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Starke Ultras bedrohen Kosovo-Frieden

C·A·P-Experte Dominik Tolksdorf im Gespräch mit der Redaktion von Focus Online

Nach der Wahl in Serbien und vor der Entscheidung der UN zur Zukunft des Kosovo geistert wieder das Gespenst eines möglichen Krieges durch Europa.

Von Ingo Thor, FOCUS ONLINE

22.01.2007 · Focus Online


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Zwar können drei mehr oder weniger EU-freundliche Parteien in Serbien eine Regierung bilden, doch die extrem nationalistische und antiwestliche Radikale Partei (SRS) holte am Sonntag mit 28,7 Prozent die meisten Stimmen. Und die als reformorientiert geltende Demokratische Partei Serbiens des amtierenden Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica, die auf 16,7 Prozent kam, gilt als unsicherer Kantonist. Denn Kostunica bedient sich oft und gern nationalistischer Töne. Wie ernst internationale Beobachter die Lage einschätzen, zeigt die Tatsache, dass der UN-Vermittler Martti Ahtisaari die Entscheidung über den Status der mehrheitlich von Albanern bewohnten Provinz bis nach dem Urnengang verschoben hat. Nach monatelangen Verhandlungen zwischen Serben und Albanern im vergangenen Jahr gab es kaum Fortschritte.

Experte: Nord-Kosovo als Problem

Dominik Tolksdorf, Balkan-Experte vom "Centrum für angewandte Politikforschung" der Ludwig-Maximilians-Universität München, glaubt zwar, dass es nach einer Unabhängigkeitserklärung von Seiten der Albaner Unruhen im Norden des Kosovo in der geteilten Stadt Mitrovica geben könnte. Flächendeckende kriegerische Auseinandersetzungen wie in den 90er-Jahren hält er aber für unwahrscheinlich. Denn selbst die Radikale Partei Serbiens habe erklärt, nicht zu kriegerischen Mitteln greifen zu wollen. Es sei allenfalls mit verbaler Aggressivität ultranationalistischer Serben zu rechnen. "Außerdem wurde Serbien in die Nato-Partnerschaft für den Frieden aufgenommen", so Tolksdorf. Dies zeige, dass auch auf Seiten Serbiens Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem westlichen Bündnis bestehe.

Kosovo seit 1999 unter UN-Verwaltung

Das Kosovo wird seit 1999 von den Vereinten Nationen verwaltet. Zuvor hatte die Nato den Serben die Kontrolle über die Provinz in einem 78-tägigen Krieg entrissen. Auslöser der Militäraktion waren Vorwürfe, wonach das serbische Militär 10.000 Albaner im Kosovo getötet und 800.000 vertrieben haben soll.

Im Kosovo leben nur etwa zehn Prozent Serben. Die meisten Politiker in Belgrad sind dennoch allenfalls bereit, dem Gebiet eine weitgehende Autonomie zuzugestehen, denn es sieht die Gegend als serbisches Herzland. Die Kosovo-Albaner machten allerdings bereits wiederholt deutlich, nur eine völlige Unabhängigkeit von Serbien akzeptieren zu wollen. In dem Gebiet gibt es zahlreiche von Nationalisten bewohnte serbische Enklaven, die den Albanern nicht wohlgesonnen sind. In manchen wurden in den letzten Jahren demonstrativ orthodoxe Kirchen gebaut, um den zumeist moslemischen Albanern zu signalisieren, dass man nicht gewillt ist, für serbisch gehaltenes Gebiet zu räumen.

16.500 Kfor-Soldaten sorgen für Ruhe

Seit Jahren gelingt es der von der Nato geführten internationalen Kfor-Truppe mit Mühe, die verfeindeten Bevölkerungsgruppen auseinanderzuhalten. Der Frieden in der Region beruht allein auf militärischer Präsenz von 16 500 ausländischen Soldaten aus 36 Ländern. Dass die Lage weiterhin brisant ist, zeigt die Tatsache, dass zuletzt im März 2004 Ausschreitungen aufflammten. Frustriert über ihre wirtschaftliche Lage hatten Albaner damals ihrem Unmut Luft gemacht und UN-Fahrzeuge sowie Häuser von Serben in Brand gesetzt. Dabei starben 19 Menschen. Auch in den Jahren davor war es immer wieder zu Unruhen gekommen, vor allem in Mitrovica, wo es eine Brücke gibt, die wiederholt Ort schlimmer Ausschreitungen war.

Laut dem Experten Tolksdorf wird der Vorschlag von UN-Vermittler Ahtisaari nicht zu einer direkten Unabhängigkeit des Kosovo führen. Bei Stillstand der Verhandlungen in den nächsten Monaten könnte es aber zu einer einseitigen Unabhängigkeits-Erklärung der Kosovo-Albaner kommen. Belgrad droht allen Regierungen, die diese Unabhängigkeit anerkennen, mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen.


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