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Der Libanon auf der Kippe

Nahost-Expertin Almut Möller: Das Land wird immer mehr zu einem 'failed state'.

Das tagelange Gemetzel in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Nord-Libanon bringt den notorisch instabilen Zedernstaat nach Expertenansicht weiter in Richtung Bürgerkrieg.

Von FOCUS-Online-Redakteur Ingo Thor, München

25.05.2007 · FOCUS Online


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Vom vergangenen Wochenende bis zum Dienstag lieferten sich die libanesische Armee und Angehörige einer obskuren El-Kaida-nahen Islamisten-Gruppe namens Fatah el Islam in dem Lager namens "Nahr el Bared" Schießereien – es gab bislang mehr als 100 Tote. Die libanesische Armee hat zu dem Lager gemäß einem 38 Jahre alten Abkommen keinen Zutritt. Am Mittwoch nutzte der Großteil der 40.000 Palästinenser eine fragile Waffenruhe, um aus der umkämpften Zone zu fliehen. "Nahr el Bared", das in der Nähe von Tripoli liegt, wurde zu einer Geisterstadt.

Flickenteppich aus Religionen vielleicht bald "failed state"

Expertin Almut Möller vom Centrum für angewandte Politikforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sagt, im Libanon könne es "jederzeit zu einer Eskalation der Lage kommen". Und das würde nur eines bedeuten: Bürgerkrieg. Also ein Zustand wie zwischen 1975 und 1990, als sich diverse islamische und christliche Milizen bis aufs Blut bekämpften, die Hauptstadt Beirut in eine Ruinenzone verwandelten und weite Landstriche verwüsteten.

60 Prozent der Libanesen sind Muslime, 40 Prozent Christen, 18 Prozent sind Mitglieder von mehr als zehn religiösen Sekten wie beispielsweise den Drusen oder den Ismailiten. Das ist der Humus, in dem vor 30 Jahren das totale Chaos wachsen konnte. Der religiöse Flickenteppich und die Tatsache, dass die Muslime zahlenmäßig gehörig zulegen, könnten schon bald ein erneutes Abgleiten in die Anarchie bewirken. Laut Expertin Möller wird das Land "immer mehr zu einem 'failed state', aus der Sicht von El Kaida möglicherweise ein attraktives Terrain, um von dort aus zu operieren".

USA sehen Syrien hinter der Eskalation

Was steckt hinter den plötzlich aufgeflammten Kämpfen im Norden des Landes? Die USA vermuten, dass Extremisten versuchen, ein UN-Tribunal zum Mord an Ex-Regierungschef Rafik el Hariri zu torpedieren. "Wir glauben, dass die Urheber des Angriffs zwei eindeutige Ziele haben", sagte US-Präsidentensprecher Tony Snow kürzlich. Sie wollten die Sicherheit des Libanon stören und die internationale Aufmerksamkeit von den Planungen für ein UN-Sondergericht ablenken. "Wir werden keine Versuche Syriens, terroristischer Gruppen oder anderer Kräfte hinnehmen, die Bemühungen des Libanon um die Festigung seiner Souveränität oder um die Suche nach Gerechtigkeit im Fall Hariri zu verzögern oder aus der Bahn zu bringen", fügte Snow hinzu.

Hariri war im Februar 2005 in Beirut ermordet worden. Etwa 150 000 Menschen nahmen damals an der Trauerfeier teil. Die Hintergründe der Bluttat sind bis heute ungeklärt. Vom früheren Chefermittler Detlev Mehlis war das von Washington zur "Achse des Bösen" gezählte Regime von Präsident Baschar el Assad in Damaskus als Hauptdrahtzieher genannt worden. Das anvisierte Sondertribunal soll die Täter identifizieren und aburteilen.

Immer wieder Morde und Bomben

Versuche wie der in Tripoli, Unruhe zu stiften, hat es in jüngster Vergangenheit gehäuft im Libanon gegeben: Im November 2006 wurde Industrieminister Pierre Gemayel, ein Mitglied der anti-syrischen Regierung von Fuad Siniora, erschossen. Kurz danach begann die schiitische Islamisten-Organisation Hisbollah mit einer Kampagne zum Sturz des Ministerpräsidenten. Erst am Mittwoch wurden bei einer Bombenexplosion in Beirut fünf Menschen verletzt.

Die gespannte Ruhe im Lager "Nahr el Bared" setzt sich momentan zwar fort, doch es ist zu befürchten, dass die Kämpfe bald wieder aufflammen. Verteidigungsminister Elias el Murr drohte am Donnerstag mit einer weiteren militärischen Aktion, sollten sich die Männer von Fatah el Islam nicht ergeben. Aus Militärkreisen verlautete, die "Angelegenheit" sei "nicht vorbei". Der pro-westliche Ministerpräsident Fuad Siniora äußerte sich ähnlich: "Wir werden den Terrorismus beenden, ... der Sprengstoff wird uns nicht einschüchtern."


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