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Ohne Kompass

Unserer heutigen Politik fehlt ein faszinierender strategischer Entwurf, beklagt Werner Weidenfeld

07.01.2014 · Handelsblatt


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Historische Zäsuren sind meist mit dramatischen Einschnitten, mit prägender Symbolik verbunden. Man erinnere sich an den Fall der Mauer in Berlin, den Terroranschlag auf das World Trade Center in New York oder die erste Landung eines Menschen auf dem Mond. Gegenwärtig vollzieht sich in Deutschland eine solche historische Zäsur - nur ohne große Symbolbilder, gewissermaßen unbemerkt. Wir sind passive Bestandteile einer Geschichte im Entstehen. Was ist die Substanz dieses Vorgangs? Jede Person und jede Gesellschaft muss permanent die geradezu unendliche Vielzahl eingehender Informationen filtern und ordnen. Dies gilt insbesondere in Zeiten dramatischer Steigerung der Komplexität. Man denke an Globalisierung und Digitalisierung, technologischen Fortschritt und demografischen Wandel - der Ordnungsbedarf ist immens. Geschichte und Politik liefern dazu normalerweise Orientierungswissen, das die einzelnen Daten in verstehende Kontexte einordnet.

In Zeiten des Ost-West-Konflikt war diese große weltpolitische Ordnung eines weltweiten Antagonismus eine große Quelle der Orientierung. Als diese Ära einer weltpolitischen Architektur unterging, wurde diese Nachfrage an Orientierung direkter und massiver an innenpolitische Produzenten gerichtet. Die Ära Adenauer wie die Ära Brandt, die Zeit des Helmut Schmidt wie die Epoche des Helmut Kohl hatten Orientierungswissen geliefert. Aber nun? Die politische Artistik, die sich an pekuniären Details wie PKW-Maut, Mietpreisbremse und Mindestlohn abarbeitet, bietet keinerlei Orientierungswissen. Sie beschäftigt die Antennen politischer Aufmerksamkeit nur mit machttechnischen Finessen. Offenbar gewöhnt man sich an Politik ohne Faszinosum, ohne großen strategischen Entwurf.

Und dann wird klar, dass der letzte Ersatzlieferant politischer Orientierung abdankt: die USA.

Über viele Jahrzehnte war Amerika als positives Vorbild oder als negativer Antipode Ort der Orientierung für die Deutschen. Man wollte das Vorbild nachahmen oder in antiamerikanischem Affekt dagegen angehen. Der weltweite Hegemon der Überwachung, der vom Terrorismus in die Paranoia getriebene Machtmogul verliert nun seine profilierende Prägung. Folgerichtig sind die Erosionen in den Tiefendimensionen der transatlantischen Beziehungen unübersehbar: wachsendes Desinteresse, Wechsel der Generationen, Auflösung der personellen Netzwerke, Verschiebung des geostrategischen Fokus.

Diese Lücke könnte Europa füllen - als strategischer Entwurf, als normativer Horizont, als Narrativ von Vergangenheit und Zukunft. Aber bisher lässt das Europathema mit seinem bürokratischen Klein-Klein diesen Bedarf völlig unbefriedigt. So erfährt man nur eine Zeit der verpassten Chancen.

In einer Epoche, in der wegen dramatisch wachsender Komplexität der Sachverhalte ein immenser Bedarf an Orientierung besteht, sind die Quellen des Orientierungswissens versiegt. Ein Land in der Orientierungslosigkeit ist ein Land in Not - zunächst noch nicht im materiellen Sinn, sehr wohl aber ist die politisch-kulturelle Not leidvoll erfahrbar.


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