29.09.2016
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Bürger, ohne Arbeit

Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft

Wolfgang Engler: Bürger, ohne Arbeit
Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft
Aufbau-Verlag, Berlin, 2005, 416 Seiten
ISBN 3-351-02590-4

Rezensiert von Jonas Paul


28.04.2005 · Reviewed by Jonas Paul


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Nicht erst seitdem die Zahl der Arbeitslosen die symbolisch bedeutsame Marke von fünf Millionen überschritten hat, steht der Standort Deutschland auf dem Prüfstand. Politik und Fachwelt attestieren erheblichen Reformbedarf. Im Sinne einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik wird vielfach das Absenken von Sozialstandards gefordert, um Arbeit billiger und flexibler zu machen. Abgabenreduzierung und Deregulierung seien unausweichlich. Andernfalls habe Deutschland im globalen Wettbewerb um Investitionen und Unternehmensansiedelungen kaum mehr eine Chance. Und damit auch wenig Aussicht auf Besserung am Arbeitsmarkt. In dieser wirtschaftsliberal geprägten Debatte sind Anhänger einer nachfrageorientierten Politik in der Defensive. Selten gehört wird auch der Einwurf, nicht alles sei sozial, was Arbeit schaffe.

Dieser Ausgangslage ist sich Wolfgang Engler durchaus bewusst. Doch gerade sie motivierte ihn zu "Bürger, ohne Arbeit". Darin setzt er sich deutlich vom wirtschaftsliberalen Mainstream ab. Engler möchte die Behauptung widerlegen, jede Arbeit sei besser als keine Arbeit. Der Untertitel "Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft" deutet bereits darauf hin, dass es dem Autor dabei um Grundsätzliches geht. So fordert Engler eine Emanzipation des Bürgers vom Arbeiter und postuliert das Menschenrecht auf "arbeitsfreie Subsistenz".

Der Soziologe nähert sich dem Thema von mehreren Seiten. Engler argumentiert auch ökonomisch, stellt sein Anliegen aber in einen breiten historischen und soziologischen Kontext und lässt immer wieder philosophische Gedanken einfließen. Das unterscheidet die Veröffentlichung vom breiten Angebot aktueller Debattenbeiträge, die nur selten über den Tellerrand des Wirtschaftlichen hinausblicken. Das Werk folgt dabei zwei Hauptlinien. Zum einen zeichnet Engler die Entwicklung des Arbeitsbegriffs und -verständnisses seit der Antike nach. Zum anderen beschreibt er den Niedergang der modernen Lohnarbeitsgesellschaft und seine Antworten darauf.

Im ersten Teil des Buchs ermöglicht Engler dem Leser einen Überblick über die Entwicklung des Arbeitsbegriffs von der Antike bis zum Postfordismus unserer Tage. Seine Ausführungen reichen zurück zu Platons "Politeia". Sie umfassen neben anderen Aristoteles, Thomas Morus, Charles Fourier, Max Weber und Hannah Arendt. Engler beschreibt, wie sich die Vorstellungen wandelten: Von der Sehnsucht nach der Befreiung von der Arbeit, über die Sehnsucht nach der Befreiung durch die Arbeit zur Sehnsucht nach Freiheit in der Arbeit. Den antiken Lobredner des Müßiggangs würde man heute als provozierend empfinden. In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft identifiziert sich der Mensch vielmehr mit "seiner" Arbeit, anstatt nach dem Nichtarbeiten zu streben.

Dieser Arbeitsglaube erweist sich in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit als Problem. Engler kritisiert daher das "kulturelle Dogma unserer Zeit" (S. 144), die Gleichsetzung von "Arbeit" und "Aktivität". Solange nur der Arbeitende als aktiv handelnde Person, als vollwertiges soziales Wesen anerkannt werde, stürzten die von der Lohnarbeit ausgeschlossenen in Selbstzweifel und Apathie. Den Ausweg sieht Engler in der "Trilogie menschlicher Aktivitätsformen", wie sie Aristoteles in der "Nikomachischen Ethik" entwickelte: Hervorbringen – Handeln – Tätigkeit. Heute gelte es, die Handlungs- und Tätigkeitsimpulse der Menschen zu bewahren und zu stärken, die aus dem Arbeitsprozess (dem Hervorbringen) ausscheiden.

Der zweite Teil des Werks greift unmittelbarer in die aktuelle Debatte ein. Engler rekapituliert die Entwicklung der modernen Lohnarbeitsgesellschaft, die ihren Höhepunkt Mitte der 1950er bis Anfang der 70er Jahre hatte. Seitdem befindet sie sich im Niedergang. Symptome davon sind Massenarbeitslosigkeit und Arbeitsverhältnisse, die in finanzieller, sozialer und rechtlicher Hinsicht zunehmend prekärer werden. Engler rekonstruiert aber nicht nur bekannte Entwicklungen, sondern er stößt sich auch an einem neuen Denken. Die Eliten glaubten sich heute auf dem Weg in eine sozial entfesselte Marktwirtschaft und verwendeten den Begriff "Kapitalismus" wieder ohne Scham – vor zwei Dekaden wäre das noch verpönt gewesen. Bereits verloren gegangen sei der einstige Respekt der Arbeitgeber gegenüber ihren Beschäftigten. Zusammengenommen lassen die Entwicklungen Engler eine "Dezivilisierung der sozialen Verhältnisse" (S. 286) diagnostizieren.

Mitverantwortlich für die Massenarbeitslosigkeit dieser Tage macht er auch den angebotsorientierten Zeitgeist. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn trieben die Unternehmen in den "Nachfragetod" (S. 351). Engler fordert als Alternative mehr Keynes, Umverteilung vorhandener Arbeit und sieht im dänischen Sozialstaatsmodell ein Vorbild für Deutschland. Außerdem müsse der globalisierten Ökonomie eine transnational organisierte Politik zur Seite gestellt werden. Wirtschaftliche Macht könne so wieder beschränkt werden.

Soweit argumentiert Engler entlang bekannter ökonomischer Linien. Doch er geht über die aktuelle Debatte hinaus und rüttelt an den Fundamenten der Lohnarbeitsgesellschaft. Engler streitet für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Nicht nur, um die Nachfrage zu stützen. Der Autor will zurück zur Befreiung von der Arbeit, nachdem eine Befreiung in und durch die Arbeit nicht zu erreichen sei. Er fordert "Subsistenz für alle, mit oder ohne Stelle im Erwerbssystem" (S. 107). Das Grundeinkommen möchte Engler jeder erwachsenen Person in Form einer Sozialdividende zukommen lassen, eine staatliche Zahlung unabhängig vom Einkommen. So emanzipiere sich der Bürger vom Arbeiter, nachdem sich dereinst der Arbeiter zum Bürger emanzipiert habe. Darin und in der strikten sozialen Verpflichtung der Unternehmen liegt Englers "radikale Neugestaltung", die wahrlich radikal auftritt: "Der Umsturz der vom Staat sanktionierten Wirtschaftsgesellschaft beginnt im Kopf" der "vielen einzelnen" (S. 361).

Dem Autor gelingt es in "Bürger, ohne Arbeit" die aktuelle ökonomische Debatte interdisziplinär zu erweitern. Doch in der Vielfalt liegt auch die Schwäche des Buchs. Die Fülle der Gedankengänge mit ihren Nebenwegen macht es oft schwierig, den Blick auf die Zielrichtung Englers nicht zu verlieren. Unbefriedigend sind auch die Schlüsse, die er aus seiner beeindruckend breiten Analyse zieht. Seine arbeitstheoretischen Ergebnisse bleiben im Unkonkreten. Ebenso allgemein sind seine praktisch-wirtschaftspolitischen Forderungen. Finanziell und ökonomisch lässt Engler sie leider meist unbelegt.


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