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Wege zu mehr Nachhaltigkeit und Bürgerbeteiligung

Peter H. Grassmann: "Plateau 3: Zukunft Vererben"

Peter H. Grassmann:
Plateau 3: Zukunft Vererben
Werteregulierte Marktwirtschaft und Bürgerdemokratie
Murmann Verlag 2007

Rezension von Florian Baumann


08.11.2007 · Florian Baumann


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Geht es nach Peter H. Grassmann, dann muss unsere Marktwirtschaft – mehr noch unser gesamtes Gesellschaftssystem – auf eine neue Ebene gehievt werden. In seinem Buch "Plateau 3: Zukunft Vererben" beschreibt er den Weg dorthin. Wie ein Bergsteiger, der vor der nächsten Hochebene noch einen steilen Anstieg zu bewältigen hat, steht unsere Gesellschaft vor der Herausforderung eine neue Stufe des politischen und wirtschaftlichen Systems zu erklimmen. Derzeit befinden wir uns auf Plateau 2, der sozialen Marktwirtschaft, die gegenüber dem Ur-Kapitalismus eine gesellschaftliche Errungenschaft  darstellt. Sozialer Schutz allein greift heute jedoch zu kurz. Was fehlt ist die Verpflichtung zur Wertorientierung, insbesondere am Prinzip der Nachhaltigkeit. Cash-Flow und Shareholder-Value wurden in der Vergangenheit zu den einzigen treibenden Kräften in der Ökonomie, damit "geriet die Marktwirtschaft in eine Wertefalle." Von alleine wird sich dieser Prozess nicht umkehren und auch den politischen Eliten mangelt es an Kraft, ein dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschaftssystem, das Plateau 3, zu schaffen.

Grassmann zählt daher auf zivilgesellschaftliches Engagement, um Wirtschaft und Politik zu mehr Nachhaltigkeit zu verpflichten. Dazu empfiehlt der frühere Manager zum einen ein Richtungsvotum als bottom-up Ansatz, mit dem die Bürger aktiv an politischen Grundsatzentscheidungen beteiligt werden: "Nicht Details sollen entschieden werden, sondern Richtungen, Trends, Grundsätze". Zum anderen fordert der Autor die Schaffung von branchenspezifischen Zukunfts- und Ethikräten oder auch Bürgerräten, die als Beratungsorgane für politische und volkswirtschaftliche Entscheidungsträger fungieren. Als freie Gremien mit fachlicher Expertise sollten diese den internen Dialog aber auch die Kommunikation nach außen, in die Gesellschaft hinein, fördern. Nur so ließen sich kreative Lösungen für eine nachhaltige economic Governance entwickeln.

Zusätzlich spricht sich Grassmann für einen Ausbau des Verbandswesens in Industrie und Wirtschaft aus. Als Modell hierfür werden etwa Sportverbände, die sich dem Fair Play verschrieben haben, herangezogen. Der Autor möchte analog dazu die Industrie- und Berufsverbände auf die Maximen der Nachhaltigkeit bzw. der "Corporate Social Responsibility" verpflichten. Gemäß dem altbekannten Prinzip naming, blaming, shaming sollen Regelverstöße öffentlich gemacht werden, um damit Druck, etwa auf einzelne Unternehmen, auszuüben. Damit könnte – auch ohne groß angelegte ordnungspolitische Maßnahmen – eine "ethische Selbstkontrolle" entstehen, die den Anforderungen einer zukunftsfähigen Gesellschaft gerecht werden. Die beiden Schlagworte, die sich durch das gesamte Buch ziehen, sind "Bürgerdemokratie" und "werteregulierte Marktwirtschaft" als Grundlagen einer nachhaltigeren Politik.

Grassmann verdeutlicht seine Überlegungen an drei aktuellen Beispielen: Klimawandel, Beschäftigung und Jugendschutz und liefert damit einen Ausschnitt der dringlichsten Fragen unserer Zeit. Eine "Roadmap Klimaschutz" im Sinne des Plateau 3 würde daher die Bürger stärker in die Verantwortung nehmen. Ausgehend von einer sachlichen Empfehlung des Bürgerrates werden alle Wahlberechtigten über die Grundsätze einer künftigen Klimaschutzstrategie befragt, um so die Leitlinien für Industrie und Politik in Sachen Klimaschutz festzulegen. Neben der Bindewirkung auf Ebene der Eliten wären auch die Bürger selbst auf diese Programme festgelegt, da sie selbst deren Umsetzung beschlossen haben. Ähnliche Richtungsvoten empfiehlt Grassman auch bei Fragen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der Produktpolitik wie etwa die zahlreichen Werbeunterbrechungen bei Jugendsendungen.

Der "Mehr Demokratie – Ansatz" von Herrn Grassmann ist auf den ersten Blick ebenso einfach wie einnehmend. Bei genauerer Betrachtung tauchen dennoch einige Schwierigkeiten auf. Zunächst einmal steht die Forderung nach mehr Partizipation dem wachsenden Desinteresse in weiten Teilen der Bevölkerung gegenüber. Abseits von akuten Extremfällen oder Reizthemen wie etwa dem Klimawandel sind die Bürger eher zurückhaltend, was das eigene Engagement angeht. Ein ganz anderer Kritikpunkt zielt auf den möglichen Erfolg des Systems von Richtungsvotum und Bürgerrat ab. Politische Entscheidungen würden dadurch unter Umständen stark verzögert oder zumindest verwässert. Die steigende Zahl der Beteiligten kann dazu führen, dass effiziente und effektive Entscheidungen nicht oder erst sehr spät getroffen werden.

Trotz dieser Kritikpunkte gelingt es dem Autor mit seiner Vision eines dritten Plateaus eine interessante Debatte um die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft anzustoßen. Die hehren Ziele von werteregulierter Marktwirtschaft und Bürgerdemokratie liefern dabei einige Reibungspunkte, stellen aber andererseits auch eine gute Grundlage für weitere Überlegungen zum Thema Nachhaltigkeit dar. Damit wird Grassmann seiner selbstgestellten Forderung eines innovativen Denkanstoßes gerecht. Wie weit sich diese realisieren lassen wird sich zeigen müssen.


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