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Die elementare Kraft religiöser Zeichen

Über die neue Bereitschaft zum Glauben - Von Werner Weidenfeld

Einfache, aber richtige Antworten auf komplizierte Fragen gibt es nur in der Welt der Symbole

20.12.2005 · DIE WELT


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Es sind durchaus dramatische Bilder, die in dieser Zeit unsere Aufmerksamkeit binden: Rund um den Erdball nehmen Milliarden Menschen am halböffentlichen Sterben von Papst Johannes Paul II teil. Sein Bekenntnis in den Stunden des Todes, es sei ein Moment der Freude angesichts der baldigen Begegnung mit Gott, beeindruckt tief. Die existentielle Frage aller Menschen nach der Sinnhaftigkeit von Leben und Tod findet eine schlichte personale Antwort.

Wahl und Inthronisation von Papst Benedikt XVI erfassen mit ihrer elementaren Symbolik die Sehnsucht der Menschen: Die Liturgie entwickelt eine elementare Wucht. Es sind die einfachen Zeichen - Brot, Wein, Licht, Farbe, gemeinsames Mahl - die eine magnetische Kraft entfalten. Sie sind als Deutungen unseres Daseins über Jahrtausende gewachsen, verdichtet, geformt. Es sind Bilder, die keiner Erklärung bedürfen, um uns mystisch zu erfassen.

Die Predigten des Papstes sind schlichte Erzählungen, nicht komplizierte Theorien. Da ist ein Mann aus Nazareth vor zweitausend Jahren ausgezogen, hat Geschichten erzählt, symbolische Handlungen vollzogen. Das Erlebnis wird von da an von Generation zu Generation weiterberichtet. Diese vereinfachende Personalisierung vermittelt sich viel direkter als jede Schriftreligion. Das millionenfache Echo auf die Predigten ist der Beweis.

Beim Weltjugendtag in Köln zeigen die Gottesdienste eine globale Beschwingtheit des Glaubens. Nicht eine Bürokratie der Religion, nicht das enge Gitterwerk der Dogmen fasziniert, sondern Musik, Kerzenlicht, meditative Besinnung.

Auf einer ganz anderen Ebene, aber zur gleichen Sache sprechen der Erfolg und die Anziehungskraft des Filmes "Die große Stille". Der Film steht vordergründig gegen alle cineastischen Erfahrungsgesetze: Überlänge, scheinbar keine Handlung, keine Musik, keine Kommentierung, keine Dialoge. Die stumme Welt der Schweigemönche hat einen Massenzulauf. Der Besucher verliert nach einiger Zeit selbst das Gefühl für Raum und Zeit. Er läßt sich fallen in die ungestillte Sehnsucht nach Transzendenzerfahrung.

Ohne Grund würden nicht immer mehr Magazine die Frage diskutieren lassen "Wie hältst du's mit der Religion?" (so z. B. Literaturen 12, Dezember 2005). Ein riesiger Markt ist für diese Fragezeichen-Kultur entstanden. Gregorianischer Choral wird, ebenso wie die esoterischen Angebote, zur Bestseller-Ware. Unsere Epoche ist die Zeit der höchsten Zahl an neuen Kirchengründungen in der Geschichte.

Was steckt hinter alledem? Keine Renaissance der Kirchen - mitnichten. Viele der hier Angesprochenen sind weder katholisch noch christlich. Viele haben sicherlich seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen. Wie ist dieses Phänomen einer frei schwebenden Religiosität von solch historischer Dimension zu definieren und in seinen praktischen Konsequenzen zu deuten?

Wenn sich religiöse Gefühligkeit wie dichte Nebelschwaden über die kalte Gesellschaft legt, dann muß es ernste Gründe geben. Offenkundig leben wir heute in einer Art Zeitenwende des Religiösen. Einzelne Gründe, sich dem Glauben wieder intensiver zuzuwenden, hat es früher auch gegeben - die Erfahrung von Kriegen und Katastrophen, von Unglück und Unheil, von Schuld und Schutzlosigkeit. Heute aber, in der Zeitenwende des Religiösen, treten diese Gründe nicht mehr getrennt nacheinander auf, sondern gleichzeitig, gebündelt und in dramatischer Form:

Die Aufklärung hat in ihrem Kern der Vernunftorientierung den Menschen von Gott befreit. Sie bleibt aber stumm, sobald die Sinnfrage weitersucht und immer tiefer dringt. Die einzelne Person erfährt sich als einsam und verlassen, wenn sie die existentiellen Abgründe des Daseins deuten und wenden soll. Das Verstummen des Ethos der Aufklärung zu letzten Fragen öffnet die Tür zur religiösen Lebensform.

Die Moderne entfaltet sich in einer immer weitergehenden Arbeitsteilung in einer technokratisch verfaßten Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft wird unübersichtlich, unerklärbar in ihrem Zusammenhang. Das Leben, der Kreislauf der Information, der mobile Austausch - alles beschleunigt sich mit ungeheurer Dramatik. Die Verfallsgeschwindigkeit der bisher gesicherten Erfahrung wächst. Jeder wird von einem Schwindelgefühl erfaßt. Die Stunde des Religiösen schlägt.

Die Moderne definiert sich über ihre Komplexität. Die Flucht in die Ideologien ist sichtbar gescheitert. Unübersichtlichkeit ohne Orientierungspunkte ist die Konsequenz. Reduzierung von Komplexität ohne Wirklichkeitsverlust - so könnte der rettende Ausweg lauten. Dies aber ist nur in der Welt der Symbole möglich.

Einfache Zeichen als wirkmächtige Deutungsmuster lassen selbst die Komplexität der Moderne begreifbar werden. Keine Symbolik ist so von Generation zu Generation gereift wie die Symbolik der Religion. Deshalb sind es ja nicht die gelehrten Traktate der Theologen die das Massenphänomen begründen, sondern es ist das heilige Spiel der Liturgie. Die Zeichen des Mahles, das Gemeinschaft unter den Menschen und mit Gott stiftet, diese sind es, die neues Interesse finden.

Die säkulare Moderne hat das Gespür für die Welt der Symbole verloren. Immer mehr Daten sind notwendig, um eine Situation zu erfassen. Und immer schneller verlieren diese Daten ihre Gültigkeit. Politik und intellektuelles Leben werden zwangsläufig zur kurzatmigen Situationsbewältigung. Der Versuch, den politischen Entscheidungen unter diesen Umständen Nachhaltigkeit zu verleihen, muß scheitern. Die Jongleure des Situativen beherrschen die Szene. Der öffentliche Raum wird zur symbolfreien Zone - und löst damit eine bisher ungeahnte Sehnsucht nach lange gültiger Symbolik aus. Der Ort der Religion wird aufgespürt.

Die Globalisierung macht das Leben unspezifisch. Durch Telekommunikation sind die gleichen Daten an jedem Ort der Welt in sekundenschnelle verfügbar. Durch Hochgeschwindigkeits-Transportmittel schrumpft die Welt zum kleinen Marktplatz. Modeartikel, Nahrungsmittel, Musik und Bilder - alles wird global uniform. Daraus folgt für jeden die Frage: Was ist spezifisch mit meinem Leben; was ist spezifisch an unserer Gesellschaft? Das Interesse an Antiquitäten, Flohmärkten und örtlichen Sprachdialekten ist die vordergründige Ausdrucksform jener Suche nach dem Spezifischen. Aber bald wird klar, daß die Suche nach dem Spezifischen diese ersten Haltepunkte transzendieren muß. Transzendenz wird zum Schlüssel, die unausweichliche Globalisierung der modernen Welt ertragen und intellektuell überleben zu können. Der Horizont der Transzendenz eröffnet in der unspezifischen Globalität den Zugang zu einem Ort der Stetigkeit und der überzeitlichen Vertrautheit.

Dieses Raster, das eine Zeitenwende des Glaubens begründet, erklärt jenes überraschende Phänomen der frei schwebenden Religiosität unserer Tage. Wenn dieses Phänomen nicht zügig wieder verdunsten und die Menschen in die Not ratloser Hilflosigkeit abstürzen sollen, dann müssen wir darüber nachdenken, wie Stetigkeit und Kontinuität bewerkstelligt werden können.

Dies gilt auch positiv gewendet: Wenn dieses Phänomen neuer Religiosität seine moralische Kraft und ethische Qualität in die Gesellschaft einbringen soll, dann müssen wir ihm Dauerhaftigkeit jenseits des spontanen Aufbruchs verleihen. Die Antwort kann nicht in dem Hinweis auf die nächste Dorfkirche liegen. Das nostalgische Betonen der religiösen Grundversorgung durch das dichte Netzwerk der Gemeinde-Kirchen wird auf diese Fragen keine haltbaren Antworten bieten. Religion in der Epoche der Zeitenwende muß sich klüger organisieren.


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