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Die Stunde der Wahrheit ist da

USA und Europa müssen ihre Beziehungen neu ausrichten und eine transatlantische Risikokultur erarbeiten.

21.02.2005 · Werner Weidenfeld in: Focus 8/2005


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George W. Bush wird die Europäer umarmen, denn Amerika braucht Hilfe. Er wird Europa danken für sein weltpolitisches Engagement - und frühere Meinungsverschiedenheiten als Geschichte abtun. Er wird warmherziges Wohlwollen produzieren. Das Selbstwertgefühl der Europäer wird beflügelt. Endlich weiß jemand die stolze Seele Europas zu streicheln.

Hinter dieser auf Hochglanz polierten Kulisse liegen die Abgründe transatlantischer Wirklichkeiten. Wer ein Gespür für die gesellschaftlichen Selbstwahrnehmungen diesseits und jenseits des Atlantik besitzt, der muss alarmiert sein. Nie - seit Ende des Zweiten Weltkriegs - schlug der Puls auf beiden Seiten des Atlantik unterschiedlicher. In historischer Perspektive sind die Beziehungen immer ambivalent gewesen - von gleichzeitiger Nähe und Distanz, von Bewunderung und Abneigung geprägt. Amerika, ein Kontinent, der aus der Zukunft lebt, bewundert und verachtet von Europa, einem Kontinent, der aus der Geschichte lebt - und umgekehrt. Dieses Grundgesetz transatlantischer Ambivalenz war im Zeitalter des Ost-West-Konflikts ausgehebelt: Amerikanische und europäische Seelenlage war in perfekten Gleichklang gebracht. Die Bedrohung aus dem Osten für die gemeinsame Idee der Freiheit war der Kreativstoff atlantischer Gemeinschaftsbildung. Dem Menschen als Person (West) stand der Mensch als Gattungswesen (Ost) gegenüber.

Dieser Ausnahmezustand ist längst beendet - und auch sein Echo in der Erinnerung weitgehend verhallt. Die Gesellschaften sind zu ihrer historischen Normalität der Ambivalenz zurückgekehrt - nur das alte Pathos transatlantischer Rede hat diese neue Wirklichkeit noch nicht erfasst. Der Schlüssel zu dieser wachsenden Differenz zwischen Amerika und Europa liegt in der höchst unterschiedlichen Wahrnehmung von Bedrohung und Risiko. Seit dem 11. September 2001 fühlt sich Amerika existenziell bedroht. Erstmals in seiner Geschichte ist seine Sicherheit ernsthaft in Frage gestellt. Das Prinzip der Abschreckung ist ausgehebelt. Amerika lebt in einem Albtraum. Es sucht seinen eigenen Schutz zu garantieren - und wird niemanden in der Welt fragen, ob seine Maßnahmen gerechtfertigt sind.

Ganz anders die Europäer. Sie hegen elementare Zweifel an der Legitimation amerikanischer Militäreinsätze. Die Europäer wollen die Konflikte multilateral einhegen. Sie wollen befrieden und nicht bekämpfen. Sie sehen - neben der Selbstverteidigung - nur in einem Uno-Mandat die legitime Basis für die Anwendung von Gewalt. Wie sich diese Unterschiede auswirken, zeigt der sachliche Dissens bei Fragen wie dem Atomprogramm des Iran oder auch dem EU-Waffenembargo gegen China. Samuel P. Huntington irrt, wenn er vom "Clash of Civilizations" spricht. Ein anderer Sachverhalt gewinnt neue Dringlichkeit: In der Konsequenz droht transatlantisch der "Kampf der Risikokulturen" zwischen Europa und Amerika. Dieser Kampf hat eine ganz andere politisch-kulturelle Dimension als die vordergründige Beobachtung der Umgangsformen zwischen den Spitzenrepräsentanten. Hier geht es um die Tiefe gesellschaftlicher Identität.

Was kann die Politik nun tun? Ihr stehen Alternativen zur Verfügung: Erstens kann sie das alte Pathos weiter pflegen. Es wird von Jahr zu Jahr hohler werden - bis es sich gänzlich auflöst, weil es ohne Wirklichkeitsbezug erklingt. Zweitens kann sie die Dinge schönreden, als kurzfristige atmosphärische Dissonanz abtun - und damit Zeit gewinnen für mögliche Schönwetterperioden. Drittens könnte sie die Wahrheit benennen und zwei verschiedene Wege zur Entscheidung einschlagen: Entweder werden die unterschiedlichen Risikokulturen zu unterschiedlichen Strategien führen, die bestenfalls eine punktuelle Kooperation zulassen. Oder die Regierungen in Amerika und Europa unternehmen eine große Anstrengung zur Erarbeitung einer gemeinsamen transatlantischen Risikokultur.

So oder so - auf Dauer wird man nicht der Stunde der Wahrheit entgehen können, weder in Europa noch in Amerika. Je früher wir einen strategischen Realismus praktizieren, desto besser.


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