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Werner Weidenfeld – Dirigent der Münchner Denkfabrik

Der Politologe berät die Großen und Mächtigen der Welt

Von Martin Schäfer

 

18.06.2001 · Abendzeitung


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Die großbürgerliche Villa in der feinen Maria-Theresia- Straße in Bogenhausen war zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schauplatz glanzvoller Münchner Feste, bei denen Pultstar Hans Knappertsbusch gelegentlich den Taktstock schwang. Heute dirigiert hier Werner Weidenfeld den 100köpfigen Stab seiner weltweit agierenden Denkfabrik. Weidenfeld ist Politologe und Professor an der Münchner Uni, Nachfolger des legendären Kurt Sontheimer. Der Hochschullehrer berät die Mächtigen zwischen Berlin, Brüssel und Washington. Alle Konfliktfelder auf dem Globus werden hier unter die wissenschaftliche Lupe genommen – um nach Lösungen zu suchen.

Weidenfeld, der Mann von der Mosel, verbindet weltgewandte Bonhomie mit scharfem analytischen Verstand. Schon deshalb fühlt er sich in seinem „Centrum für angewandte Politikforschung“, wie seine Denkfabrik offiziell heißt, so richtig wohl. Wer mit ihm geredet hat, muss unweigerlich zu dem Schluss kommen: Hier hat sich ein Mann einen Lebenstraum verwirklicht. Der Pragmatiker hat es geschafft, eine Brücke zwischen Theorie und Praxis zu bauen, strenge Wissenschaft zu betreiben und gleichzeitig Einfluss auf das aktuelle politische Geschäft zu nehmen. Wie funktioniert das?

Trotz seiner Erfolge als Hochschullehrer – er war bereits mit 28 Jahren Professor – suchte Weidenfeld Wege aus dem elitären Elfenbeinturm der reinen Forschung. Er vollzog nach, was in den USA längst Brauch ist – nämlich die Handelnden in der Politik mit wissenschaftlich fundierten Analysen zu füttern, um auf Entscheidungsprozesse einzuwirken. Das Ergebnis dieser Aktivitäten führte zur Gründung seiner Denkfabrik. In den USA heißen vergleichbare Institute „Think Tanks“ – frei übersetzt: Ideenlager. Kein amerikanischer Präsident verzichtet auf ihren Rat.

Als Weidenfeld damit begann, Regierungen und öffentliche Institutionen mit seinen Expertisen zu unterstützen und sich als geschätzter Anreger zu profilieren, war er nicht wenigen Anfeindungen ausgesetzt. Für einige Professoren-Kollegen hatte seine Tätigkeit etwas Anrüchiges. Sie empfanden seine Nähe zur Praxis als eine Art Verrat an der strengen Wissenschaft. „Das hat sich inzwischen geändert. Die angewandte Politikforschung hat sich durchgesetzt, wird allgemein anerkannt“, sagt der Professor, dessen Institut unter dem Dach der Münchner Universität arbeitet und somit die höheren Weihen wissenschaftlicher Anerkennung besitzt.

Wie sieht die Arbeit der Münchner Denkfabrik in der Praxis aus? „Wir begannen zum Beispiel unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer damit, die politischen und wirtschaft-lichen Strukturen der Länder Osteuropas genau zu erforschen. Wir haben, wenn man so will, eine Art Frühwarnsystem aufgebaut, um auf kommende Probleme aufmerksam zu machen “, sagt der Professor, der stolz darauf ist, dass sein Mitarbeiterstab Entwicklungen schon lange erkennt, ehe sie zum Thema für die Tagespolitik werden.

Mit Weidenfelds Analysen beschäftigen sich Bundeskanzler Gerhard Schröder ebenso wie das Auswärtige Amt. Ganz enge Kontakte bestehen zur Europäischen Kommission in Brüssel, insbesondere zu Romano Prodi – sie alle gehören zu seinem engsten Kundenkreis. Häufiger Gast ist der Münchner Professor im Weißen Haus in Washington, er kennt alle Präsidenten von Reagan über Bush bis Clinton persönlich. Sie alle traf er wiederholt zu persönlichen Gesprächen.

Zur Zeit berät die Münchner Denkfabrik 40 Regierungen, Institutionen, Stiftungen und Großfirmen wie beispielsweise die HypoVereinsbank. Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung, eine der wichtigsten Geldgeber.

Wie schafft er es, seine Forschungsergebnisse Politikern zu verkaufen, die in aller Regel vor allzu viel Theorie zurückschrecken? „Unsere Papiere müsse politikfähig sein, also knapp auf den Punkt hin formuliert. Kein sprödes Wissenschafts-Deutsch also. Und selbstverständlich sind wir in ständigem Dialog mit den Entscheidungsträgern.“ Nur so können Forschungsergebnisse in das aktuelle politische Geschäft eingebracht werden – eine Möglichkeit, der Politik ihre bisweilen gefährliche Kurzatmigkeit zu nehmen.

Spannende Planspiele gehören zum Arbeitsalltag der Denkfabrik – das versucht Weidenfeld Tag für Tag in seiner hochherrschaftlichen, eleganten Residenz am rechten Hochufer der Isar, wo die Welt regelmäßig zu Gast ist.


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