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Das Belgien-Bild der Deutschen

Matthias Chardon zu den Gründen für das oft negative Image Belgiens in Deutschland

Von Jennifer Kuhlmann

Originalartikel

23.01.2009 · Westfalenpost


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Hagen. Der Fall Dutroux bestimmt seit langem die öffentliche Meinung über unser Nachbarland Belgien. Es sei ein "Paradies für Kinderschänder" (taz) und es herrschten "Korruption, Vertuschung von Kriminalität, Pfründenwirtschaft, Parteienfilz und Profitgier" (Welt).

Marc Dutroux hatte in den 80er und 90er Jahren mehrere Mädchen im Alter zwischen 8 und 19 Jahren entführt, sexuell missbraucht und seinen Komplizen sowie zwei Mädchen ermordet. Während der Ermittlungen wurden diverse Fehler gemacht. Unter anderem wurde ein Bericht zu spät ausgewertet und Dutroux gelang die Flucht aus einem Gerichtsgebäude.

In den 80er Jahren überfiel eine Bande Supermärkte und Waffenläden, tötete 28 Menschen, erbeutete aber nichts. Dieser Fall konnte genauso wenig aufgeklärt werden, wie der Mord am Chef der Sozialistischen Partei Walloniens, André Cools, der 1991 auf der Straße erschossen wurde.

"Belgien hat nicht per se einen schlechten Ruf", meint Matthias Chardon, Leiter der Forschungsgruppe Europa des Centrums für angewandte Politikforschung in München. "Viele wissen aber nicht viel über das Land und denken zuerst an Bier, Pralinen und Fritten und danach an EU-Richtlinien und Dutroux." Chardon hat in Belgien studiert und weiß: Die Belgier haben selbst ein Problem mit ihrem Land. Gerade die ungelösten Fälle und die Pannen bei Ermittlungen hätten das Vertrauen der Bürger in Politik und Justiz gestört.

Hinzu komme, dass das Land keine "belgische Identität" besitze. "Nur beim Königshaus und im Fußball sind sich alle einig", so Chardon. Die Regionen Flandern und Wallonien sind sich nicht grün. "Da gibt es sprachliche Barrieren, aber auch soziale und wirtschaftliche", so der Experte. Auch die Politiker seien zu sehr in der Region und Partei verwurzelt, um ganzheitlich für Belgien zu denken. "Man erinnere sich, wie lange es gedauert hat, eine Regierung zu bilden."

Da die belgischen Medien genauso gespalten seien wie die Nation, könne man von ihnen keine Hilfe erwarten, so Chardon. "Nur aus intellektuellen Kreisen gibt es Anregungen, mehr auf die Gemeinsamkeiten von Flamen und Frankophonen einzugehen."


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