Geschichtsbewusstsein
Bestimmungsfaktoren des innen- wie außenpolitischen Handelns
30.06.2004 · Forschungsgruppe Deutschland
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Die Expertise der Forschungsgruppe Deutschland in Fragen des Geschichtsbewusstseins gründet auf einer seit 1986 in kontinuierlichen Forschungen erworbenen Expertise. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen dabei Fragen des Geschichtsbewusstseins als Bestimmungsfaktor des innen- wie außenpolitischen Handelns sowie als normatives Element nationaler Identitätskonstrukte. Nicht nur das deutsche Selbstverständnis, auch die Wahrnehmung Deutschlands und der Deutschen durch seine europäischen Nachbarn ist historisch grundiert. Eine Vielzahl von Projektaktivitäten der Forschungsgruppe Deutschland tragen diesen Prämissen Rechnung:
- Das laufende Forschungsvorhaben Grenzregionale Identitäten, welches historische Prägestempel in der gegenwärtigen deutsch-tschechischen Wahrnehmung analysiert, wird von der Volkswagen-Stiftung gefördert. In Kooperation mit dem Soziologischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik geht die Forschungsgruppe der Frage nach, inwieweit historische Prägestempel der grenzregionalen Identitäten in Bayern wie Böhmen die nachbarschaftliche Verständigung erleichtern oder erschweren. Ziel dieses bis zum Jahr 2005 andauernden Forschungsprojektes ist es, anhand historischer Analysen und qualitativer Datenerhebungen Strategien zur Beförderung der grenzüberschreitenden regionalen Beziehungen zu erarbeiten.
- Die Tatsache, dass die deutsche Frage nicht nur weltpolitische Konstellationen, sondern auch die subjektiven Dispositionen der Deutschen reflektiert, kommt im Projektbereich Innere Einheit und Deutsche Frage zum Tragen. Nicht zuletzt spiegeln sich in den Analysen von Werten, Orientierungen und Einstellungen der Deutschen zur Nation und zu Europa auch das kollektives Gedächtnis Deutschlands wider. Die Frage, wie sich die doppelte Geschichte auf die Selbstwahrnehmung der Deutschen und den Prozess der inneren Einheit auswirkt, steht zudem auch im Mittelpunkt zahlreicher weiterer Forschungsarbeiten, u.a. auch in Form von Kooperationen mit ausländischen Partnern (z.B. dem Institute for Social Research der Universität Michigan in Ann Arbor, USA).
- Fragen der geistig-politischen Ortsbestimmung Deutschlands als zentrales Thema der politischen Kultur und der internationalen Politik diskutiert der Projektbereich Der deutsche Weg. Strategiefragen zur deutschen Außenpolitik werden im Forschungsprojekt auf geistig-politische Standortfragen projiziert.
- Seit seiner Erstausgabe im Jahr 1993 hat sich das seitdem mehrfach überarbeitete Handbuch zur deutschen Einheit zu einem Standardwerk zu Geschichte und Folgen der Einheit entwickelt. Zu den hier behandelten Stichwörtern zählen auch Fragen des Geschichtsbewusstseins. Gleichfalls ist im Deutschland-Trendbuch, das gesellschaftlichen, wohlfahrtstaatlichen, politischen und kulturellen Aspekten der bundesrepublikanischen Wirklichkeiten nachspürt, dieser Aspekt in Beiträgen zu "Geschichte und Identität" und "Politik und Geschichte" prominent vertreten.
- In Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen (ZUMA-Mannheim) und Umfrageinstitutionen (SINUS-Institut Heidelberg und Institut für Demoskopie Allensbach) wurden in den Jahren 1989-1992 qualitative und quantitative empirische Erhebungen in den alten und neuen Bundesländern durchgeführt. Dadurch konnte ein in der sozialwissenschaftlichen Forschung einmaliger Datenfundus zum Thema "Geschichtsbewusstsein in Deutschland als politischer Faktor" zusammengestellt werden.
Literatur
Bruck, Elke: François Mitterrands Deutschlandbild - Perzeption und Politik im Spannungsfeld deutschland-, europa- und sicherheitspolitischer Entscheidungen 1989-1992, Frankfurt/M. u.a. 2003.
Georgi, Viola: Entliehene Erinnerungen. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003.
Glaab, Manuela, Deutschlandpolitik in der öffentlichen Meinung. Einstellungen und Regierungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990, Opladen 1999.
Dies., Geteilte Wahrnehmungswelten. Zur Präsenz der deutschen Nachbarn im Bewußtsein der Bevölkerung, in: Kleßmann, Christoph / Misselwitz, Hans / Wichert, Günter (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 206-220.
Lutz, Felix Ph., Geschichtsbewusstsein, in: Weidenfeld, Werner, Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.), Handbuch zur deutschen Einheit 1949 - 1989 - 1999, Frankfurt am Main / New York 1999, S. 392-402.
Ders., Verantwortungsbewußtsein und Wohlstandschauvinismus: Die Bedeutung historisch-politischer Einstellungen der Deutschen nach der Einheit, in: Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland. Eine Nation - doppelte Geschichte, Köln 1993, S. 157-173.
Weidenfeld, Werner, Geschichte und Identität, in: Karl-Rudolf Korte / ders. (Hrsg.), Deutschland-TrendBuch. Fakten und Orientierungen, Opladen 2001, S. 29-58.
Ders., Der deutsche Weg, 2. Aufl., Berlin 1991.
Ders. (Hrsg.), Geschichtsbewußtsein der Deutschen. Materialien zur Spurensuche einer Nation, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1987.
Ders. / Manuela Glaab, Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen - Einstellungen der westdeutschen Bevölkerung 1945/49-1990, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Band V/3: Deutschlandpolitik, Baden-Baden / Frankfurt a.M. 1995, S. 2798-2962.
Weidenfeld, Werner / Felix Ph. Lutz, The Divided Nation: Historical Consciousness in Post-Unification Germany, in: German Politics and Society, Issue 33, Berkley Fall 1994, S. 117-145.
Weigl, Michael (Hrsg.), Folgenlose Nachbarschaft? Spuren der DDR-Außenpolitik in den deutsch-tschechischen Beziehungen, LiT-Verlag, Münster u.a. 2006.
Weigl, Michael / Lars C. Colschen, Politik und Geschichte, in: Karl-Rudolf Korte / Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland-TrendBuch. Fakten und Orientierungen, Opladen 2001, S.59-94.
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