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Ego. Das Spiel des Lebens.

Jürgen Tureks Rezension des Buchs von Frank Schirrmacher

Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens, München 2013, Karl Blessing Verlag, ISBN: 978-3-89667-427-2.

Rezension, zuerst erschienen auf:
regierungsforschung.de

Von Jürgen Turek, C·A·P-Fellow

14.06.2013 · C·A·P


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Die Wirtschaftswissenschaft wandte sich vor über 100 Jahren anthropologischen Bezügen zu. Das war vor dem Hintergrund der Vermutung plausibel, dass das Wesen des Menschen auch sein ökonomisches Verhalten prägt. Die Ökonomie konstruierte ein Menschenbild, das sich im Zuge der Industrialisierung dann auf die Theorie eines totalen „Nutzenmaximierers“ eigensinnig kaprizieren sollte. Die Nationalökonomie fand gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit John Kells Ingram in seinem 1888 publizierten Werk „A History of Political Economy“ den „Homo Economic“ (bzw. im Lateinischen den Homo Oeconomicus), den Menschen also, der permanent all sein Handeln auf den Nutzen desselben ausrichtete, und der als „rationaler Agent“ diesem Nutzen alle anderen Orientierungen oder antizipierten Daseinsgründe unterordnete. Die Entscheidungsabläufe des Homo Oeconomicus wurden in mathematisch-logisch ablaufende Entscheidungs- und Verhaltensweisen unterteilt. Dies geschah um aufzuzeigen, dass der so programmierte Mensch die wesentlichen Dinge sowohl des Alltags als auch der Lebensplanung strategisch in Angriff nimmt und taktisch im Verlauf der Ereignisse danach kalibriert: am Nutzen orientiert, an der Gewinnmaximierung interessiert. Dabei wurde das Verhalten des Homo Oeconomicus nicht simplifiziert, sondern als eine komplexe Güterabwägung innerhalb der Lebenswelt verstanden, die auch soziale, emotionale oder politische „Kosten“ erfasste, diese aber letztendlich immer in ein persönliches Nutzenraster einfließen ließ: den persönlichen „Gewinn“. Das ‚Ich’ und das ‚Haben’ triumphierten und ließen das ‚Wir’ und ‚Sein’ in diesem Menschenbild als Zierrat des Lebens eher außer acht.

Dass diese Auffassung eines zutiefst egoistischen und einseitigen Menschenbildes harsch kritisiert wurde, verwundert nicht. Es wurde zu einem Streitobjekt zwischen der Wirtschaftswissenschaft, den Sozialwissenschaften, der Philosophie, den Religionswissenschaften oder Teilen der biologischen Wissenschaften. Andere Deutungsmuster kontrastieren damit: das Aristotelische Zoon Politikon (das politische Tier), der Homo Religiousos des christlichen Mittelalters, der „Wolf“ im Hobbesschen Naturzustand, der liberale Bourgeois, der republikanische Citoyen oder das Individuum der Spätmoderne. Dezidiert gegen die enge Rollenposition des Homo Oeconomicus argumentierte schließlich Ralf Dahrendorf mit seinem berühmten und erstmals 1959 erschienenen Traktat „Homo Sociologicus“. Dort bot er versöhnlich an, die „enge Konzeption des Homo Oeconomicus durch eine entsprechend soziologisch adaptierte Fassung des Rollenbegriffs“ zu überwinden.[1]

Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, klärt das Verhältnis seines Homo Oeconomicus in seinem neuesten Werk zu diesen menschlichen Wesenserklärungen nicht. Grundsätzlich wichtig aber ist: das Modell war immer als deskriptives Verhaltensmodell gedacht und niemals als normatives Leitbild konzipiert worden. Ein anthropologisches Menschenbild benötigt eine Beschreibung über das Wesen des Menschen, also seine intrinsischen Motive. Dies beanspruchte das Bild des Homo Oeconomicus nicht, was die Ökonomen der damaligen Zeit dem Rest der Gemeinde aber als Hypothese dieses Menschenbilds nicht hinreichend erklären konnten oder wollten.[2] Trotzdem geht das Gespenst des Homo Oeconomicus wieder um. Glaubt man Schirrmacher, ist das „Monster“ (S.42 ff.) nicht tot, sondern quirlig, kräftig und gesund, und eine gewaltige Armee von „Ichlingen“ überzieht die Welt mit ihrer zeitgenössischen Egomanie.

Lebt der Homo Oeconomicus?

Frank Schirrmacher beschreibt den Homo Oeconomicus als persönlich verengten und unsympathischen ‚Ichling’ auf dem Parkett der Gegenwart. Wie schon in seinen vorherigen Publikationen „Das Methusalem Komplott“ oder „Payback“[3] geht der Chef des Kulturressorts des Frankfurter Qualitätsblatts FAZ das Thema überaus eloquent an. Er beschreibt den modernen Homo Oeconomicus zwar nicht als Zombie, der durch den Virus des reinen Eigennutzes kontaminiert die Erde überzieht; aber er beansprucht die Deutung einer empörenden Geschichte, die Erzählung einer bösen, flächendeckenden Manipulation: vor 60 Jahren, so der Autor, wurde von Militärs und Ökonomen ein theoretisches Entscheidungsmodell des Menschen entwickelt! Mit Blick auf die Zeit vor etwa 125 Jahren, wurde da ein Menschenbild rekonstruiert. Es entstand das Bild eines zutiefst egoistischen Wesens, das nur auf das Erreichen seiner Ziele, auf seinen Vorteil und das Austricksen der anderen bedacht ist: ein moderner Homo Oeconomicus. „Ein Wesen also, das man nicht durch diffuse Leidenschaften, sondern durch seine knallharten Interessen verstehen konnte [...]“(S.28). So wurde der ‚alte’ Homo Oeconomicus am „Ende der Geschichte“ 4] nicht durch eine innerlich gezähmte liberale Kreatur ersetzt, sondern er hielt stand, er eroberte die Deutungs- und Lufthoheit über das 21. Jahrhundert, als Bestie einer ökonomisch gierigen und sozial entseelten Gesellschaft neu. Das persönliche, soziale und ökonomische Verhalten würde heute durch diese Haltung beseelt-  und diese Haltung würde mit modernsten Entscheidungsinfrastrukturen und ihren technologischen Instrumenten perfekt unterstützt. Gerade mit Blick auf die globalisierte Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sei dies fatal, da eine Vielzahl von professionellen und privaten Wirtschaftssubjekten permanent mit dieser Programmierung in entfesselte und miteinander extrem vernetzte Märkte eingriffen. Jederzeit in Echtzeit und mit Lichtgeschwindigkeit, der globale Turbokapitalismus kennt zeitlich und geografisch keine Grenzen. Da jeder dabei sei, sei das Modell zur selbst erfüllenden Prophezeiung geworden, und der Mensch sei als souveräner Träger einer echten individuellen Entscheidung entmachtet worden oder habe sich durch die Faszination des Spiels und die bestehenden ‚Möglichkeiten’ selbst entmenschlicht. Schachmatt also, wenn Frank Schirrmacher damit die komplette Ausschaltung anderer intrinsischer Motive des Homo Oeconomicus meint. Das ist die Grundthese der Publikation und Schirrmacher weitet seine These ein wenig apokalyptisch anmutend auf die Überlebensfähigkeit der Gesellschaften als Ganzes aus. Es wüte ein Informationskapitalismus, und dieser sei zum Navigationsgerät der auf der Erde herum wimmelnden Menschenschar geworden, der die ganze Welt in einen fiebrigen Geisteszustand versetze, der Entscheidungen nur noch an egoistischen Nutzenerwägungen orientiere und im Ergebnis eine ganz große Gleichgültigkeit produziere, die letztlich dann auch das Gemeinwohl gefährde.

Ökonomischer Imperialismus

Das Buch basiert auf einer zentralen These, die den Titel „Ökonomischer Imperialismus“ trägt. Sie sagt, dass die Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert hätten. Sie herrschten nunmehr totalitär, so wie das seinerzeit im Marxismus war (S.15). Frank Schirrmacher fokussiert die Betrachtung des Homo Oeconomicus damit auf seine bombastischen Auftritte in den letzten 20 Jahren und die katastrophalen Auswirkungen auf die nationale und globale Wirtschaft. Gut meint er es mit seinem Gutachten natürlich nicht. Damit ist man bei der ersten Welle einer empörten Kapitalismuskritik der 2000er Jahre gelandet, als etwa die französische Autorin Vivianne Forrestier 1999 mit ihrem Buch „Der Terror der Ökonomie“ im Tenor mit anderen Autoren wie Edward Luttwak oder Peter Glotz das Primat der Ökonomie als Prägestempel des 21. Jahrhunderts geißelten.[5] Die nunmehr über 20 Jahre währende Egomanie habe dabei gezeigt, wie der Homo Oeconomicus mit vielen Artgenossen als Wildschweinherde in den Gärten der Globalisierung wüte. Im Zentrum dieser These stehen für Schirrmacher zwei in der Informationsökonomie wichtige Denkgebäude, die „Rational-Choice-Theorie“ und die „Spieltheorie“, die in der entfesselten Wirtschaftswelt nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 entscheidend waren für das Erscheinungsbild des modernen Homo Oeconomicus. Der entscheidende Punkt dabei waren die durch Informationstechnologien ermöglichten Aktionen, welche zu wunderbaren Machbarkeiten im strategischen und taktischen Verhalten von Menschen führten. Für Frank Schirrmacher waren die sprunghaft anwachsenden Kapazitäten der Informationstechnologie die Grundlage dafür, dass Menschen, zunächst im militärischen Bereich, und dann im Wirtschaftsprozess, Verhaltensweisen entwickeln konnten, die im Rahmen der oben genannten Theorien eine gute Kalkulation des Verhaltens von anderen Menschen oder Systemen und damit ‚vorteilhafte’ Verhaltensweisen ermöglichten, die immer einfacher am eigenen Vorteil orientiert sein konnten und weiterhin sein können. Jenseits der Vorstellungen eines Bill Joy[6] oder Ray Kurzweil über die physikalischen Verschmelzungsmöglichkeiten von Menschen und Maschinen zu einem Homunkulus des 21. Jahrhunderts entstand so, wenn man Schirrmacher richtig versteht, eine eher brückenhafte Mensch-Maschinen-Symbiose, die den modernen Homo Oeconomicus ermöglichte, um nicht zu sagen, durch eine sirenenhafte Anziehung geradezu erzwang. Mit Blick auf alle bisherigen Thesen der Verbindung von Menschen und Maschinen ist dies momentan eine der wohl attraktivsten gedanklichen Zuspitzungen in diesem Bereich. Mittlerweile ist diese Symbiose insbesondere über das Internet, über technisierte soziale Netzwerke, eine allgegenwärtige und subtile Werbung wirtschaftlich kommerzialisiert, sozial akzeptiert und individuell perfektioniert. Die stille und immer eleganter daherkommende technologische Grundlage dafür ist die Hard- und Software der modernen Welt. Die Spieler in diesem System erzielen größtmöglichen Nutzen durch einen optimalen Informationsgebrauch. Die einzige Maxime dabei ist: spielen und gewinnen, die Frage aber ist, um welchen Preis?

Das Narrativ des ökonomischen Imperialismus

Frank Schirrmacher erzählt seine Geschichte vom neuen Homo Oeconomicus in zwei Teilen. Sie handelt einerseits von der Optimierung des Spiels und andererseits von der Optimierung des Menschen. Wer hier eine trockene Wirtschaftsgeschichte erwartet, der irrt. Es geht dabei vielmehr um die Verbindung von physischen, psychologischen und innovativen Antriebsmotoren in der Wirtschaft, die ein optimiertes egoistisches Verhalten ermöglichten und ein anderes Bewusstsein dafür schufen. Letzteres ist wichtig. Es geht um die Kultur des ökonomischen Imperialismus. Der Prozess, so beschreibt es Frank Schirrmacher, begann bereits vor 60 Jahren und erreichte dann mit der Digitalisierung der Wirtschaft und der New Economy einen ersten Höhepunkt. Es darf daran erinnert werden, dass seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes durch menschliches Erwartungsverhalten Billionen von Euro, US-Dollar, Schweizer Franken, britischen Pfund oder japanischen Yen verbrannt sind, durch Spekulationen, Gier, Dummheit, falsche Ratschläge, irrige Markteinschätzungen oder schlicht durch Betrug. Mit Realwirtschaft hatte das praktisch nichts mehr zu tun. Nicht zuletzt mithilfe einer informationstechnologisch optimierten Machbarkeitsstruktur war das überhaupt möglich, aber viele Marktteilnehmer wurden dabei eben auch abgestraft, nicht nur auf Aktien- oder Devisenmärkten, sondern auch auf als sicher geltenden Rentenmärkten. Allerdings: die Show ging weiter, und die Aufforderung zum Tanz gilt trotz Wirtschafts- und Finanzkrisen nach wie vor. Die Gier und die Lust am Spiel füttern das System. Frank Schirrmacher greift spektakuläre Vorkommnisse der jüngeren Vergangenheit wie etwa die Pleite der Lehman Bank als Fallbeispiele auf. Im Kern geht es dabei immer um zwei strategische Verhaltensweisen: was passiert, wenn ich A tue und mein Gegenüber dies (also A), aber gleichzeitig auch B und C kalkuliert? Wie kalkuliere ich diese Antizipation mit Reflektionen über D und E und welche Vorteile realisiere ich dadurch? Welche Spielzüge sind möglich und notwendig (Spieltheorie). Und wie kalkuliere ich genau das Ergebnis dieser Konstellation, unter Vermeidung von Störungen und unter welchen Prämissen und Randbedingungen (Rational Choice). Das Koordinatensystem von Spieltheorie und Rational Choice ist ein ganz starker Bezug, da das Spiel prinzipiell ein zentraler Bestandteil einer jeden Gesellschaft ist. Wie gesagt, die endlosen Kalkulationen der Abschreckung in den kalten Betonbunkern des Kalten Kriegs und die mathematischen Marktspekulationen im postkapitalistischen System der Zeit nach 1990 (unter Anderem mit der Chartanalyse der Aktienspekulation) sind für Frank Schirrmacher Ankerpunkt vieler Reflektionen. Beweise seiner Spurensuche findet er dabei vor allem – im zweiten Teil des Buches – in der geistigen Transformation menschlichen Handelns innerhalb des Spinnennetzes des globalen Spiels. Ein kitzeliges Spiel, das einen Flash auslöst, wenn man bei diesem Roulette richtig setzt und - gewinnt. Das Casino wurde in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts nach den strategischen Übungen am grünen Tisch von wissenschaftlichen Einrichtungen wie der RAND Corporation in Amerika oder wirtschaftlichen Kraftwerken wie dem Silicon Valley sowie der Wall Street durch die Bereitstellung von Risikokapital aufgeschlossen.

Die Magier der New Economy beriefen sich auf eine geradezu atemberaubende Vision: die Umwandlung von Information in Geld! Wie ein Flächenbrand weiteten sich mit dem Internet und der globalen Netzökonomie die Möglichkeiten für den Homo Oeconomicus aus. Der Kick des Matches legte dann in der Konsequenz die Grundlage für eine neue Mentalität, den Startschuss für eine spirituelle Erneuerung der Ökonomie, die bereits in den 1930er Jahren mit dem Begriff der „geistigen Ökonomie“ den virtuellen Reichtum als Grundlage für das materielle Wohlergehen der Menschheit pries. (S.219 und S. 222). In einem neuartigen Kokon der Informationsökonomie eingesponnen, konnte der Homo Oeconomicus tagtäglich seine Einsätze mit großer Begeisterung ob der schönen neuen Wirtschaftswelt setzen. Der technologische Fortschritt und die Bewusstseinsschübe der neuen Ökonomie schmusten um das Ego und markierten den Punkt, als die ‚Ichlinge’ mit freundlicher Unterstützung der gesamten Finanzwelt freudig erkannten, dass sie sich jetzt wirklich austoben konnten. Folgt die Verdammnis des ökonomisch determinierten Menschen, was den Einzelnen zum Ich-Monster deformiert? Und das, so scheint es, ist eine Botschaft des Buchs „Ego. Das Spiel des Lebens“. Wie der Biss des Vampirs wandeln Digitalisierung, das Netz und der ökonomische Imperialismus den Menschen zum modernen Homo Oeconomicus unwiderruflich um. Und dies wird mit diesem Buch nicht nur konstatiert, sondern unterschwellig, so wirkt es, moralisch eigentlich verdammt. Es wäre ein wahrhaft interessantes Bild, wenn ein Hieronymus Bosch diese empörte Perzeption des Menschen in ein modernes ‚Weltgerichtstriptychon’ gießen würde, um davor zu warnen, das diese Entwicklung eine Tragödie ist und in nicht allzu ferner Zukunft das jüngste Gericht für den Homo Oeconomicus bedeuten wird.

Vieles interessiert an Schirrmachers These vom modernen Homo Oeconomicus außerordentlich, blendet aber die komplexe Motivationsstruktur menschlichen Handelns irgendwie aus. Dies bezieht das Tun oder Unterlassen bei wirtschaftlichen Aktionen explizit mit ein. Zusammengefasst sagt das Buch: mit der Globalisierung und digitalen Revolution veränderten sich seit den 1990er Jahren die materiellen und spirituellen Grundlagen der Marktwirtschaft, die zu einer neuen Form des Wirtschaftens mit neuen Möglichkeiten führte. Geradezu geisteskrank wirkende Auswüchse der Netzwerkökonomie entstanden. Das Streben nach Nutzenmaximierung des Homo Oeconomicus erhielt so – im Rahmen der Spieltheorie und rationaler Entscheidungsfindung – eine Optimierung von Chancen. Allerdings zu einem neuen Preis: „Das man nur ist, was man tut, und das man nur tut, wofür es einen Markt gibt, und dass es nur einen Markt gibt, für das, wofür man bezahlt wird, (das) ist das Mantra (einer) neuen Identität“ (S.249). Die Versprechungen der „Cybermoderne“ (S.247) erschufen eine unwiderstehliche Magie. Das wurde paradoxerweise zu Peitsche und Zuckerbrot des ökonomischen Imperialismus und erschuf subtil ein Menschenbild, das nach Frank Schirrmacher insbesondere aus dem angelsächsischen Raum intellektuell nachhaltig befeuert worden ist, wobei die ‚kalifornische Ideologie’ der USA und die Impulse aus der ‚Old-School-Ökonomie’ des Ostens Amerikas eine wichtige Rolle spielten. Mit Blick auf die vergangenen zwei Dekaden weist Schirrmacher darauf hin, dass die Alchemie des Machens von Information zu Geld im Rahmen der New Economy nicht funktioniert hat - und nicht funktionieren wird. Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts war nicht in der Lage, um im Bild zu bleiben, aus Blei Gold zu machen. Generierte die Börse Gewinner, erschuf sie im real existierenden Nullsummenspiel des Zockerparadieses des Homo Oeconomicus gleichzeitig auch immer das abgrundtiefe Elend der Verlierer. Das hat der große Crash 2000/ 2001 gezeigt.

Die These von der Dominanz des Homo Oeconomicus ist anthropologisch verkürzt, oder mit Blick auf die intrinsischen Beweggründe menschlichen Handelns wenigstens zu pointiert formuliert. „Ego. Das Spiel des Lebens“ ist im Sinne eines imposanten Wasserfalls von intelligenten Einlassungen ein gigantisches Essay, das gelegentlich aber zu wenige seiner Bezüge genau profiliert. Da wird auf ‚den’ Neoliberalismus rekurriert oder ‚die’ Neoklassik, auf ‚den’ Behaviorismus oder ‚die’ Globalisierung, ohne dies wenigstens mit einigen Sätzen begrifflich genauer einzuordnen. All diese ‚Begriffscontainer’ haben im Laufe ihrer beachtlichen Karriere ganze Bibliotheken mit kritischen Einlassungen gefüllt. Das Buch ist sehr ‚angelsächsisch’ fundiert, die Quellen beziehen sich weitestgehend auf Kreise der amerikanischen Eliteuniversitäten bzw. gründen sich auf deren Übersetzungen bei den einschlägigen Verlagen in Frankfurt/ M., Berlin oder München. [7] Das sind natürlich hervorragende Quellen, die aber Betrachtungsweisen aus dem Rest der Welt ausblenden. Es gibt bei der Vielzahl von Bezügen keine ausreichende Beachtung von asiatischen oder europäischen Denkmodellen, geschweige denn von südamerikanischen oder vielleicht sogar afrikanischen Positionen. Wenn die implizite Grundhaltung hierbei ist, dass das Epizentrum dieser Evolution eben auf einer nicht allzu breiten Schneise zwischen Los Angeles und San Francisco und Chicago, New York und  Boston liegt ¬ so wie der Mensch seine Wiege in den „Cradle of Kind“ in Südafrika hatte ¬ und sie sich als Flächenbrand auf den Rest des Globus ausgebreitet hat oder weiter ausbreiten wird, wäre das dann allerdings eine interessante Sicht.

Trotzdem ist man von diesem geistreichen Traktat wie vom Donner gerührt. Die Betrachtung des modernen Homo Oeconomicus im ökonomischen Imperialismus ist als aufreizender Typus in dieser Form einfach unwiderstehlich. Bei allen Bedenken an der Beschränkung auf den amerikanischen Fokus ist die Betrachtung des Sujets auch zu interessant. Man muss hier auch wissen, dass mit Autoren wie Moira Gun, Michael Dertouzos, Nicolas Negroponte , Manuel Castells, Michio Kaku oder Esther Dyson seinerzeit eine  Kultur der digitalen Moderne codiert worden ist. Nicht nur die New Economy, sondern auch ihr Denken und ihre Emotionalität wurden zu einem Starkstromschlag für das 21. Jahrhundert, und Schirrmachers Konzentration darauf macht Sinn. Man legt das Buch so schnell nicht aus der Hand und es lässt sich mit den Werken von Richard Sennet,[8] Uwe Jean Heuser[9] oder von Klaus v. Dohnanyi, Alain Minc oder Jean Luis Cebrián[10]vgl. v. Dohnanyi Im Joch des Profits, Stuttgart 1997; Minc, Alain, Globalisierung, Wien 1998 und Cebrián, Juan Luis, Im Netz – Die hypnotisierte Gesellschaft, Stuttgart 1998. vergleichen, welche sich ebenfalls kritisch oder besorgt mit Perversionen der globalisierten Netzwerkwirtschaft auseinandersetzten – allerdings von durchaus anderen Standpunkten aus. Es ist schon ein angelsächsischer Homo Oeconomicus, den wir hier betrachten. Der ‚neue Schirrmacher’ ist so wieder provokant und aufregend, packend und - unbedingt lesenswert. Mit Blick auf den Entwicklungsstand des modernen Homo Oeconomicus beschreibt Frank Schirrmacher im Prinzip ein ökonomiezentriertes Wesen, dass, trotz seiner Genese seit den 1960er Jahren, mit seiner eigentlichen Reifewerdung seit den 1990er Jahren, noch recht jung ist. Mit Blick auf all die fatalen Konsequenzen, die ökonomisch dominiertes Verhalten in der jüngsten Vergangenheit hatte, sollte man sich mit dem dann Mittsechziger aus Frankfurt/ M. in zehn Jahren mal entspannt zu einem Kaffee verabreden, um die Gültigkeit des hier referierten Menschenbildes vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung des Homo Oeconomicus zu evaluieren.

Anmerkungen / Endnoten

[1] vgl. Dahrendorf, Ralf, Homo Sociologicus, 13. Aufl., Opladen 1974, S. 6.

[2] vgl. dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_oeconomicus

[3] vgl. Schirrmacher, Frank, Das Methusalem Komplott, München 2004; Ders., Payback, München 2009.

[4] Der Begriff geht auf Francis Fukuyama zurück, der mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes Ende der 1990er Jahre einen Siegeszug der liberalen Marktwirtschaft und ein abgeklärtes ökonomisches Menschenbild bei klaren und fairen Verhältnissen prognostizierte.

[5] vgl. Forrestier, Vivianne, Der Terror der Ökonomie, Wien 1999; Glotz, Peter, Turbokapitalismus, Frankfurt/ M. 2000 und; Luttwak, Edward, Turbokapitalismus. Globalisierung. Gewinner und Verlierer der Globalisierung, Düsseldorf 2001.

[6] vgl. Joy, Bill, Warum die Zukunft uns nicht braucht. Die mächtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts – Robotik, Gentechnik und Nanotechnologie – machen den Menschen zur gefährdeten Art, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juni 2000.

[7] das sind etwa Random House, New York, Cambridge University Press, The MIT Press, Princeton University Press, Oxford University Press, Harvard University Press, Yale University Press, Columbia University Press, University of Chicago Press usw.

[8] vgl. Sennet, Richard, Der flexible Mensch, Berlin 1998, ders. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2005.

[9] vgl. Heuser, Uwe Jean, Humanomics. Die Entdeckung des Menschen in der Wirtschaft, Frankfurt/ M./ New York 2008.

[10] vgl. v. Dohnanyi Im Joch des Profits, Stuttgart 1997; Minc, Alain, Globalisierung, Wien 1998 und Cebrián, Juan Luis, Im Netz – Die hypnotisierte Gesellschaft, Stuttgart 1998.


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