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Die Macht des neuen Papstes kommt aus dem Geist der Liturgie

Ein Artikel von Werner Weidenfeld

Stilsichere Demut: Eine Bilanz der ersten hundert Amtstage Benedikt XVI.

27.07.2005 · DIE WELT


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Die Frage nach der 100-Tage-Bilanz eines Papstes mag zunächst merkwürdig erscheinen. Eine Institution, die in Ewigkeitskategorien denkt, scheint über solche Hektik erhaben. Und dennoch ist es aufschlußreich, die ersten neuen Ansätze zu prüfen, die Papst Benedikt XVI. - weltlich definiert: der letzte absolutistische Monarch - praktiziert und damit der großen Weltkirche neue Profillinien verleiht.

Als erstes fällt die Kontinuität zum Vorgänger Johannes Paul II. ins Auge. Es zeichnen sich die Konturen eines Doppel-Pontifikats ab. Künftige Historiker werden die Frage zu erörtern haben, wieviel Ratzinger im Pontifikat von Johannes Paul II. steckte und wieviel Karol Woytila im Pontifikat von Benedikt XVI. Noch aufschlußreicher ist die Beobachtung, daß Papst Benedikt nicht mit einer weiteren feinen Ziselierung seiner jahrzehntelang entwickelten Theologie aufwartet, sondern jene Rolle weiter entfaltet, mit der er in den Tagen des Sterbens seines Vorgängers und bei seiner eigenen Inthronisation überraschte. Um diese Rolle präziser zu fassen, muß man noch einmal einen Blick auf die Tage des Wechsels werfen. Nur Superlative schienen dem Ereignis angemessen: größtes Medienereignis, höchste Zahl von Spitzenpolitikern und Kirchenführern auf einem Platz, intensivste Gefühlsbewegungen der Millionen. Wer sich nicht einfach von dieser Dramatik auf der Oberfläche der Dinge treiben ließ, konnte kulturelle und politische Konsequenzen entdecken, deren Tiefenwirkungen gravierend sind. Die weltweite Welle der Anteilnahme und des Mitgefühls, die Rom und die Katholische Kirche geradezu überschwemmte, war Ausdruck eines seit langem spürbaren Hungers nach Orientierung. In Gesellschaften, die ihre Erklärungsmuster verloren haben, gibt es eine immer hektischere Suche nach Haltepunkten. Es sei daran erinnert, daß in den letzten 15 Jahren die höchste Zahl an Religionsgründungen in der Geschichte der Menschheit zu registrieren ist.

In Rom spürte man, daß die ungewöhnliche Ergriffenheit der Millionen nicht nur ein katholisches, ja nicht einmal bloß ein christliches Phänomen ist. Die große Zahl der Protestanten und Nichtchristen, die sich in den Pilgerzug nach Rom begaben, legten ein lebendiges Zeugnis ab: Die unglaublich dichte Atmosphäre rund um den Petersdom war auch Ausdruck einer Art von frei schwebender Religiosität, die einen Anker sucht. In den Anfangstagen seines Pontifikats versuchte der Papst, Angebote an diese frei schwebende Form des Religiösen zu formulieren. Seine erste Reise galt dem Eucharistischen Kongreß in Bari, und seine erste Auslandsreise wird ihn zum Weltjugendtag nach Köln führen - beides Versuche, die immense Dynamik der Glaubenssehnsucht unserer Zeit einzufangen und zu integrieren.

Der Papst übersetzte dies in die Formsprache der Liturgie, jener durch die Jahrhunderte erfahrungsgesättigten Welt der Symbole und Zeichen. Petersdom und Petersplatz boten das perfekte Raumerlebnis. Das heilige Spiel der Farben und Töne ließ niemanden unberührt. Wenn die Kirche das Fest der Gegenwart Gottes feiert, dann sollte dies in unüberbietbarer Schönheit geschehen. Aber auch im Alltag der kleinen Dorfgemeinschaft muß diese Schönheit erfahrbar sein. "Leben aus der Liturgie", "Alles Tun aus der heiligen Feier mit Gott begründen" - das könnten zwei Schlüsselsätze für Papst Benedikt sein. Die Predigten und Zeichen der ersten hundert Tage hatten dieses Motto; man könnte auch den Titel der letzten großen Monographie Ratzingers zitieren: "Der Geist der Liturgie".

Nach der Verkündigung des Todes von Papst Johannes Paul II beherrschte Joseph Ratzinger die Szene. Sofort beeindruckte er durch seine Stilsicherheit: kein einziger mißverständlicher Satz, keine einzige falsche Geste. Alle, die ihn in die Fesseln ihrer Vorurteile legen wollten, sind überrascht. Seine Predigten strahlen persönliche Wärme aus. Elementare Bilder der Schrift werden klug ausgelegt und jeweils in einen einfachen Schluß geführt: "Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht, die Bücher auch nicht. Das Einzige, was bleibt, ist die Seele."

Unvergessen wird der Satz aus seiner Predigt zur Inthronisation bleiben: "Wer glaubt, ist nie allein." Diese schlichte Metapher wurde zur sprachlichen Ikone.

Ein merkwürdiger Magnetismus geht von diesem Mann in weißer Soutane aus. Intellektuelle Brillanz verbindet sich mit einer geradezu schüchternen Gestik. In einer Zeit, die sonst Glanz und Glamour bewundert, erscheint nun das Gegenteil attraktiv: Demut als Faszinosum.

Uns Deutsche streichelte die Wahl eines Deutschen offenbar die Seele. Nach tiefen Brüchen in unserer Geschichte ist eine beschädigte Identität die logische Konsequenz. Daß nun die Welt akzeptiert, daß einem Deutschen dieses Amt übertragen wurde, mag zu einem gereiften balancierten Selbstbewußtsein beitragen.

Das Politikum ist unübersehbar: Die Person und die Institution fanden und finden die Aufmerksamkeit von Milliarden Menschen. Person und Institution mobilisierten Millionen in einem positiven Sinne. Das ist die Währung politischer Macht: Aufmerksamkeit und Mobilisierungsfähigkeit. Also muß die politische Elite der Welt mit diesem Papst rechnen, der über die Macht öffentlicher Aufmerksamkeit verfügt. Papst Benedikt XVI. geht noch offensiver als sein Vorgänger auf die Medien zu. Das erste Treffen mit den Tausenden von Journalisten noch vor der Inthronisation wurde grundiert vom schier endlosen Beifall und Jubel der Medienvertreter. Welch ein Politiker könnte sich jemals an eine solche Pressekonferenz erinnern?

Große Aufgaben hat der Papst in diesen ersten Tagen beschrieben und inzwischen angepackt: die Ökumene auch für die Weltkirche erfahrbar machen; dem Dialog der Religionen eine neue Tiefe geben; das Verhältnis von Ortskirche und Weltkirche neu ausbalancieren. Er hat die Einladung zu einem Besuch in Israel angenommen. Beim Weltjugendtag in Köln wird er eine Synagoge besuchen, Gespräche mit Juden, Protestanten, Orthodoxen und Muslime führen. Die Lösung dieser historischen Aufgaben kann nur mit großem Spürgefühl gelingen. Der Papst warnte die Kirche davor, "zu einen Spiel der Wellen zu werden, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen." Er will den festen Halt, von dem aus die große Verständigung möglich ist. Wir werden uns noch wundern.


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