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Die böse Wulff

Mit ihrem Buch voller Selbstmitleid schadet die Frau des früheren Bundespräsidenten dem Amt, ihrem Mann und sich selbst

Von den FOCUS-Redakteuren Christoph Elflein und Thomas Röll und FOCUS-Online-Korrespondent Ansgar Siemens

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17.09.2012 · FOCUS ONLINE


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Der PR-Coup währt genau vier Tage. Die Marketing-Maschinerie läuft mit der Meldung an, Bettina Wulff lege sich mit dem Internet-Giganten Google an und verklage Deutschlands Lieblingsmoderator Günther Jauch wegen der Verbreitung übler Gerüchte. 24 Stunden später werden ausgewählten Redaktionen Ausgaben ihres Buches „Jenseits des Protokolls“ zugespielt. Überraschend tauchen Exemplare im Handel auf. Vier Magazine kündigen Interviews mit der früheren First Lady an.

Selten wurde ein Buch mit solch geballter Medienmacht in den Markt gedrückt. Eine Anzeigenkampagne mit gleicher Durchschlagskraft hätte nach Berechnungen der Medien-Analyse-Firma IMAG weit über zwei Millionen Euro gekostet. Binnen Stunden steigt „Jenseits des Protokolls“ beim Internet-Buchhändler Amazon auf Rang acht der Bestsellerliste.

Aber wohl noch nie musste eine Autorin in so kurzer Zeit so viel Kritik einstecken. Die Amazon-Kunden schäumen. Über 600 Kommentatoren zerpflückten das 223-Seiten-Werk: „schamlos“, „niveaulos“ oder „unverschämt“.

Auch die Berichterstattung kippt. Während „Bild am Sonntag“ noch titelt: „Jauch gibt nach“ und die 38-Jährige als Kämpferin gegen die gerüchteaffine Internet-Welt lobt, heißt es vier Tage später bei „Bild“: „Warum tut sie ihm das an?“. Das Blatt fragt, ob es sich gehöre, was Bettina Wulff über ihren Mann Christian mitteilt.

Noch sind nicht einmal alle 100.000 Ausgaben der Startauflage ausgeliefert, und schon mutiert die Ex-First-Lady in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem larmoyanten Ichling. „Das Buch zeigt, wie sehr man sich erniedrigen kann, um Geld zu verdienen“, urteilt etwa Dirk Große-Leege, PR-Profi und früherer VW-Kommunikationschef.

Was die Kritiker so empört: Bettina Wulff hat sich in ihrem Buch den aufgestauten Ärger und Frust über die Erfahrungen an der Seite des Bundespräsidenten und die Gerüchte im Internet über ihre angebliche Vergangenheit im Rotlichtmilieu von der Seele geschrieben. Und das in einem Ton, in dem man mit seiner besten Freundin spricht, der aber eher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

„Mit ihren Äußerungen schadet sie dem Amt des Bundespräsidenten. Sie entmythologisiert das Amt und seinen Stellenwert, indem sie es auf die Ebene von Klein Erna und deren Problemen herunterzieht“, kritisiert der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld. Den Politexperten irritieren besonders die Passagen im Buch, in denen sich Bettina Wulff über das harte Los einer Präsidentengattin beklagt. Die Bürde des öffentlichen Amtes, das Leben nach dem Terminkalender des Mannes und die schwierige Zeit bis zum Rücktritt hätten Aussehen und Gesundheit ruiniert, schreibt sie. „Ich habe abgenommen, fünf Kilo, ich quäle mich seit eineinhalb Jahren mit Magenschmerzen herum, meine Augen wirken matt und müde und meine Haut ist schlichtweg ein Desaster.“

Magengrimmen und trockene Haut – für Weidenfeld kann das nicht die Bilanz nach 598 Tagen an der Seite des obersten Repräsentanten der Republik sein. Die Klagen über die Belastungen als Gattin des Bundespräsidenten hält er für fadenscheinig. „Sie muss gewusst haben, auf was sie sich einlässt. Und sie hat es freiwillig getan“, urteilt Weidenfeld

Man kann Bettina Wulffs Buch aber auch anders lesen. „Da lüftet jemand den Deckel und zeigt, welche Selbstentäußerung ein politisches Amt mit sich bringt“, urteilt der Politwissenschaftler Heinrich Oberreuter. Bettina Wulff habe sich in ihre Rolle fügen müssen, weil das Protokoll es so verlangte. Oberreuter sieht eine Frau, die „tief verletzt und beleidigt“ wurde und die jetzt versuche, Klarheit zu schaffen.

16 Seiten lang rechnet Bettina Wulff auch mit den Medien ab. Ihr sei klar gewesen, dass die Beziehung interessanten Stoff bot: „Da verliebt sich älterer konservativer, katholischer und obendrein noch verheirateter Politiker und Familienvater in eine 14 Jahre jüngere alleinerziehende und blonde Frau.“ Gelitten habe sie aber darunter, wie die Presse nach jedem privaten Detail gierte: Freunde, Urlaube, ja sogar ihr Tattoo seien diskutiert und interpretiert worden. Und dann natürlich die Gerüchte um ihre Vergangenheit: Diese Geschichten seien „grausam“ und „schlicht Rufmord“. Sie habe aufpassen müssen, nicht zum „Menschenhasser“ zu werden.

Bei so viel Wut über die Verletzung der Privatsphäre verwundert es selbst verständnisvolle Beobachter wie Oberreuter, wie viele private Details sie im Buch und in Interviews preisgibt. Sie räumt mit dem Bild auf, die Wulffs seien stets ein Team gewesen und distanziert sich deutlich von ihrem Gatten. „Leicht genervt“, sei sie gewesen, als Christian ihr den Entwurf seiner Rücktrittserklärung vorlas: „Warum konnte er nicht einfach nur sagen: ´Ich trete zurück´, und der Drops war damit gelutscht.“ Zugleich rechnet sie mit Christian Wulff als Menschen ab. „Ich werfe ihm manchmal vor, dass er mich ein großes Stück weit in die Rolle gedrängt hat“, sagt sie einer Frauenzeitschrift.

Freunde reagieren erschrocken. „Jetzt zeigt sie ihr wahres Gesicht als berechnende egoistische Karriere-Lady. Was aus ihm wird, ist ihr egal“, sagt ein guter Bekannter. Auch der Bonner Politikprofessor Gerd Langguth kritisiert die Äußerungen: „Ihre Schilderungen der Beziehung zu Christian Wulff mit Verweis auf den hinzugezogenen Therapeuten sind viel zu weitgehend. Da scheint es nur noch um sie zu gehen, bis hin zu einer fast öffentlichen Aufkündigung ihrer Ehe.“

Darin hat Bettina Wulff bereits Erfahrung. Die Trennung von ihrem ersten Mann schildert sie im Buch so: „Es machte mich rasend, wie Torsten abends ins Bett gehen konnte, ohne zu wissen, wie der nächste Tag aussieht ... Hinzu kam die finanzielle Unsicherheit.“

Zumindest diese Sorge dürfte sie jetzt nicht mehr haben. Dazu verkauft sich ihr Buch zu gut.


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