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Jahrbuch Polen 2008 - Jugend

Eine Rezension von Eva Feldmann-Wojtachnia

Was bewegt die junge Generation in Polen? Inwieweit fühlen sich die Jugendlichen europäisch und wie wichtig ist ihnen ihre eigene Geschichte nunmehr zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems? Antworten, Einblicke und Analysen bietet das Jahrbuch Polen 2008, welches sich umfassend mit der jungen Generation befasst.

Eva Feldmann-Wojtachnia
, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Jugend und Europa und ausgewiesene Polenexpertin rezensiert die Publikation des Deutschen-Polen Instituts in der aktuellen Ausgabe von osteuropa 4/2009 (S.179-181).

Jahrbuch Polen 2008 - Jugend
Herausgegeben vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt. Wiesbaden: Harrassowitz 2009. 242 Seiten, 11,80 €

27.04.2009 · osteuropa 4/2009


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Wer Jugend sagt, meint eine Generation, die beste Generation. Je genauer wir aber hinsehen, desto unsicherer wird, ob es überhaupt die Generation Jugend gibt. Und so geht es auch den Autoren des Jahrbuchs Polen 2008. Sie fragen sich kritisch und aus unterschiedlichen Blickwinkeln, was dieser schillernde, positiv besetzte Begriff einlösen kann und was Sehnsucht bleiben muss. Ein Ordnungsbegriff, der nur sehr vordergründig Ordnung schafft und bei näherer Betrachtung  in erster Linie Fragen aufwirft. Und diese – soviel steht nach der Lektüre fest – lassen sich nicht einfach klären, lassen sich vielleicht gar nicht klären. Sie brauchen eine andere Dimension der Antwort, eine solche, die das Lebensgefühl in den Mittelpunkt rückt und dabei differenziert.

Und in dieses Befinden, in die völlig unterschiedlichen Lebenswelten der jungen Generation in Polen, geboren ab 1980, wird der Leser immer mehr hineingezogen. Dabei sind die Erklärungsansätze ebenso vielseitig wie die Jugendlichen selbst. Wissenschaftliche Aufsätze sind hier nur einer der Leitfäden, die durch das Jahrbuch führen. Hinzu kommen die zahlreichen Facetten polnischer Wirklichkeit, Ausschnitte jugendlicher Subkultur neben einer überzeugenden Analyse der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Abgerundet wird das Jahrbuch durch den Einbezug persönlicher und ungeschminkter Perspektiven: literarische Texte, die den einen oder anderen Aspekt vor einem individuellen Erfahrungshorizont ausleuchten – ohne werten zu müssen. Angesichts der Komplexität wäre dies ohnehin nicht möglich. So besticht die Textauswahl durch ihre Authentizität, wobei die Ausschnitte nicht bezugslos nebeneinander gereiht sind, sondern durchaus ein Spiegel der Zeit sind: Jugend 1980 – Jugend 2008.

Diese Anthologie empirischer, analytischer und literarischer Beiträge dokumentiert Momentaufnahmen und Einblicke in die Eigenarten und spezifischen Lebensbedingungen einer neuen, europäischen Generation in Polen – jahrgangsstark, gut gebildet und sprachbegabt. Die Betroffenen selbst sehen sich nicht unter dem Mantel einer Generation aufgehoben: Abkehr von Tradition und Atomisierung ohne materielle Absicherung kennzeichnen sie als eine „Generation Nichts“. So sind sie zwar weiterhin geprägt von der Sehnsucht nach Gemeinschaftsgefühl der früheren Solidarność-Generationen ihrer Eltern – nur steht ihnen kein offener Gegner entgegen, sondern vielmehr ein „softer Feind“: Indifferenz, Konsum und Relativismus. Andererseits sind die Errungenschaften der früheren Generationen nun Basis für ihre Erfahrungen. Werte erleben junge Menschen im Spannungsfeld von Außerordentlichkeit und Banalität von persönlicher Freiheit, in dem bei vielen der Wunsch nach etwas spirituell Tieferem anklingt – man nennt sie auch die „JP2“, die Jan Pawel II. Generation. Der Analyse dieses Phänomens widmet sich Zbigniew Nosowski, Chefredakteur der katholischen Monatszeitschrift Wiez.

Als Dreh- und Angelpunkt nicht nur für das Jahrbuch, sondern auch in der öffentlichen Debatte in Polen ist der Begriff „Generation Nic“ anzusehen. Anstoß hierzu gab im Herbst 2002 Kuba Wandachowicz, Sänger der Punkband Cool kids of death, in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Er machte dort in einem Artikel seinem Ärger darüber Luft, dass seine Generation, die gut ausgebildet ist, keinen Platz in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt findet, weil vor allem die Vierzigjährigen die Gewinner des politischen Umbruchs seien. Dieser Artikel wurde eingangs in das Jahrbuch aufgenommen, um ihm einen weiteren grundsätzlichen Auftakt gegenüberzustellen, den Aufsatz „Generation mit Schluckauf“ von Michal Olszewski. Während Wandachowicz die neue Freiheit der Jugendlichen im Hinblick auf ein fehlendes verantwortungsbewusstes Klima in der Gesellschaft beklagt, sieht Olszeweski die Jugend selbst in der historischen Pflicht, die Möglichkeiten der errungenen Freiheit nun auszugestalten. Er misst der „Zäsur von 1989“ eine grundsätzliche Bedeutung für die Identitätsfindung der jungen, polnischen Generation zu. Nur fehlen offenbar Orte und Themen, um sich mit der eigenen Geschichte über die Generationen hinweg kritisch und konstruktiv auseinander zu setzen und gemeinschaftliche Werte neu zu definieren. Diesen Diskurs aufgreifend schließen sich weitere Beiträge des Jahrbuchs an, ebenso auf der Suche nach einer Generation und ihrer jugendspezifischen, polnischen Identität vor dem Hintergrund des tiefgreifenden gesellschaftlichen, politischen Wandels und einer großen Welle der EU-Emigration.

Dennoch, das macht das Jahrbuch mit seinen vielfältigen Beiträgen zur Jugendkultur deutlich, lässt sich die polnische Jugend nicht auf eine klassische, problemorientierte Wertediskussion reduzieren. Politisches Engagement ist bei polnischen Jugendlichen nicht wirklich populär. Denn laut Umfragen hat die polnische Jugend eine breite, unpolitische Mitte, die nur von kleineren linken und rechten Rändern gesäumt wird – anders als in Deutschland. Aber auch die politischen Parteien setzen diesem Phänomen kein Konzept entgegen. So hat sich jugendliches Engagement offenbar ganz auf den kulturellen, sozialen und sportlichen Teil verlagert. Hier ist der Aufsatz von Rainer Mende hervorzuheben, der zeigt, wie wenig polnische Jugendliche trotz politischer Ratlosigkeit resignieren, sondern in vielfältigsten Jugend- und Subkulturen ihre Nischen und Szenen finden, um sich kreativ selbst zu definieren. Sie gestalten die polnische Gesellschaft auf ihre Weise und verorten sich – wenn auch wenig politisch – so doch kulturell mit ihren eigenen künstlerischen Ausdrucksformen. Auch hierzu bietet das Jahrbuch an den interessanten Schnittstellen von Konsumgesellschaft, Traditionsbewusstsein und neuen Gesellschaftsmodellen oder polnischem Patriotismus und europäischer Identität gut gewählte Perspektiven und Analysen unterschiedlicher Autoren. So wird der Generationenbegriff Jugend zu einer Anthologie, die sich zur Aufgabe macht, Innen- und Außenansichten von Jung sein in Polen nachzuzeichnen und dabei die Schlüsselbegriffe der Lebenswelten zu identifizieren.

Wo Jugendlichkeit mehr als die Betrachtung eines Alters oder einer vermeintlich homogenen Generation bedeutet, versteht es das Jahrbuch ausgezeichnet, den Ton zu treffen, ohne sich anzubiedern. Auch ist die spezielle polnische Verortung der typisch jugendspezifischen Themen interessant gelöst, da sie einem diskursiven Ansatz folgt, der zum weiteren Nachdenken anregt und nicht bereits fertige Antworten liefert. Das Jahrbuch zeigt auf, dass jugendliche Identität im Spannungsfeld von Beziehungen entsteht – zwischen den Generationen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen. Es bleibt uns aber letztlich schuldig, die Grundbeziehung zwischen Eltern und Kindern auszuleuchten. Es ist zu bezweifeln, dass diese 2008 keinen Ausschlag mehr für die persönliche Entwicklung Jugendlicher spielt und zu hinterfragen, ob die individuelle Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern als maßgeblicher, verbindlicher Bezugspunkt für junge Menschen in Polen an Bedeutung verliert – eine vereinsamte Generation? Schade, dass hier und auch im Zusammenhang mit der „Generation Migration“ im Beitrag von Bartosz T. Wielinski die existentiellen Probleme der sogenannten Eurowaisen – unzählige Kinder und Jugendliche, die in den letzten Jahren von ihren emigrierenden Eltern in Polen zurückgelassenen wurden – nicht explizit ins Blickfeld gerückt wurden.

Das Jahrbuch versammelt achtzehn polnische und drei deutsche Autoren unterschiedlichen Alters und mit den verschiedensten Hintergründen, zumeist jedoch männlich. Ob auch eine zugespitzte Perspektive der jungen Frauen mit ihrem Selbstbild und ihren Chancen fehlt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Denn es könnte durchaus sein, dass diese Fragen gar kein explizites Thema mehr für die junge ebenso selbstbewusste wie gleichberechtigte Generation sind. Fest steht schließlich nur, dass jede Generation, jedes Alter sich anders mitteilt und gehört sein will. Ob dies der jungen Generation in Polen gelingt? Im Kontext der deutsch-polnischen Beziehungen ist es den Herausgebern des Jahrbuchs jedenfalls gelungen. Mit einem Ansatz, der nicht überladen ist, der authentisch den Sorgen und Nöten Jugendlicher einen Raum gibt, aber auch jugendliche Leichtigkeiten und ihrem vielfältigen Lebensgefühl Ausdruck verleiht. Ein Ansatz, den es in jedem Fall lohnt, methodisch weiter zu verfolgen und nicht nur einem Jahrbuchthema zu überlassen.

Eva Feldmann-Wojtachnia


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