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Richtungswahl in der Ukraine

Positionen und Analysen zur Präsidentschaftswahl zusammengestellt von Andreas Heindl und Iris Kempe.

25.10.2004 · Bertelsmann Forschungsgruppe Politik


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Am 31. Oktober 2004 wählt die ukrainische Bevölkerung einen neuen Präsidenten. Der bisherige Präsident, Leonid Kutschma, tritt nicht für eine dritte Amtszeit an. Damit steht ein Wechsel an der Spitze des Landes bevor. Diese Wahl ist gleichzeitig als Richtungswahl für die weitere Entwicklung der ukrainischen Transformation anzusehen. Die Wahl unterscheidet sich positiv von den meisten postsowjetischen Staaten – im Gegensatz zu den meisten anderen postsowjetischen Staaten besteht tatsächlich eine Alternative zwischen zwei Spitzenkandidaten, die dem demokratischen Spektrum zuzurechnen sind. Für das Präsidentenamt bewerben sich insgesamt 26 Kandidaten. Das Rennen wird sich vorrausichtlich zwischen Viktor Juschenko und Viktor Janukovitsch entschieden. Das Regierungslager protegiert den amtierenden Ministerpräsident und früheren Chef der Donezker Gebietsadministration Janukovitsch. Der frühere Premier Juschenko gilt als Kandidat des Oppositionslagers.

Die Bedeutung der Präsidentschaftswahlen reicht über den personellen Machtwechsel hinaus. Vorausgesetzt die Wahlen verlaufen frei und fair, lassen sich Aussagen über den Status und das Management der ukrainischen Transformation treffen. Dabei geht es um die nachhaltige Etablierung eines Systems, in dem die Rotation von Macht als demokratische Norm akzeptiert und durchgesetzt wird. Dies würde einen Fortschritt auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft bedeuten. In internationalen Rankings wie etwa dem „Bertelsmann Transformation Index“ zählt die Ukraine zu den Staaten mit Defiziten im Hinblick auf die marktwirtschaftliche Demokratie und kann lediglich auf ein Management mit mäßigem Erfolg verweisen. Fortschritte sind bei der makroökonomischen Entwicklung des Landes, bei der Privatisierung und bei den regelmäßig stattfindenden Wahlen zu verbuchen. Vor dem Hintergrund der anstehenden Präsidentschaftswahlen sind aber auch einige Schlüsselprobleme der Transformation erkennbar – etwa die Macht der Interessengruppen, die eingeschränkte Medienfreiheit, die verbreitete Korruption, die Instabilität des politischen Systems sowie die fehlende internationale Einbindung.

Macht der Interessengruppen: Die Ukraine verfügt über kein stabiles, gesellschaftlich verankertes Parteiensystem. Die Parteien sind vielmehr als Spielbälle der verschiedenen Interessengruppen und regionalen Akteure zu kennzeichnen. Eine nachhaltige Repräsentation der Interessen der Bevölkerung kann damit nur unzureichend gewährleistet werden. Oftmals wird die politische Bühne durch wirtschaftliche und regionale Partikularinteressen und Akteure dominiert, wobei Parteien meist als Vehikel zur Durchsetzung dieser Interessen dienen.

Eingeschränkte Medienfreiheit: Verletzungen gegen die Medienfreiheit haben den Europarat dazu veranlasst, den Ausschluss der Ukraine zu debattieren. Im März 2004 kritisierte die Parlamentarische Versammlung des Europarates die ukrainische Regierung erneut wegen Verstößen gegen demokratische Grundprinzipen. Dabei werden sowohl physische Angriffe auf einzelne Journalisten als auch die Einflussnahme auf die Medien beklagt. Ein extremes Beispiel ist die Ermordung des oppositionellen Journalisten Heorhiy Gongadze und die mutmaßliche Involvierung von Präsident Kutschma in diesen Fall. Der Zusammenhang zwischen der eingeschränkten Pressefreiheit und den Präsidentschaftswahlen erscheint prekär, da die Unabhängigkeit der Medien im Wahlkampf so nicht als gesichert gelten kann.

Transparenz und Korruption: Der „Corruption Perception Index“ führt die Ukraine – gemeinsam etwa mit Bolivien, Sudan oder Mazedonien – auf Platz 106 von 133 gewerteten Staaten. Korruption und mangelnde Transparenz der wirtschaftlichen und politischen Prozesse erweist sich somit – trotz der Verabschiedung einer Vielzahl von Anti-Korruptionsgesetzen – als ein erhebliches Problem für die marktwirtschaftliche und demokratische Entwicklung der Ukraine. Die verbreitete Korruption wirft nicht zuletzt auch einen Schatten auf die Defizite des ukrainischen Rechtsstaates, da gesetztes Recht so nicht effizient zur Anwendung kommen kann.

Instabilität des politischen Systems: Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen wurde von Regierungsseite eine Verfassungsdebatte angestoßen, die eine Beschneidung der Kompetenzen des Präsidenten zugunsten des Parlamentes vorsah. So sollte der Präsident unter anderem nicht mehr durch die Bevölkerung, sondern durch das Parlament gewählt werden. Zunächst würden diese Reformbemühungen zwar zur Festigung der Demokratie beitragen. Als problematisch ist dagegen der Zeitpunkt dieser Reformdebatte einzustufen. Da die Reformen der institutionellen Spielregeln mit der Neuverteilung politischer Macht zusammenfallen, werden demokratische Bestrebungen von persönlichen Machtinteressen überlagert. Die Opposition befürchtet, dass Kutschma auf diese Weise nach Möglichkeiten sucht, das politische Geschehen des Landes auch nach dem Oktober 2004 zu beeinflussen.

Fehlende internationale Einbindung: Den westlichen Akteuren – allen voran der Europäischen Union – gelingt es nur begrenzt, sowohl attraktive als auch leistungsfähige Beziehungen zur Ukraine zu entwickeln. Gleichzeitig zählte die Integration in die euroatlantischen Strukturen zu den politischen Zielen Kiews. Die Zurückweisung des ukrainischen Betrittswunsches zur EU stärkt nicht nur die reformfeindlichen Kräfte in der Ukraine, sondern führt auch zu neuen Trennlinien in Europa und verstärkt die Abhängigkeit von Russland. Im Vorfeld der Wahlen relativierte der amtierende Präsident Leonid die außenpolitische Zielsetzung, der EU und der NATO beitreten zu wollen. Laut einem Präsidialerlass ist der Beitritt in euroatlantische Strukturen nicht mehr die oberste Zielsetzung der Außenpolitik Kutschmas. Internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung der Reformen wären hingegen ein entscheidender Schritt für weitere Fortschritte in der ukrainischen Transformation.

Expertengruppe Wahlen

Die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine zeigen nicht nur den Zusammenhang zwischen demokratischen Wahlen einerseits und der Transformation andererseits sehr deutlich auf, sondern es verbinden sich mit diesen Wahlen ebenfalls die begründeten Hoffnungen auf neue Reformimpulse entlang der genannten Problemlinien. Die Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew hat aus diesem Grunde zusammen mit dem Centrum für angewandte Politikforschung in München die Expertengruppe ukrainische Präsidentschaftswahlen 2004 ins Leben gerufen. Zehn ukrainische und deutsche Experten beobachten seit Dezember 2003 den ukrainischen Wahlkampf. Die Analysen der internationalen Expertengruppe gehen über die Wahlbeobachtung hinaus und konzentrieren sich auf die Schnittstellen zwischen den Wahlen und der Transformation. Die Experten befassen sich mit den Ansätzen für „good governance“ in der Ukraine, mit den Abhängigkeiten der Kandidaten, etwa von Interessengruppen, und der Basis ihrer Macht, mit der Debatte um eine Änderung der Verfassung sowie dem russischen und westlichen Einfluss. Ziel dieser Arbeitsgruppe ist es, einerseits den Wahlkampf kritisch zu begleiten, um die Auswirkungen auf die künftige Transformation einschätzen zu können, andererseits werden aber auch Politikempfehlungen für ein erfolgreiches und effektives Reformhandeln erarbeitet.

Links zu den ukrainischen Präsidentschaftswahlen

Dokumente und Analysen

ODIHR Election Observation Mission to Ukraine

OSCE Project Coordinator to Ukraine

Monitoring-Ausschuss der Parlamentarischen Versammlung des Europarates: Erklärung zu den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. 15.9.2004

Bertelsmann Transformation Index: Ländergutachten Ukraine

Wahlbeobachtung und Medien

Seite der Zentralen Wahlkommission der Ukraine (ukrainisch, englisch)

Medienzentrum „Kandydat“

Pravda - Onlineausgabe (ukrainisch)

Informational Center of the Working Group for Supporting Official Observers from Foreign States and International Organizations (ukrainisch, englisch)

The Ukrainian Center for Economical and Political Studies named after Olexander Razumkov

Macht der Interessengruppen

Anders Aslund: Left Behind. Ukraine´s Uncertain Transformation. In: The National Interest, Nr. 3/2003, S. 107-116

Helmuth Kurth, Wassili Andrejko (Hg.): Die Ukraine. Ein steiniger Weg zur Demokratie. (Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung, Regionalbüro Ukraine, Belarus und Moldau) Kiew 2002

Eingeschränkte Medienfreiheit

Compliance with commitments and obligations: the situation in Ukraine. Report of the Secretariat’s Assistance and Information Mission to Kyiv on 16-19 March 2004. SG/Inf(2004)12

Freedom House Special Report: Under Assault. Ukraine´s News Media and the 2004 Presidential Elections

Transparenz und Korruption

Transparency International: Corruption Perception Index 2003

Instabilität des politischen Systems

Parliamentary Assembly of the Council of Europe: Political Crisis in Ukraine. Report. 27 January 2004. DOC. 10058

Bertelsmann Transformation Index: Ukraine

Freedom House: Nations in Transit 2004 – Ukraine

Fehlende internationale Einbindung

Europäische Kommission: Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament: Größeres Europa – Nachbarschaft. Ein neuer Rahmen für die Beziehungen der EU zu ihren östlichen und südlichen Nachbarn. KOM(2003) 104 endgültig

Iris Kempe, Wim van Meurs: Prospects and Risks Beyond EU Enlargement. C·A·P-Working Paper, November 2002

Iris Kempe (Hg.): Prospects and Risks Beyond EU Enlargement. Eastern Europe: Challenges of a Pan-European Policy. Leverkusen, 2003

Conflict Studies Research Centre: A Strategy for Integrating the Ukrain into the West


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