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Taktische Interessen und Wunden,
die weiter bluten

Werner Weidenfeld über die CSU unter Seehofer

Interview: Markus Reder, Die Tagespost

09.10.2008 · Die Tagespost


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Horst Seehofer ist der neue starke Mann der CSU. Nach heftigen parteiinternen Machtkämpfen hat sich der Bundesagrarminister durchgesetzt. Seehofer wird nun Parteichef und Ministerpräsident. Ist diese Entscheidung für die CSU nur eine Form der Schadensbegrenzung oder die Idealbesetzung?

Weidenfeld: Das ist vor allem die Sehnsucht nach der starken Hand. Nach einem solch dramatischen Desaster bei der Landtagswahl und der darauf folgenden Führungskrise ist diese Entscheidung nachvollziehbar.

Was bedeutet die Personalie Seehofer für die künftige Programmatik der CSU. Was wird sich ändern?

Weidenfeld: Angesichts der bisherigen Wendigkeit von Horst Seehofer in der politischen Programmatik ist das derzeit nicht voraussehbar. Seehofer wird die Programmatik der Partei ganz nach seinen taktischen Interessen ausrichten.

Nach den heftigen Auseinandersetzungen der vergangenen Tage beschwört Horst Seehofer nun den Gemeinschaftsgeist der CSU. Doch die Wunden, die diese Wahlniederlage und die Machtkämpfe geschlagen haben, sind tief. Kann eine Partei, in der so viele Wunden bluten, tatsächlich zu neuer Geschlossenheit finden?

Weidenfeld: Oberflächlich betrachtet "ja". Denn Geschlossenheit ist das große Gebot, wenn eine Partei politisch Erfolg haben will. Unterhalb der Oberfläche werden noch über viele Jahre diese tiefen Wunden vorhanden sein.

Wirken die Verletzungen der letzten Tage wie schleichendes Gift in den Adern der Partei?

Weidenfeld: Die CSU wird an der Oberfläche in kämpferischer Geschlossenheit agieren und unterhalb dieser Oberfläche sich an diese Vorkommnisse der letzten Tage sehr genau erinnern. Das ist in der Politik so üblich. Die CSU wird versuchen, damit zurecht zu kommen.

Bislang hat es Horst Seehofer in den eigenen Reihen stets an Unterstützung gefehlt. In der tiefen Krise ist er zum Hoffnungsträger aufgestiegen. Wie stabil ist diese aus der Not geborene Mehrheit, auf die sich Horst Seehofer jetzt stützen kann?

Weidenfeld: Seehofer wird sich auf diese Mehrheit so lange stützen können, wie man ihm Erfolg zutraut und er Erfolg hat. Wenn der Erfolg ausbleibt, wird man mit ihm so umgehen wie mit seinen Vorgängern.

Wird Edmund Stoiber in der Seehofer-CSU wieder eine größere Rolle spielen?

Weidenfeld: Stoiber wird informell sicher weiterhin eine beachtliche Rolle spielen. Sein Rückzug der letzten Monate wird nur ein relativ kurzes Intermezzo sein.

Wie lange dauert es, bis die CSU nach diesen Chaos-Tagen ihren "inneren Frieden" findet?

Weidenfeld: Die CSU wird auf längere Sicht keinen "inneren Frieden" finden. Sie wird sich politisch wie taktisch zur Geschlossenheit durchringen. Aber das, was in den vergangenen Tagen an Konflikten aufgebrochen ist, wirkt weiter. Das sind Kämpfe zwischen machtpolitischen Netzwerken, die nach dieser Entscheidung nicht einfach vorbei sind. Auch bei den jetzigen Auseinandersetzungen sind ja Verbindungen aus früheren Zeiten, etwa der Ära Strauß, der Ära Waigel und Stoiber wieder aktiv geworden. So etwas löst sich in der Politik nicht einfach von heute auf morgen auf.


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