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Der Architekt der Einheit erinnert sich mal wieder

Rezension von Helmut Kohls "Erinnerungen 1990 – 1994"

Helmut Kohl, Erinnerungen 1990 – 1994, Verlag Droemer Knaur, 784 Seiten, ISBN: 3-426-27408-6, EUR 29,90

17.01.2008 · Von Werner Weidenfeld


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Es ist ein Buch für politische Feinschmecker. Zum dritten Mal hat der Architekt der deutschen Einheit seine Erinnerungen zu Papier gebracht. Damit soll eine authentische Erklärung für die grandiose historische Leistung dieses Giganten der Zeitgeschichte geliefert werden.

Zunächst muss man sich aber harte Elemente der Wirklichkeit vor Augen halten, um den Beginn des Buches in einen zutreffenden Rahmen zu stellen: Eigentlich war Kohls Regierung 1989 in einer Endphase. Ihr Aufbruchsethos von der geistig-moralischen Wende 1982 war erschöpft, Genscher suchte für eine Koalitionsbildung neue Horizonte – dann fiel die Mauer und die deutsche Einheit war zu gestalten. Die Leichtathleten nennen das im Langstreckenlauf "die zweite Luft". Unerwartete Energien stellen sich plötzlich wieder neu ein. Das galt auch für den Politiker Kohl. Er konnte erneut sein taktisches Geschick, seit vielen Jahren bekannt, entfalten. Es galt nun die Netze an Loyalitäten und Zweckgemeinschaften für die Einheit Deutschlands und Europas einzusetzen – nicht mehr bloß für Gefolgschaftstreue in der eigenen Partei. Kohls Technik der Machtausübung für die deutsche Einheit, dieses große Thema der Geschichte, erscheint merkwürdig bekannt. Man konnte es bereits aus seiner kommunalen und landespolitischen Zeit bestens kennen. Überall ist Oggersheim. Lediglich der politische Gegenüber ist nicht mehr der Nachbar, sondern der amerikanische oder französische Präsident, die britische Premierministerin oder Generalsekretär Michael Gorbatschow. Allerdings war bei der Premierministerin Margret Thatcher Kohls Stil wirkungslos: Das Verhältnis zwischen beiden wirkte "immer angespannt. Wir verstanden uns nicht." Maggi Thatcher blieb wie Giulio Andreotti gegen den Oggersheim-Virus immun.

Es sind die scharfen Bilder der Machtkämpfe, die dem Buch auch in mancher Unvollständigkeit den besonderen Reiz verleihen:

  • Da ist die Dialektik in der Beziehung zwischen Kohl und Genscher. Es ist die Gleichzeitigkeit von Vertrautheit und Entfremdung. Mal zeigt Kohl seine Distanz: "Wieder musste ich zur Kenntnis nehmen, dass Genscher selbstherrlich mit Zahlen operiert hatte, die nicht akzeptabel waren". Mal bekannte er sich zur langen Verbundenheit: "Trotz aller Spannungen zwischen uns: Im entscheidenden Moment konnte ich mich stets auf ihn verlassen". So lebt Politik mit ihren spannungsvollen Gegensätzlichkeiten – auch bei Helmut Kohl.

    Von Genscher erfuhr Kohl am Rande des  Berliner Presseballs im Januar 1992, dass er im Laufe der Legislaturperiode zurücktreten werde. Im Mai 1992 vollzog Genscher diesen Schritt. Kein Leser erfährt von Kohl warum und wieso. Die Gründe für die überraschende Entscheidung bleiben ungeklärt.
  • Sympathien und Antipathien verteilt Kohl in diesem Band nach altem Muster ohne Überraschungen. Man weiß ja aus den beiden ersten Bänden, wo er wen platziert: Maggie Thatcher wie Francois Mitterand, Richard von Weizsäcker wie Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm wie Willy Brandt. Er bedenkt wie immer "die Putschisten" in seiner Partei mit Verachtung und die Unterstützer mit Lob. Seine Gegner beschreibt er geradezu routinemäßig als kleinkariert und erbärmlich. Keine neue Erkenntnis dazu im neuen Band.
  • Als Kohl im Juli 1990 im Kaukasus mit Gorbatschow die organisatorischen Details des Prozesses zur deutschen Einheit besprach, ging es auch um handfeste, finanzielle Maßnahmen. Gorbatschow brauchte, um innenpolitisch zu überstehen, deutsche Hilfsgelder für den sowjetischen Truppenrückzug. Kohl sagte Hilfe zu, sehr freundlich, sehr höflich, aber höchst unpräzise: "Wir sagten unseren Gesprächspartnern zu, dass wir bei der Beschaffung von Wohnraum für die heimkehrenden sowjetischen Truppen mit Rat und Tat behilflich sein würden". Aus dieser Allgemeinheit leitete Gorbatschow erheblich höhere Summen ab, als Kohl im Auge hatte. Als Gorbatschow vor Vertragsabschluss nun die konkreten Summen fixieren wollte, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit Kohl – der Bundeskanzler musste mehr bieten, um den Vorgang der Einigung Deutschlands nicht im letzten Moment insgesamt zu gefährden. Kohl hätte den Vorgang noch schärfer nachzeichnen können. Dann wäre die Enttäuschung Gorbatschows härter greifbar gewesen, dass Kohl offenbar zunächst seine unpräzisen Freundlichkeiten nicht befriedigend finanziell unterfüttern konnte oder wollte. Kohl sprach im September 1990 mit Gorbatschow wie bei einem Bazar-Handel. Er bot 8 Milliarden DM und Gorbatschow forderte 18 Milliarden. Kohl setzte sich freihändig über die ihm intern gesteckten finanziellen Grenzen hinweg. Am Ende waren es 15 Milliarden, um die es ging. Das Endspiel im Milliarden–Poker hatte allerdings noch schärfere Konturen als hier nachlesbar.
  • Als der polnische Präsident Lech Walesa Kohl im März 1992 in Bonn besuchte, berichtet nun Kohl ausführlich über das Gespräch. Er lässt aber die Gelegenheit verstreichen, jetzt endlich einmal die historische Begegnung der beiden am 9. November 1989 zu erzählen. Damals hatte Walesa den Kanzler geradezu visionär auf den Mauerfall vorbereiten wollen, was von deutscher Seite als irreale Phantasie abgetan wurde. Wenige Stunden später fiel die Mauer.
  • Kohl ist historisch gebildet. Mit dem Material der Geschichte spielte er in entscheidenden Momenten. Konrad Adenauer hatte bei seinem Besuch 1955 in Moskau, um die Freilassung deutscher Kriegsgefangener zu erreichen, mit dem vorzeitigen Abflug gedroht. Genau das tat Kohl gegenüber Gorbatschow auch. Als er im Juli 1990 bei seinem Besuch in Moskau zu einer freundlichen Geste in Gorbatschows Heimat fliegen sollte, waren die Standpunkte zur Bündnisfrage "letztlich doch unvereinbar". Kohl kopierte den alten Fuchs Adenauer. Er wollte nur im Falle einer Einigungsbereitschaft Gorbatschows in den Kaukasus fliegen. So setzte er sich durch: Gorbatschow sagte nur: "Wir sollten fliegen".
  • Deutlich wird, welche Schwierigkeiten Kohl hatte, seine Haltung zur polnischen Westgrenze verständlich zu machen. Trotz zahlreicher Erklärungsversuche gelang ihm weder gegenüber Mitterand noch gegenüber der polnischen Führung, auch nicht in Bezug auf seine innenpolitischen Partner, eine erfolgreiche Überzeugungsarbeit. Kohl war deshalb "irritiert".
  • Kohl zeigte seine taktische Meisterschaft bei der ersten freien Wahl in der DDR am 18. März 1990. Er zimmerte eine 'Allianz für Deutschland', ein Wahlbündnis höchst disparater Parteien. Dazu gehörten Kreise ehemaliger Oppositioneller, wie viele im Demokratischen Aufbruch (DA), ebenso wie die sehr konservative Deutsche Soziale Union (DSU) und die DDR-Blockpartei CDU. Am 18. März wurde Kohls Initiative mit einen hohen Wahlsieg belohnt. Helmut Kohl und Lothar de Maizière, der im April 1990 erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR wurde, blieben jedoch auf Distanz – bis zum heutigen Tag. Für Kohl war de Maizière kein Gefolgsmann.
  • Kohl gibt sogar einen Fehler zu. Er muss "einräumen, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Wirtschaft und damit auch den Wert des DDR-Vermögens deutlich überschätzt haben". Massivster Ausdruck dieses Fehlers war die Festlegung des zu hohen Umtauschwertes für die Ost-Mark. Kohl will es jedoch nur politisch sehen: "Aus politischen Gründen gab es keine Alternative".

Das Buch kann den kundigen Leser in seinen elementaren Erkenntnissen durchaus bestärken. Der Erfolgsprozess zur deutschen Einheit lag letztlich in einer Verbindung einzelner Faktoren: günstige Rahmenbedingungen, staatsmännisches wie diplomatisches Geschick und schließlich eine beachtliche Prise glücklichen Zufalls.

Das Buch Kohls weist die elementare Komposition und intentionale Zwecksetzung der Rückblicke politischer Entscheidungsträger auf. Halten wir uns dazu den Text vor Augen: Er gießt eine Materie widersprüchlicher Einzelheiten in eine logische Form. Da bot sich eine Chance, die Spaltung zu überwinden. Kohl entwarf angeblich im 10-Punkte-Plan eine Strategie zur Einheit. Dann band er alle wichtigen Akteure – innen- wie außenpolitisch – ein. Und schließlich stimmten alle zu. So liest es sich in Kohl Erinnerungen. Es klingt gut. Schließlich heißt es in seinem Originalton: "Wir wollten den Weg zur Deutschen Einheit mit Vernunft und Augenmaß beschreiten". Wer will etwas dagegen einwenden? Ein solcher Ansatz nostalgischer Harmonisierung gießt ein kompliziertes historisches Material in einfache Formeln. Die Gestaltung durch den Memoiren-Autor hat ihren Zweck erfüllt. Die Geschichte wurde schön erzählt.


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