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Politische Risiken als Geschäft

Deutsche Industrie fragt stärker Versicherungsschutz nach -Vortrag von Prof. Werner Weidenfeld

13.09.2014 · FAZ


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pik. München, 12. September. Es kommt selten vor, dass eine ganze Branche einem Wissenschaftler an den Lippen hängt. Als der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld auf dem Industrieversicherungs-Kongress des Deutschen Versicherungsschutzverbands (DVS) sprach, konnte man genau diesen Eindruck gewinnen. Der frühere Regierungskoordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen klärte Versicherungskunden aus der Industrie und Branchenvertreter über neuartige Bedrohungen auf. Mit Stichworten wie fehlender Abschreckung, weggebrochener Systemdisziplin und Cyber-Krieg arbeitete der vielgefragte Fachmann die Unterschiede zur Zeit des Kalten Krieges heraus.

Als dann vier Versicherer über die Antworten ihrer Branche auf diese Risiken diskutieren sollten, fragten sie ihrerseits lieber Weidenfeld, wie man frühzeitig auf künftige Bedrohungen aufmerksam werden könnte. Als er auf ein Instrumentarium seines Instituts für angewandte Politikforschung verwies, mit dem in jedem Land der Welt 120 Stabilitätskriterien überprüft werden können, bekamen die Datenliebhaber aus der Assekuranz ganz leuchtende Augen. Ob es hier zu geschäftlichen Kooperationen kommt? Eine Einladung zum Kongress im nächsten Jahr hat Weidenfeld jedenfalls schon. Dann können die Teilnehmer auch überprüfen, ob sein Tipp für den nächsten Krisenherd (Saudi-Arabien) aufgegangen ist.

Das Thema war sehr aktuell, denn die deutschen Industrieunternehmen wurden in diesem Jahr besonders schmerzlich daran erinnert, dass sie in einer Weilt mit wachsenden Risiken wirtschaften - und politische Instabilität deshalb als Thema des Risikomanagements an Bedeutung gewinnt. Der Krieg in der Ostukraine, der Feldzug des Islamischen Staats IS, die Ebola-Epidemie in Afrika - viele unerwartete Konflikte und Schwierigkeiten traten plötzlich auf und brachten Pläne von Unternehmen durcheinander.

Der Stahlhersteller Arcelor Mittal etwa war gleich durch mehrere dieser Problemlagen betroffen. Das kriegerische Treiben und die unsichere Energieversorgung in der Ukraine zwangen den indischen Konzern, die Stahlproduktion dort einzustellen. 29 000 Mitarbeiter beschäftigt er in dem Krisenstaat. Zudem liegt wegen des verheerenden Ebola-Ausbruchs in Westafrika derzeit ein Investitionsprojekt über 1,7 Milliarden Dollar in Liberia auf Eis. Konzernchef Lakshmi Mittal hat die internationale Gemeinschaft dazu aufgerufen mehr im Kampf gegen Ebola zu tun. „Das Risikomanagement ist oft eher reaktiv“, beklagt DVS-Vorstandsmitglied Edwin Meyer, der bei Arcelor Mittal die Versicherungsprogramme verantwortet.

Wo Gefahren sind, ist die Versicherungsbranche nicht weit. „Für politische Risiken gibt es einen Markt“, sagt Davide Guidicelli von der Industrieversicherungsgesellschaft Swiss Re Corporate Solutions. „In den vergangenen 5 Jahren hat sich die Kapazität verdoppelt.“ Dazu habe die Häufung unerwarteter politischer Ereignisse wie der Arabellion und die Expansion von Unternehmen in Wachstumsländer beigetragen. Für sein Unternehmen und dessen Wettbewerber wie die Allianz-Industrietochtergesellschaft AGCS, die Zurich, AIG oder Ace bedeutet das Geschäft, indem sie etwa Sachschäden oder Betriebsunterbrechungen in Krisenregionen versichern.

Doch wie so oft klagen Kunden, dass die Versicherer gerade dort den Schutz zurükfahren, wo die Risiken besonders stark sichtbar werden. „Für bestimmte Länder geht gar nichts mehr“, sagt Georg Bräuchle vom Versicherungsmakler Marsh. Die Unternehmen müssten lernen, Georisiken frühzeitig in ihre Analyse einzubeziehen. „Versichert eure politischen Risiken explizit“, rief er den Industrievertretern zu. Sie dürften sich nicht auf Standarddeckung verlassen, sondern müssten die jeweiligen Ausschlüsse der Police beachten.

„Es ist immer noch nicht möglich gefahren zu decken“, sagt dagegen David Lineham, der für XL Services in London  politische Risiken zeichnet. „Insbesondere in der Westukraine gibt es noch Kapazitäten.“ Doch die Lage in Russland und in der Ukraine kann zu Konflikten zwischen Versicherer und Kunde führen. Reichlich unklar ist bislang, wie juristisch mit den betriebswirtschaftlichen Folgen von politischen Sanktionen umzugehen ist. Auch Ereignisse rund um die McDonald’s Restaurants in Russland sind schwer zu interpretieren. Sie wurden aus hygienischen Gründen geschlossen. Nun ist unklar, ob die Folgen über ihre Policen gedeckt sind. „Wenn das Unternehmen nachweisen kann, dass es ein diskriminierender Akt ist, kann das abhängig von der Art der Police gedeckt werden“, sagt Lineham. Lasse sich also nachweisem, dass ähnliche Unternehmen anderer Herkunft anders Behandelt wurden, könne der Versicherungsschutz greifen.

Generell seien internationale Konzerne gut beraten, eine breite Deckung zu kaufen, um auch gegen zuvor nicht bedachte Risiken gewappnet zu sein, empfahl Piers Gregory, der beim Versicherer Ace International die Einheit Terrorversicherung verantwortet. In der Ukraine aber gebe es derzeit große Schwierigkeiten, Schäden einzuschätzen. „Wir können sie kaum auf dem Feld bestimmen, weil wir keine Leute dorthin bekommen.“

Dass derzeit auch für den Schutz gegen Terrorgefahren vorhanden seien, betonte Leo Zagel, Vorstandsvorsitzender des deutschen Terrorismusversicherers Extremus. Er befürchtet aber, dass sie zurückgehen könnten, wenn Geldgeber sich bei einem steigenden Kapitalmarktzins wieder zurückziehen. Zudem müssten Unternehmen darauf achten, dass es für den amerikanischen Terrorversicherungs-Pool von kommendem Jahr an noch keine Anschlusslösung gibt.


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