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Ressourcenkriege

Droht ein Weltkrieg gegen die Natur und ums Öl?

Von Jürgen Turek

31.03.2003 · Internationale Politik


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Die Diskussion um die Substitution von Erdöl, Kohle und Erdgas durch regenerative Energien seien es Solarenergie, Wasserenergie, Biomasse oder Windenergie spiegelt zwei Aspekte wider: Zum einen geht es darum, dass die weitere und steigende Nutzung der fossilen Energien zu zunehmenden Klimaturbulenzen führen wird. Hinzu kommt, dass 30 Jahre nach der spektakulären Fehlprognose des Berichts an den Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums" nun die Endlichkeit der fossilen Energien spätestens bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts sehr viel unzweifelhafter erscheint.

Zum andern wird das Argument ins Feld geführt, dass die Abhängigkeit von vornehmlich arabischem Öl das Bindeglied der Beziehungen zwischen der industrialisierten westlichen und der ölbesitzenden arabischen Welt sei. Die simple Schlussfolgerung der politischen Eliten bereits nach den verstörenden Ölkrisen der siebziger Jahre war: Gelänge es, die westlichen Abhängigkeiten von arabischem Öl signifikant zu verringern, so sei dies der Schlüssel für eine weitgehend autonome westliche Energiepolitik, die nicht mehr so sehr auf Energieimporte aus einer der instabilsten Regionen der Welt angewiesen sei. Unausgesprochen schwingt heute bei dem einen oder anderen Strategen der erleichternde Gedanke mit, dass man mit einer radikalen Energiewende diese befremdliche Region mit all ihren internen Konflikten vernachlässigen könne, da sie, sofern einzelne Staaten dort nicht über Massenvernichtungswaffen verfügten, strategisch nicht länger von herausragendem Belang sei.

Trotz intensiver Forschungsförderung und nicht unbeträchtlichen Subventionen für alternative Energien besteht kein Zweifel daran, dass die "Energiegier" der Industriestaaten nach Öl nach wie vor für eine stattliche Abhängigkeit von den OPEC-Staaten sorgt. Die größten Erdölvorkommen werden in den Gebieten in Zentralasien, in Saudi-Arabien und in Irak verortet. So erstaunt es nicht, wenn gerade jetzt die Publizistik diesen Umstand stärker als je zuvor thematisiert sensibilisiert durch den 11. September 2001 und den Konflikt mit Irak. Insbesondere drei Autoren stehen exemplarisch für eine Energiewende, die Abhängigkeiten reduzieren und Nachhaltigkeit sicherstellen soll: Jeremy Rifkin, Franz Alt und Hermann Scheer. Sie werden von unterschiedlichen Sorgen angetrieben, doch sie bewerten das Thema auch mit den Kategorien der internationalen Politik. Öl, das schwarze Gold, das bedeutet für sie auch strategisches Gewicht. Die ökologischen Aspekte einer nachhaltigen Energiepolitik kommen mit unterschiedlicher Gewichtung hinzu.

Das amerikanische Enfant terrible in der nationalökonomischen Diskussion, Jeremy Rifkin, setzt dabei auf eine "Wasserstoffrevolution". Er will, dass eine neue Energiepolitik zu einer grundlegenden Änderung der internationalen Beziehungen führt und fordert, dass die atomaren/fossilen Energien möglichst rasch zu substituieren seien. Damit möchte er den Umsturz der bestehenden energiepolitischen Verhältnisse herbeiführen. Ausgangspunkt seiner †berlegungen ist, dass etwa um das Jahr 2010 der Punkt erreicht sein wird, an dem der globale Ölverbrauch die jährliche Fördermenge überschreitet. Damit verbunden wäre eine Ölkrise, die alles Bekannte auf dramatische Weise übertreffen würde. Die Krise resultiert für ihn aus der vollständigen Abhängigkeit der Weltwirtschaft von der fossilen Energiebasis, die, den Gesetzen des Energieflusses von einigen regional konzentrierten Förderplätzen zu den vielen Verbrauchsorten in der Welt folgend, in der Vergangenheit zu einer zentralisierten Energiewirtschaft mit der damit verbundenen Abhängigkeit geführt habe. Hierbei weist Rifkin auf den sensiblen Umstand hin, dass sich heute 26 der "Riesenfelder" der Erdölförderung am Persischen Golf befinden. Bei einem Rückgang der Welterdölproduktion würden in Zukunft sukzessive alle noch nutzbaren Reserven in den muslimischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens liegen. Der Autor sieht hier die Gefahr, dass "islamische Fundamentalisten" Druck auf ihre Regierungen auszuüben versuchen, damit diese das Erdöl als Waffe gegen die Vereinigten Staaten und andere westliche Länder einsetzen. (S. 15).

Vor diesem Hintergrund setzt Rifkin auf in Wasserstoff gespeicherte erneuerbare Energie und die Brennstoffzelle als herausragende Alternativen. In Zukunft würden sich Computer- und Telekommunikationsrevolution im Sinne der Idee einer alles befreienden Dezentralität mit der neuen Revolution der Wasserstofftechnologie verbinden. Damit würde sich eine neue Dynamik ergeben, die das Geflecht menschlicher Beziehungen im 21. und 22. Jahrhundert neu definieren würde. Ein weltweites Wasserstoffenergienetz werde den nächsten technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch auslösen; wie das Internet biete es neue Formen des Engagements. Bereits heute würden Brennstoffzellen kommerziell zur Energie-, Licht- und Wärmeerzeugung genutzt. Die Endverbraucher könnten ihren Strom in Zukunft selbst erzeugen, und, wenn zahlreiche Kleinkraftwerke überschüssige Energie ins Netz speisten, ihre Energie in einer Infrastruktur, die dem Vorbild des Internet ähnelt, auch untereinander handeln.

Rifkin zielt mit dieser Vision auf drei Effekte: Zunächst hofft er darauf, dass es gelingt, die heute bestehende, extrem zentralistische Organisation des Energieflusses durch ein dezentrales Verteilungssystem zu überwinden. Ebenso wichtig ist für ihn die Reduzierung des CO2-Ausstoßes auf ungefähr das Doppelte des vorindustriellen Niveaus, so dass sich die globale Erwärmung nicht noch bedrohlicher auf die Biosphäre auswirken wird, als ohnehin schon zu befürchten sei. Und schließlich setzt er darauf, dass die H2-Revolution die Abhängigkeit von Ölimporten beenden und das gefährliche geopolitische Spiel zwischen Moslemextremisten im Nahen und Fernen Osten und dem Westen entschärfen könne.

Auch Franz Alt thematisiert das internationale Konfliktpotenzial bei dem Ringen um Verfügbarkeit und Nutzung fossiler Brennstoffe. Doch sein Ansatz unterscheidet sich deutlich von dem Rifkins. Für ihn ist der Hunger der am weitesten verbreitete Terror, und der Weltklimawandel ist der Ernstfall der Weltinnenpolitik, der längst eingetreten ist. Sein Ansatz liegt in einer Bewusstseinsänderung, die er mit den Worten von Albert Einstein beschreibt: "Die Probleme, die es in der Welt gibt, sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die sie erzeugt haben". Die große Frage lautet für ihn: "Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne". Er zeichnet dabei das dichotome Bild eines entweder kurzfristig zunehmenden remilitarisierten Ringens um fossile Ressourcen oder einer durch die Solarenergie befriedeten und ökologisch beruhigten Welt. Wenn der hundertprozentige Umstieg auf erneuerbare Energien nicht rasch gelinge, so werde der Energiehunger der Industriestaaten zum größten Gemetzel der Menschheitsgeschichte führen.

Doch nicht die Analyse stellt Alt in den Vordergrund, sondern den Fluchtweg aus dem Treibhaus und aus den Kriegsgefahren, den er im größeren Teil des Buches an konkreten Initiativen und Beispielen anschaulich skizziert. Insgesamt sei es bis etwa 2050 möglich, "60 Prozent des heutigen Energieverbrauchs durch Energieeinsparung, Energieeffizienz und Solararchitektur einzusparen und die Restenergie fast ausschließlich über Sonne, Wasserkraft, Wind und Biomasse zu gewinnen" (S. 197). Wie sich dies entfalten könnte, illustriert er an schon heute existierenden Projekten und Initiativen, sei es aus dem Bereich des alternativen Wohnungsbaus oder anhand der Bemühungen der etablierten Energiekonzerne, sich in zunehmender Weise zu Solarkonzernen zu wandeln. "BP" stehe dann nicht mehr für British Petroleum, sondern für "Beyond Petroleum".

Der dritte im Bunde, Hermann Scheer, beginnt mit dem bisher weitest gehend gescheiterten Rio-Prozess und setzt so einen in erster Linie an den ökologischen Konsequenzen orientierten Akzent. In der nunmehr fünften und aktualisierten Auflage seines Werkes zur solaren Weltwirtschaft rekurriert dieser Pionier der Solarenergie darauf, dass die Weltwirtschaft nach der als gescheitert anzusehenden Folgekonferenz "Rio plus zehn" im August 2002 ökologisch noch haltloser und die soziale Entwicklungsbilanz nochmals schlechter geworden sei. Der Weltkrieg gegen die Natur gehe mit unverminderter Wucht weiter. Auch seien die Agenda 21 oder das Kyoto-Protokoll in Wirklichkeit so ergebnisarm, dass mit den dort vereinbarten Instrumenten eine echte Klimapolitik nicht möglich sei. Für Scheer werden die Mängel der eingefahrenen Umwelt- und Energieökonomie an der Komplexität der Energieflüsse deutlich. Durch die vergleichende Betrachtung der unterschiedlichen Energieflüsse und Ketten der Energiebereitstellung von atomaren/fossilen und erneuerbaren Energien werde der sich verdunkelnde Horizont der fossilen Weltwirtschaft in allen seinen Schattenwürfen sichtbar so wie umgekehrt der sich mit einer solaren Weltwirtschaft erhellende Horizont erkennbar werde.

Auch wenn man die unterschiedliche Architektur des Sorgehorizonts der drei Autoren im Einzelnen nicht teilen mag: Die brutale Statistik der schwindenden Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe und das prinzipiell wachsende Konfliktpotenzial im energiepolitisch-industriellen Komplex zeigt auf, dass es nicht um die Frage geht, ob die Energiewende kommt, sondern darum, wann und wie sie politische Realität sein wird.

Jeremy Rifkin, Die H2-Revolution. Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft, Frankfurt/Main: Campus Verlag 2002, 303 S., 25,50 EUR.

Franz Alt, Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne, München: Riemann Verlag; 2. Aufl. 2002, 347 S., 17,90 EUR.

Hermann Scheer, Solare Weltwirtschaft. Strategie für die ökologische Moderne, München: Verlag Antje Kunstmann, 5. aktualisierte Aufl. 2002, 340 S., 16,90 EUR.


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