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Kontinent der verpassten Chancen - das „Sport-Europa“

Ein Beitrag von Werner Weidenfeld

01.05.2014 · Deutschlandfunk


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Man kann die Lage Europas gegenwärtig mit höchst unterschiedlichen Überschriften versehen: Vom "Kontinent in der Krise" bis zu "Europa als Erfolgsgeschichte", vom "Bürokratiemonster" bis zum "Übungsfels des Pragmatismus" – und alle Schlagzeilen stimmen. Wenn man dann den Blick auf das "Europa des Sports" richtet, dann trifft auch zu: "Der Kontinent der verpassten Chancen".

Wieso? - wird manch einer fragen. Was hat denn die Europäische Union überhaupt mit Sport zu tun? In dieser Unkenntnis eines interessanten europapolitischen Sachverhalts liegt das Problem. Da gibt es eine Europäische Union, die die Herzen der Menschen nur noch schwer erreicht. Sie ist komplex, intransparent, bürokratisch, technokratisch – und wirkt eher unterkühlt, distanziert. Im Vorfeld der Wahl zum Europäischen Parlament wird dies für die Europapolitik besonders schmerzhaft spürbar. Man will die Emotionen für das große historische Werk Europa wecken. Die Europäische Union ist doch sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Man will Begeisterung und Zustimmung erfahren. Die Welt des Sports bietet einen solchen Ort der Begeisterung – und die Europäische Union verfügt inzwischen auch dort über Kompetenzen. Eigentlich eine perfekte Brücke, Zustimmung zu organisieren. Aber kaum jemand weiß davon; kaum jemand verspürt es. Das "Sport-Europa" ist ganz offenkundig ein "Ort der verpassten Chancen".

Das ist zu konstatieren, obwohl die Europäische Union schon recht früh die soziale, kulturelle und ökonomische Bedeutung des Sports erkannt hatte. Das Thema "Sport" tauchte bereits vor etlichen Jahren in europäischen Programmen wie "Jugend in Aktion", "Lebenslanges Lernen", "Ehrenamt" auf. Im Jahr 2008 veröffentlichte das Europäische Parlament" sogar ein "Weißbuch Sport". Die europapolitische Dimension des Sports sollte eine strategische Ausrichtung und damit auch eine größere Aufmerksamkeit erhalten – so wollten es die Parlamentarier. Formelle Kompetenzen zu diesem Themenfeld besaß die Europäische Union aber zu diesem Zeitpunkt nicht. Diese Kompetenzen erhielt sie erst im Jahr 2009 mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon. Dort heißt es - in Artikel 165 des "Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union": "Die Union trägt zur Förderung der europäischen Dimension des Sports bei und berücksichtigt dabei dessen besondere Merkmale, dessen auf freiwilligem Engagement basierende Strukturen sowie dessen soziale und pädagogische Funktion".

Anpfiff Europa

Was hat die Europäische Union nun mit diesen neuen vertraglichen  Möglichkeiten angefangen? Man könnte ironisch festhalten: Wie üblich Papiere produziert. Die Kommission veröffentlichte 2011 eine Mitteilung zur "Entwicklung der europäischen Dimension des Sports". Darin ist zu lesen vom Dialog mit den Sportvertretern, von gesundheitsfördernder körperlicher Betätigung, von sozialer Integration durch Sport. In einem "Arbeitsplan Sport" wurden der Kampf gegen Doping wie gegen manipulative Spielabsprachen angesprochen Finanzmittel für Sport-Förderprogramme wurden erstmals für die Haushaltsphase 2014 bis 2020 ins Auge gefasst.

Aber begeisternde Strategien sehen anders aus. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Warum fördert die EU nicht stimulierende Programme wie "Anpfiff Europa"? Auf Initiative einiger überzeugter Europäer treffen sich im Sommer auf dem Gut der früheren Widerstandskämpfer von Moltke in Kreisau 80 Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern und spielen unter Anleitung von professionellen Trainern Fußball zusammen. Sie musizieren zusammen und werden in Sachen internationaler Verständigung pädagogisch begleitet. Ein großer Erfolg - aber von der Europäischen Union noch nicht als Schatz geborgen.

Zieht man eine Bilanz des "Sport-Europa", so ist festzuhalten: Die Europäische Union hat die Bedeutung des Sports erkannt und sie hat sogar vertragliche Kompetenzen erhalten. Aber in der Umsetzung dieser neuen Möglichkeiten blieb sie bisher grau, bürokratisch, unscheinbar. Man muss ihr den dringenden Rat geben: Wenn sie die Herzen der Europäer erreichen will, dann sollte sie bald eine Strategie der Begeisterung erarbeiten lassen. Dieses neue Europa des sportlichen Aufbruchs hätte großartige neue Chancen. Auf solch einen neuen Geist warten die Bürger Europas. Und sie werden immer ungeduldiger.


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