheits- und
wirtschaftspolitischen Herausforderungen immer mehr zu spielen
gezwungen sein wird. Defizit an Strategie Es ist, wie
Weidenfeld feststellt, der Mangel an strategischem Denken, der zu
Europas Achillesferse geworden ist. Nur, so bleibt zu fragen, wer und
wo sind die von Weidenfeld aufgerufenen "europäischen Eliten", die
dieses Defizit festzustellen, seine Ursachen zu diagnostizieren und
dann eine Therapie zu entwickeln vermögen? Eine Therapie, die der EU
dazu verhelfen kann, auch als ernstzunehmende politische Einheit eine
ihrem wirtschaftlich-demografischen Gewicht entsprechende Rolle zu
spielen. An Diagnosen institutioneller Defizite, inhaltlich
ausformulierten Vorschlägen und strategischen Denkanstössen fehlt es
wahrlich nicht. Das belegen eindrücklich die hier angezeigten drei
Publikationen. Zu fragen bleibt lediglich, ob sie von der Politik
gehört und zumindest als Anregung zum Überdenken einer sich sonst
ständig verflachenden Integrationspolitik ernst genommen werden.
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Die Europäische Union

Ein neuer Band von Werner Weidenfeld in der UTB-Reihe "Grundzüge der Politikwissenschaft"

11.03.2010 · C·A·P |
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Werner Weidenfeld (Hrsg.): Die Europäische Union, UTB-Reihe "Grundzüge der Politikwissenschaft", Stuttgart 2010
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