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Lebensziel Bundeskanzler

Werner Weidenfeld über die Erinnerungen von Helmut Kohl und die Leerstellen in seinem Buch

Von Werner Weidenfeld

01.05.2004 · Focus, 11 / 2004


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Wenn ein Gigant der Zeitgeschichte zum Diktiergerät greift, dann ist ihm große Aufmerksamkeit gewiss. Man will wissen, wie es wirklich gewesen ist. Erst recht bei jemandem, der so markant in den Lauf der Geschichte eingegriffen hat wie Helmut Kohl. Der erste Band seiner Autobiografie über die Jahre bis zur Kanzlerschaft 1982 ist wahrscheinlich interessanter als der Folgeband. Er führt dem Leser den Entwicklungsprozess eines Spitzenpolitikers vor - und zeigt nicht schon den fertigen, abgeklärten Staatsmann. So rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Kohl sich zum mächtigsten Politiker der Nachkriegszeit entwickelte.

Sein Buch gibt einige Aufschlüsse: Der junge Kohl erlebt Krieg, Nationalismus, Not, Flüchtlingselend. Das Buch schildert, wie bei ihm daraus der schier unstillbare Hunger nach Politik - nach Gestaltung und Führung wächst. Und gleichzeitig liefert diese Zeit für den jungen Kohl einige elementare politische Überzeugungen: Europa, Anti-Sozialismus, Freiheit, Nation. Diese wenigen Grundwitterungen tragen ihn sein ganzes Leben. Der Rest ist Gespür für die politische Ratio sowie das geradezu perfekte Spiel auf der Klaviatur machiavellistischer Instrumente.

Die Zeit der Kindheit und Jugend beschreibt Kohl mit Gefühl und Gemüt. Er lässt den Leser nah an sich herankommen. Elternhaus und Schule, Familie und Freunde - das gerät zum bewegenden Rückblick, auch auf seine Frau Hannelore, der Kohl das Buch widmet. Sobald es aber um Planung und Vollzug seiner politischen Karriere geht, da wirkt der Autor distanzierter und kalkulierender.

Bereits im leben des jungen Helmut Kohl fokussierte sich alles, was ihn eigentlich umtrieb, aufs Politische. Von Anfang an strebte Kohl in der CDU nichts anderes als Führungsämter an. 1955 trat Kohl - für damalige Verhältnisse höchst unverfroren - bei der Wahl zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der CDU Rheinland-Pfalz gegen den damaligen Familienminister Franz-Josef Wuermeling an. "Die Honoratioren um den Ministerpräsidenten Peter Altmeier waren von meiner Kandidatur sichtlich geschockt." Kohl verlor zwar knapp - aber dieses überraschend gute Abschneiden sicherte ihm den Karrieresprung in den CDU-Landesvorstand. Mehrfach sollte dieser Dreiklang im späteren Aufstieg als Muster dienen: Kritik am verkrusteten Honoratiorengeist der Altvorderen, riskante Kandidatur, selbst aus einer Niederlage die Grundlage zum nächsten Karriereschritt aufbauen.

Aufschlussreich für Kohls Witterung: Als er nach der Bundestagswahl 1957 erfuhr, dass der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger in einem Ludwigshafener Krankenhaus behandelt wurde, besuchte er ihn mehrfach und baute so bereits eine Brücke auf, die ihm später noch höchst hilfreich werden sollte. Im Buch folgen zwei Sätze, die Kohls Denken und Planen aufschlussreich sind: "Mit dem Doktortitel wollte ich nun gerne Parlamentarier werden... Ich hatte nie einen Hehl aus meinem leidenschaftlichen Interesse für eine politische Karriere gemacht."

An einigen Stellen gewährt Kohl Einblick in sein taktisches Geschick. So drängte er Peter Altmeier aus seinen Ämtern als Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz, ohne dass es zu einem spektakulären Bruch in der Öffentlichkeit kam. Er setzte seinen ungewöhnlich ausgeprägten Führungswillen um, indem er gezielt und mit langfristiger Absicht Personen seines Vertrauens an den Knotenpunkten der Macht platzierte. In seinen Memoiren klingt dies ebenso treffend wie lapidar: "Besonders strategischen Fragen und Personalentscheidungen habe ich von Anfang an die gebührende Bedeutung beigemessen... In einer klugen und weitsichtigen Personalpolitik sah ich den Schlüssel zum Erfolg meiner Partei."

Kein anderer Politiker im Nachkriegsdeutschland hat ein solch umfassendes Netz an Loyalitäten und Zweckgemeinschaften aufgebaut - in strategischer Absicht. Immer band der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kohl politische Talente ein, die über den engen Horizont der politischen Provinz hinausreichten. Typen wie Bernhard Vogel, Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf - sie alle konnten für Kohl nur dann von besonderem Interesse sein, wenn er schon ganz frühzeitig über eine bloß landespolitische Karriere hinausdachte. Kohl erwähnt in seinem Buch leider nicht seine vielen selbstgewissen Ausrufe - spätestens seit Ende der 60er-Jahre -, er werde mit Sicherheit Bundeskanzler.

Auffällig ist, das Kohl sein Netzwerk der Macht primär in den Kategorien von Loyalität und Treue sieht. Das hindert ihn selbst aber nicht daran - gleichsam als die Spinne im Netz -, mit situativer Kühle seinen fördernden Schutz zu entziehen. Ein gutes Beispiel bietet Bernhard Vogel. Er wird von Kohl warmherzig als engster Studienfreund gepriesen, als kongenialer Gefährte mit großer politischer Potenz und weitem, intellektuellem Horizont gelobt. Dies hinderte Kohl aber nicht daran, sich gegen Bernhard Vogel zu stellen, als die Nachfolge Kohls in den Ämtern des Ministerpräsidenten und CDU-Landesvorsitzenden anstand. Heiner Geißler und Johann Wilhelm Gaddum mussten für ihren Mentor Kohl versuchen, den Weg für Bernhard Vogel zu verstellen - ohne Erfolg. In Kohls Erinnerungen schrumpft dieses Drama auf karge, eher verstümmelte Zeilen zusammen.

Im lange währenden Ausklang der Adenauer-Ära geriet die CDU in eine kulturelle Umbruchsituation auf Bundes- wie Landesebene. Hier entwickelte Kohl seine Rolle als weithin bewunderter Reformer, der geradezu magnetisch die politischen Talente und die Medien an sich zog, weit über den üblichen Dunstkreis der Christdemokraten hinaus. Von der Sozialpolitik bis zur Kulturpolitik, von der Verwaltungsreform über die Wirtschaftspolitik bis zur Parteireform - überall wirkte der "schwarze Riese" ebenso überraschend kreativ wie kraftvoll zupackend an einem gezielten Wandel.

Immer näher rückt das ersehnte Amt: 1973 CDU-Bundesvorsitz, 1976 CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag und 1982 Bundeskanzler. Zwischen Kohl und Strauß hatte sich im Lauf der Jahre eine Art Hassliebe entwickelt. Beide mussten miteinander zurechtkommen, lehnten den jeweils anderen aber doch irgendwie als unzuverlässig und unkalkulierbar ab. Kohl empfand das Verhalten von Strauß vor der Kanzlerkandidatur 1976 ebenso als eine persönliche Demütigung wie den überraschenden Kreuther Beschluss, die CDU/CSU-Fraktionsgemeinschaft im Bundestag aufzuspalten. Als Strauß anschließend die Spitzenposition Kohls weiter in Frage stellte und schwächte, verzichtete Kohl selbst auf eine erneute Kanzlerkandidatur für 1980. Er schlug vielmehr Ernst Albrecht vor, der in der Bundestagsfraktion gegen Strauß unterlag. Sofort stellte sich Kohl in ostentativer Loyalität hinter Strauß.

Kohls Kalkül war ebenso einfach wie zutreffend: Er hatte längst mit dem FDP-Vorsitzenden Genscher Gespräche über einen möglichen Koalitionswechsel geführt. Für die FDP war dies nicht mit einem Kanzlerkandidaten Strauß möglich, sondern erst nach dessen absehbarem Scheitern mangels Koalitionspartner. Für diese Zeit nach Strauß würde es aber nur einen Kandidaten der Union geben können: den Partei- und Fraktionsvorsitzenden Helmut Kohl. Genau so geschah es. Leider bleiben dem Leser der "Erinnerungen" diese entscheidenden Wendungen verborgen.

Eher unterbelichtet und auf wenige Andeutungen beschränkt bleibt auch Kohls Verhältnis zu Genscher, das den Grundstein für seine spätere Kanzlerschaft legen sollte. Kohl berichtet von einem Treffen mit Genscher in der Wahlnacht 1969: "Wir duzten und zu jener Zeit bereits und pflegten seit langem eine offene Kollegialität, die auch vertrauliche Gespräche zuließ." Diese Gespräche aber bleiben in Kohls Buch ungeklärt - übrigens ebenso wie in Genschers Memoiren. Eine Kernstück des Wandels der deutschen Politik, das lange Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts und der Wechsel zur Kanzlerschaft Kohls, verharrt damit weitgehend im Dunkeln.

Erst spät, im Vorfeld seiner Kanzlerwahl am 1. Oktober 1982, verweist Kohl auf einzelne Gespräche mit Genscher. Dass Kohl aber selbst die entscheidende Rolle Genschers sieht, zeigt der geradezu symbolträchtige Schlussabsatz des Buches. Er enthält den Dank an Genscher, ohne dessen "besonnenes Handeln" und dessen "unbeirrten Kampf gegen zahlreiche Widersacher" Kohl nicht Kanzler geworden wäre.


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