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Inszenierte transatlantische Freundschaft

Nach Bushs Visite wieder die Normalität der Ambivalenz? Ein Artikel von Werner Weidenfeld.

18.03.2005 · Neue Zürcher Zeitung


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Viele werden sich während des Europa-Besuches von Präsident Bush die Augen gerieben haben. Zu frisch sind noch die Bilder der Distanz, ja der Gegnerschaft - und nun die Offensive der Freundlichkeit. Kein Lächeln, keine Umarmung, kein Händedruck war Bush zu viel. Er hat die Seele der Europäer gestreichelt. Und dort, wo bis gestern scharfe Kritik am memmenhaften alten Kontinent, jenem sklerotischen Ausschnitt aus dem Museum, dominierte, da war nun warmherziger Dank für grossartige weltpolitische Mitverantwortung angesagt.

Amerika braucht Europas Hilfe

War das die Rückkehr zur alten Freundschaft? Mitnichten - diese Zeiten sind vorbei. Der Grund für den dramatischen Szenenwechsel ist viel einfacher zu erklären: Amerika braucht Hilfe. Mit dem Irak-Krieg hat sich selbst die einzige Weltmacht übernommen. Die Kosten treiben Amerika in ein gigantisches Staatsdefizit. Da ist die neue Variante des alten Burden-Sharing-Gedankens angesagt. Ausserdem peinigen die schrecklichen Bilder der Terroropfer im Irak das Gemüt der amerikanischen Nation. Sechs bis acht Monate wird Präsident Bush noch Zeit haben, die Dinge im Irak positiv zu wenden - sonst wird sich die amerikanische Öffentlichkeit markant gegen ihn wenden und den Krieg als historischen Fehler verstehen. Bush steht also massiv unter Druck. Er muss seine Initiativen im Mittleren Osten als grosse Perspektive der ganzen freien Welt und nicht als weitgehenden Alleingang der Amerikaner erscheinen lassen. Dafür darf ihn keine Geste zu viel Überwindung kosten, auch wenn sie ihn persönlich noch so viel Überwindung kosten mag. Das ist das Gebot kühler Interessenpolitik.

Ein Besuch wie der des amerikanischen Präsidenten ist eine grosse Inszenierung. Da wird nichts dem Zufall überlassen, jede Geste ist kalkuliert und jede Nuance vorbereitet. Die transatlantische Inszenierung ist Bush und den Europäern zweifellos gelungen. Die neue Kooperationsbereitschaft sollte in anschauliche Bilder gefasst werden. Unter der Oberfläche der neuen Freundlichkeit liegt jedoch eine lange Agenda weltpolitischer Konflikte, die dringend einer transatlantischen Verständigung bedarf: Die mögliche Atomwaffenproduktion von Iran, das Waffenembargo gegenüber China, die Transformation des Nahen und Mittleren Osten, die Reform der Uno, der internationale Klimaschutz. Bis jetzt existiert zu keinem dieser Themen ein substanzieller Strategie-Dialog zwischen Europa und den USA. Das aber war das Ziel der so heftig missverstandenen Forderung von Bundeskanzler Schröder bei der Münchener Sicherheitskonferenz vor wenigen Wochen. Es muss künftig einen Ort der strategischen Verständigung über den Atlantik geben. Bis anhin sucht man ihn vergeblich - das beschreibt das zentrale Defizit.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Aber man darf dabei nicht den eigentlichen Grund für das Auseinanderdriften der Kontinente übersehen: In Amerika und Europa werden Bedrohung und Risiko unterschiedlich wahrgenommen. Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 fühlt sich Amerika existenziell bedroht. Erstmals in seiner Geschichte ist Amerikas Sicherheit ernsthaft in Frage gestellt - ein Albtraum. Washington sucht seinen eigenen Schutz zu garantieren - und wird niemanden in der Welt fragen, ob seine Massnahmen gerechtfertigt sind. Die Europäer dagegen hegen elementare Zweifel an der Legitimation amerikanischer Militäreinsätze. Sie wollen die Konflikte multilateral einhegen. Sie wollen befrieden, nicht bekämpfen.

In der Konsequenz droht transatlantisch der "Kampf der Risiko-Kulturen". Das reicht weit über die Gesten von Besuchen und Umarmungen hinaus. Hier geht es um die Tiefe gesellschaftlicher Identität. Wer ein Gefühl für die gesellschaftlichen Selbstwahrnehmungen diesseits und jenseits des Atlantiks besitzt, der muss alarmiert sein. Nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges schlug der Puls auf den beiden Seiten des Atlantiks unterschiedlicher. Dabei muss man zunächst sehen, dass der Gleichklang des Kalten Krieges eine Art Ausnahmezustand für die transatlantischen Beziehungen, vor allem für die deutsch- amerikanische Freundschaft, war.

In historischer Perspektive sind die Beziehungen immer ambivalent gewesen, von gleichzeitiger Nähe und Distanz, von Bewunderung und Abneigung geprägt. Amerika, ein Kontinent, der aus der Zukunft lebt, bewundert und verachtet von Europa, einem Kontinent, der aus der Geschichte lebt - und umgekehrt. Der amerikanischen Unbekümmertheit, zu neuen Grenzen aufzubrechen, stellt Europa eine hochkomplexe historische Selbstkritik entgegen. Beides hat seinen Reiz und seine Attraktivität, und doch ist es nur begrenzt kompatibel. Dieses Grundgesetz transatlantischer Ambivalenz war im Zeitalter des Ost-West-Konfliktes ausgehebelt: Amerikanische und europäische Seelenlage war in perfekten Gleichklang gebracht. Die Bedrohung aus dem Osten für die gemeinsame Idee der Freiheit war der Kreativstoff atlantischer Gemeinschaftsbildung.

Warten auf die Stunde der Wahrheit

Dieser Ausnahmezustand ist längst beendet und auch sein Echo in der Erinnerung weitgehend verhallt. Die Gesellschaften sind zu ihrer historischen Normalität der Ambivalenz zurückgekehrt. Nur das alte Pathos transatlantischer Rede hat diese neue Wirklichkeit noch nicht erfasst. Irgendwann aber wird für die Politik die Stunde der Wahrheit anbrechen, in der sie die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr im Nebel nostalgischer Gefühle verschwinden lassen kann. Dann wird sie die Dinge beim Namen nennen müssen. Sie wird Antwort auf die Frage zu geben haben, ob und wie sie der transatlantischen Entfremdung Einhalt gebieten wird.


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