30.09.2016
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Woran krankt die Welt?

Moderne Mythen gefährden unsere Zukunft

Buchkritik: Ruediger Dahlke, Woran krankt die Welt? – Moderne Mythen gefährden unsere Zukunft, S. 434, 2. erw. Auflage, München 2001, ISBN: 3-570-50022-5.

Rezensiert von Sönke Niedringhaus


19.07.2005 · Reviewed by Sönke Niedringhaus


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Ruediger Dahlke (*1951) ist ausgebildeter Mediziner und Psychotherapeut. Mit seinem Buch „Woran krankt die Welt“ versucht er nun über den einzelnen Patienten hinaus die moderne Menschheit als Ganzes ins Blickfeld seiner Arbeit zu nehmen. Ihre Erkrankungen und deren Ursachen zu beschreiben – ähnlich einer ärztlichen Diagnose- und Auswege aufzuzeigen – entsprechend einer möglichen Therapie-, damit lässt sich am besten Dahlkes methodisches Vorgehen beschreiben. Die Symptome, an denen man die Krankheit erkennen könne, treten in Umwelt und Gesellschaft zu Tage. Als aktuellstes Beispiel könnte man hier den Tsunami in Südostasien anführen, der Ende 2004 die gesamte Region verwüstete. Andere Beispiele, auf die Dahlke selbst zu sprechen kommt, sind Klimaerwärmung, Ozonloch, Tschernobyl, die Verelendung der dritten Welt, Massenarbeitslosigkeit, Auflösung der Mittelschicht, Zeitverlust, Körperkult etc. Vor dem Hintergrund dieser Krankheitsmerkmale entsteht das Buch Dahlkes und es leistet den Beitrag diese in einen Gesamtzusammenhang zu stellen.

Die Ursache der Erkrankung liegt laut Dahlke in den Mythen, die in den modernen Gesellschaften vorherrschen und verbreitet werden. Er charakterisiert sie generell als Fortschrittsmythen, d.h. sie gehen von einem Paradigma des ewigen Fortschritts aus. Das moderne Weltbild, welches dem zu Grunde liegt, sei „linear“ und nicht mehr „zyklisch“ (S.56), wie es bei archaischen Kulturen üblich ist. Statt an eine ewige Wiederkehr würde man heute an ein „immer mehr“ (S.354) glauben. Beim einzelnen Individuum gehe es bis zum krankhaften Wunsch nach ewiger Jugend und „Unsterblichkeit“ (S.244 ff.) mit Hilfe der modernen Medizin. Allgemein zeige sich im modernen Weltbild eine Überbetonung von Menge und Masse. Die Quantität habe Vorrang vor Qualität. Dahlkes Beispiele hierfür sind u.a. die Massentierhaltung und deren Futterherstellung. Diese hätten zwar die Kosten gesenkt  aber auch Tierseuchen erzeugt und verbreitet. Für die Qualität dieser Tierprodukte sei dieser Schritt in jedem Falle nicht förderlich. Ein anderes Beispiel nach Dahlke sind Großkliniken in denen Menschen in Massen behandelt würden. Sie stellten durch die Menge an Menschen mit Krankheitserregern ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Sie bildeten Brutstätten für Seuchenverbreitungen, die ihrer eigentlichen Intension –Heilung von Menschen- entgegenwirkten. Auch Städte seien und würden immer mehr zu Megametropolen. Dort lebten die Menschen dann oft jedoch als Singles in anonymen Menschenmassen, was in Dahlkes Augen zu einer seelischen Vereinsamung und Verelendung führe.

Der stärkste und zugleich gefährlichste Mythos ist der des unbegrenzten Wirtschaftswachstums und des freien Marktes. Das exponentielle Wachstumsparadigma, das der Wirtschaft zu Grunde liege, entspreche laut Dahlke dem Wachstum eines Krebsgeschwürs im lebenden Körper. Es wächst sich zu Tode, denn es kommt zwangsläufig zu einer „lose-lose“ (S.24) Situation. Entweder stirbt es am Verbrauchen aller Wachstumsmöglichkeiten, weil alle Zellen befallen wurden. Oder der Organismus, der es trägt, verstirbt bereits an den verheerenden Nebenwirkungen des Wachstums. Letzteres ist der realistische Fall, den Dahlke auch für die Wirtschaft konstatiert. Die Autoindustrie werde sicherlich durch die Nebenwirkungen ihrer Produktion den Planeten zerstört haben, bevor jeder Mensch sein eigenes Auto besitzt (vgl. S.24). Der freie Markt ermögliche es nun, dass sich dieses Krebsgeschwür in Form von transnationalen Untenehmen weltweit ausbreitet. Die Moral dieser Konzerne sei einzig durch Finanzfaktoren bestimmt. Unternehmensentscheidungen würden nur auf ihre Effizienz zur Gewinnsteigerung hin geprüft. Denn nur hohe Gewinne versprächen auch einen hohen Shareholder Value. Ein Weg dahin sei das „Outsourcing“ (S.131) in Billiglohnländer, in denen die Arbeitnehmer weniger Rechte besitzen und zu Niedriglöhnen arbeiten. Dahlkes stärkstes Beispiel in diesem Bereich ist der Sportartikelhersteller Nike. Dort habe man in den 90er Jahren keinen Sportschuh mehr in den USA produziert, sondern ausschließlich in Südostasien unter sklavischen Bedingungen. Erst als die Medien darüber berichteten stellte Nike unter dem öffentlichen Druck diese Ausbeutungspraxis ein. Es drohte wohl durch den Imageverlust ein größerer Schaden als man durch die Arbeitplatzverlagerung herausholen konnte. Diese glückliche Wende sei aber keineswegs typisch für Konzerne. Denn auch die Medien sieht Dahlke durchaus sehr kritisch, da sie sich meist selbst in den Händen solcher Global Player befänden. Ein anderer Weg zur Zufriedenstellung der Aktionäre sei die Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung (Downsizing). Dieser Weg erfreue sich besonders in Deutschland, wo Arbeit relativ teuer ist, großer Beliebtheit. Dieser Weg leistete einen maßgeblichen Beitrag zum Phänomen der Massenarbeitslosigkeit. In Amerika habe man dagegen das Phänomen der „working poor“ (S.139). Menschen die trotz Vollzeitarbeit in absoluter Armut lebten. Ihre Zahl steige stetig, während die Gewinne der Unternehmen und das Vermögen einiger Superreicher gleichzeitig extrem zulegen. Dieses Ungleichgewicht, das die Mitte zu Gunsten eines Pols auflöst, ist bei Dahlke typisch für den freien Markt und alle modernen Mythen.

Eine andere Ebene, auf der man das Gleichgewicht verloren habe, sei die Wissenschaft und Forschung. Dort betreibe man zwischen den 2 Polen Spezialist und „Universaldilettant“ (S.45) eine immer stärkere Fixierung auf Ersteren. Der „Fachidiot“ (ebd.), Experte auf nur einem Gebiet, genieße hohe Popularität. Ausbildung statt Bildung laute hier die Devise. Dass diese Spezialisten oft die weit reichenden Konsequenzen ihrer Arbeit übersähen, sei dagegen ein entscheidender Nachteil. Sie stellten häufig nur noch ein Rädchen in einer Forschungsfabrik dar, und verlören die Verantwortung für die Methoden und Ergebnisse der Forschung. Prominenteste Beispiele repräsentieren hier laut Dahlke die Biowissenschaften oder die Entwicklung der Atombombe.

Die USA sind für Dahlke der dominierende Verbreiter dieser Mythen. Diese kritische Position gegenüber Amerika überzieht er allerdings an einigen Punkten des Buches: „Solche Zahlen […] verbergen jedoch die Tatsache, dass 1998 über 300.000.000 Menschen ihr Zuhause durch Unwetter verloren. Leider waren es keine US-Amerikaner, sonst würde nämlich etwas Grundlegendes geschehen.“ (S.86). Ein weiterer Punkt ist Dahlkes Behauptung von der Entstehung des amerikanischen Selbstbewusstseins aus der Verdrängung historischer Verbrechen (z.B. Verbrechen an den Ureinwohnern) (vgl. S200ff.): „Wenn wir nun von außen den Schatten des amerikanischen Lebens- und Freiheitsraumes untersuchen, dann nicht, um die USA schlecht zu machen, sondern um im Gegenteil zu zeigen, dass Schattenarbeit zu großen Ergebnissen führt und dazu befähigt, frei und unbefangen von der eigenen Geschichte zu leben.“ (S.201).

Laut Dahlke setze sich der „american way of life“ (S. 197f.) auch in allen kulturellen Bereichen durch. Hollywood und McDonalds sind zwei Stichworte, die diesen unreflektierten Konsumdrang treffend charakterisieren. Welche verheerenden Auswirkungen ein durch „Hollywood-Aktricen“ (S. 217) transportiertes Schönheitsideal bzw. der ständige Verzehr von „McFood“ (S. 199) auf Körper und Seele hätten, würde erst im Nachhinein sichtbar.

Was für den Einzelnen schädlich sei, schade auch der Welt als ganzes und umgekehrt. Das ist Dahlkes These von der Einheit allen Lebens. Die Erde als großgeschriebener Mensch. Um das tödliche exponentielle Wachstum zurückzuführen, müsse die Erde sich zurücknehmen und eine „Fastenzeit“ (S.311ff.) einlegen. Eine Forderung die angesichts der wirtschaftlichen und globalen Realität utopisch erscheint. Bei Dahlke heißt es nicht Vorfahrt Wirtschaft und Arbeit, sondern Vorfahrt für Spiritualität und Ökologie. Seine Beschreibung des Ungleichgewichts der Welt aus der Perspektive des Taoismus (Yin-Yang) bekommt sogar feministische Züge. Dahlke beklagt hier die einseitige Dominanz des „rationalen männlich-intellektuellen Pols“ (S.56) auf allen Ebenen. Es gelte daher den weiblichen, aufnehmenden Pol zu stärken. Im Nord-Süd Konflikt beispielsweise bedeutet das für Dahlke den weiblichen Süden zu stärken (vgl. S.72ff.).

Dahlke verfolgt mit seinem Buch keinen wissenschaftlichen Beitrag im soziologischen oder ökonomischen Sinn. Seine Rückgriffe auf antike Philosophie, fernöstliche Weisheiten und archaische Urprinzipien können diesem Anspruch nicht genügen. Wo er versucht seine Ansichten wissenschaftlich zu untermauern, ist er nicht überzeugend. An einer Stelle versucht er seine platonische „Makrokosmos = Mikrokosmos“ (S.59) Analogie durch die Ergebnisse der modernen Physik zu erhärten. Er behauptet, dass die Ergebnisse der Quantentheorie den Determinismus und damit das strenge Kausalitätsdenken zu Gunsten eines Korrelations- bzw. Analogiedenkens abgelöst hätten (vgl. S.61f.). Dass die Quantentheorie den Determinismus zu Fall brachte, ist zwar korrekt, jedoch nicht zu Gunsten der Korrelation, sondern der Probabilität. In Bezug auf eine Einheit von Makrokosmos und Mikrokosmos liefert sie sogar gegenteilige Resultate. Denn in der Physik gilt im Mikrokosmos die Quantentheorie als korrekte Beschreibung, im Makrokosmos aber die allgemeine Relativitätstheorie. Beide Theorien sind miteinander unvereinbar. Zwei weitere Kritikpunkte sind seine Tendenzen zum Antiamerikanismus und Feminismus.

Die Zahlen und Beispiele, die er zur Veranschaulichung der Missstände gibt, sind dennoch beeindruckend und sehr anschaulich. Er blickt auf die Welt wie ein Therapeut auf einen Patienten. Seine Rezepte zu dessen Genesung sind jedoch überwiegend von philosophisch, esoterischer Natur. Wer allerdings diese Kröte schlucken kann, wird die von Dahlkes entworfenen Theorien und Bilder als durchgängig kohärent und geistig anregend empfinden. Sie führen alle Probleme der modernen Welt auf eine große Einheit zurück. In diesem Sinne leistet das Buch dann einen polemischen Beitrag im positiven Sinne. Es regt zur streitbaren Auseinandersetzung mit den differenzierten und differenzierenden Wissenschaften ein. Sollten diese auch am Ende die objektiv überzeugenderen Argumente haben.


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