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Wie die rechte Szene ihren Nachwuchs rekrutiert

Was Eltern tun können - Statements von Britta Schellenberg

Von Julia Grimminger (KNA)

12.02.2009 · Katholische Nachrichtenagentur


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"Wir dachten immer, es geht vorüber", erinnern sich Renate und Stefan R. Sie hörten die aggressive Musik, sahen die fremdenfeindlichen Aufkleber, DVDs, CDs und die weißen Schnürsenkel. Das sei wohl die Pubertät, haben sie sich eingeredet. Wir sind doch eine intakte, glückliche Familie - uns passiert das nicht.

Ihr Sohn Sebastian, damals 15, lebte schon in einer anderen Welt. Statt Einöde auf dem Land, gab es für ihn jetzt Anerkennung, Zugehörigkeit, Spaß, Partys. Mit seinen neuen Freunden fuhr er zu Konzerten. Alle tranken sie viel Alkohol, und es kam häufig zu Schlägereien. Mit "feigen Demokraten" wollte er nichts mehr zu tun haben. Seine Eltern ließ er nicht mehr an sich ran. Ein Jahr dauerte es, bis Familie R. bei der Braunschweiger Beratungsstelle "ARUG" (Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt) Hilfe suchte.

"Die rechte Szene arbeitet mit den klassischen Methoden der Jugendarbeit - und das sehr erfolgreich", sagt ARUG-Leiter Reinhard Koch. Er betreut Renate und Stefan R. nun seit mehreren Jahren. Besonders auf dem Land, wo die Freizeitangebote sehr begrenzt seien, hätten die Extremisten dieses Vakuum entdeckt. Musik sei dabei oft die "Einstiegsdroge". Dann folgten weitere Angebote. Jugendlichen werde dabei die Rolle des aktiv Handelnden, des "Machers" vermittelt. "Besonders junge Männer sind dafür sehr anfällig", so Koch.

Versierte Demagogen

Eine Taktik, die auch die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) für sich entdeckt hat. Vor fünf Jahren plante die Partei, CDs mit rechtsextremer Musik an Schulen zu verteilen. Staatsanwälte stoppten die Aktion, die Musik kann aber seitdem im Internet kostenlos heruntergeladen werden. "Die NPD hat die Straße erobert", sagt Britta Schellenberg. Die Münchner Politologin hat in den vergangenen Jahren beobachtet, wie die Demagogen immer versierter wurden. Die laut Selbsteinschätzung "jüngste Partei Deutschlands" habe zweifelhafte Erfolge zu verbuchen: Die hasserfüllten Texte der "Schulhof-CD", die zwischen Kuschelrock und Hardcore variierten, würden sogar Jugendliche kennen, die gar keinen Kontakt zur Szene hätten, so Schellenberg.

Irgendwann vergrößerte sich der Radius, in dem Sebastian sich bewegte. Aus den Schlägereien wurden Straftaten. "Es gab aber immer wieder Hoffnung", erzählt Sebastians Mutter. Als er eine Lehre auf dem Bau anfing, änderte sich sein soziales Umfeld. Doch den Absprung schien er nicht zu schaffen - er wollte nicht. "Er wollte wohl lange Zeit nicht als Verräter gelten", vermutet Koch. Die Übergänge in der rechten Szene seien fließend: Die Jugendlichen entwickelten sich vom Mitläufer zum Mitwisser und dann zum Mittäter. Die Erpressbarkeit werde dabei mit jedem Tag größer.

Der Fachmann empfiehlt betroffenen Eltern, bei den ersten Anzeichen professionelle Beratung (bundesweite Beratungsstellen unter www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de) zu suchen. Belehrungen,

 Strafpredigten und Verbote seien wenig hilfreich. "Eltern müssen sich vielmehr fragen: Was findet mein Kind dort?" Damit es erst gar nicht so weit komme, fordern Experten mehr Investition in Bildung. "Das größte Bollwerk gegen Rechtsextremismus ist Bildung", erklärt Politologin Schellenberg. Zudem müsse eine konsequente Aufklärungsarbeit in und auch außerhalb der Schule stattfinden. Auch die Kirchen mit ihren vielseitigen Angeboten könnten viel bewirken. Bisher fehlte jedoch die Vernetzung zwischen den Projekten. "Wir müssen das flächendeckend und langfristig gestalten", fordert die Politologin.

Argumente gegen rechts

Wie Präventionsarbeit praktisch aussehen kann, schildern Stefan Glaser und Thomas Pfeiffer in ihrem Buch "Erlebniswelt Rechtsextremismus". Jugendliche müssen sensibilisiert und für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus gestärkt werden, lautet eine These der Autoren. Das funktioniere am besten, indem man ihre Erfahrungen mit einbeziehe - statt mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten. Wie erkenne ich jemanden, der "rechts" ist? Wie kann ich in einer Diskussion überzeugend gegen "rechts" argumentieren?

Fragen, die - rechtzeitig gestellt - vielleicht auch die rechte Karriere von Sebastian R. gebremst hätten. Doch Sozialarbeiter Koch ist zuversichtlich: "Wir rechnen damit, dass Sebastian bald auf uns zukommt" Der mittlerweile 19-Jährige habe in den vergangenen Wochen mehrmals angedeutet, dass er sich aus der "verstrickten Situation" lösen wolle. Er hat inzwischen eine neue Lehrstelle als Industriekaufmann gefunden. "Unser Sohn baut sich ein neues Netzwerk auf", beobachten auch seine Eltern. Koch warnt jedoch vor allzu viel Euphorie: "Wir stehen erst am Anfang eines langen Prozesses."

Literaturhinweise

Stefan Glaser, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Erlebniswelt Rechtsextremismus. Wochenschau Verlag, 238 Seiten, 24,80 Euro.

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus. C. Bertelsmann Verlag, 320 Seiten, 14,95 Euro.

Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.): Reaktionäre Rebellen. Rechtsextreme Musik in Deutschland. Thomas Tilsner Verlag, 250 Seiten, 15 Euro.

Toralf Staud: Moderne Nazis. Die neuen Rechten und der Aufstieg der NPD. Kiepenheuer & Witsch, 232 Seiten, 8,95 Euro.

Weitere Informationen

www.arug.de

www.online-beratungsstelle-gegen-rechtsextremismus.de


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