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Amerika bebt vor Zorn

Artikel von Werner Weidenfeld zur Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen

09.10.2002 · Süddeutsche Zeitung


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Wer in diesen Tagen aus Deutschland nach Amerika reist, der sieht sich dort mit einer Fülle von Vorhaltungen und mit Empörung konfrontiert. Noch nie hat in den USA eine auswärtige Parlamentswahl solch ein Interesse ausgelöst; noch nie wurde ein vergleichbares Ereignis wie die Wahl zum Deutschen Bundestag mit solchem Zorn begleitet. Daraus ergibt sich nun großer Raum für Missverständnisse. Der deutsche Besucher glaubt, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Kurzum: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen befinden sich in einer ihrer schwersten Bewährungsproben. Wer in Deutschland meint, dies seien nur kurzfristige Irritationen, der kennt Amerika nicht.

Die transatlantischen Missverständnisse erhalten eine besondere Eigendynamik, weil sie in Amerika in eine Phase der Erhitzung des öffentlichen Klimas hineingeraten: Die ganze Dramatik, zu der die amerikanische Medienwelt in der Lage ist, weist in Richtung eines Krieges gegen den Irak. "Showdown Irak" – das ist die mediale Überschrift, mit der die Öffentlichkeit gewissermaßen stündlich mit der Realität des bevorstehenden Krieges konfrontiert wird. Kein Krimi könnte spannender inszeniert sein als diese Phase patriotischer Gefühlsstürme. Die Presse bringt detaillierte Aufmarschpläne und Informationen zu Sitten und Gebräuchen im Irak – so, als sei im Kontext der kriegerischen Maßnahmen jeder Bürger mit dem Verhaltenskodex im Irak zu befassen. Der Terror hat die amerikanische Nation existenziell getroffen – und der Krieg gegen den Terror ist nun die Pflicht aller Patrioten.

Auf diese Atmosphäre trafen die Botschaften, die Amerika aus den deutschen Wahlkampfschlachten erhielt. Dies sind in den Vereinigten Staaten keine Zeiten, in denen die Antennen auf Nuancen, Zwischentöne und Differenzierungen ausgerichtet sind. Es sind vielmehr Zeiten, die nur einfache, elementare Signale in den Farben Schwarz und Weiß aufnehmen. Konsterniert stellt die Bush-Regierung fest: "Schröder hat den Wahlkampf mit Antiamerikanismus gewonnen." Entsprechend scharf fällt die Reaktion aus. Aus der Umgebung des amerikanischen Präsidenten ist zu hören, Bush werde die Herabsetzungen und Demütigungen aus Deutschland nie vergessen. Sein Vertrauen zu Bundeskanzler Gerhard Schröder sei endgültig zerbrochen.

Mit Blick auf den anstehenden sicherheitspolitischen Dialog "sitzen die Deutschen draußen – in der Hundehütte", heißt es. Viele Amerikaner solidarisieren sich mit ihrem Präsidenten. Sie haben das Gefühl, Bush sei aus Deutschland in ehrenrühriger Weise angegriffen worden. Die irreführende Simplifizierung liegt dann auf der Hand: "Die Deutschen haben uns Amerikaner mit Hitler verglichen." Der damit verbundene Abschied von Amerika – so wird kurzerhand konstruiert – bedeute für Deutschland auch einen Abschied von Israel.

So kann es nicht überraschen: Amerika bebt vor Zorn. Immerhin reichen diese Vorhaltungen so weit, dass deutsche Unternehmen größeren Schaden befürchten. Nicht als offiziellen Boykott deutscher Waren, wohl aber als stillschweigende Übereinkunft, deutsche Produkte zu meiden und Investitionen in Deutschland zurückzustellen. So könnte eine negative Welle die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen erfassen.

Im Zorn übersieht man in den Vereinigten Staaten viele Fakten. Auf die Frage "Wer sind die besten Freunde der Deutschen?" antworten 72 Prozent der Bundesbürger: "Die Amerikaner." 63 Prozent der Deutschen zählen die Wiederbelebung der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu den dringlichsten Aufgaben der Regierung Schröder. Im Wahlkampf gab es zudem nicht jenes Maß an Antiamerikanismus, das in den USA selektiv wahrgenommen wird. Es gab Schröders Warnung vor riskantem Abenteurertum, die Präsident Bush sehr persönlich nahm – und es gab die Entgleisung der Justizministerin, die flächendeckend empörte Fassungslosigkeit auslöste. Enttäuschte Liebe nennt man das, wenn eine Nation, die den USA über Jahrzehnte Frieden und Freiheit zu verdanken hatte, sich nunmehr in dieser provozierenden Weise geriert und die Gefolgschaft verweigert.

Zwischen diese Mühlsteine der Verbitterung ist die deutsche Position zum Krieg gegen den Irak geraten. Alle sachlich-rationalen Bedenken gegen das Vorgehen Bushs, die auch in Amerika verbreitet sind, werden dort kaum im Detail wahrgenommen. Die Welle des Zorns verwischt die Details, die im außenpolitischen Konzept der Bundesregierung vorhanden sind. Viel mehr noch: Bush fühlt sich von diesem Vorgang im Kern seiner Strategie gestört. Das programmatische Konzept von Weißem Haus und Pentagon geht viel weiter, als es ein singulärer Schritt gegen den Irak signalisieren könnte. Der in Bagdad angestrebte Umschwung macht nur Sinn als ein Eröffnungszug, an den sich demokratische Regimewechsel in Iran, Syrien, Saudi-Arabien und den übrigen arabischen Ländern anschließen. Die Vision ist eine demokratisch verfasste islamische Welt, die im Frieden auch mit Israel lebt. Bush will mit Waffen jene tief greifende Transformation der islamischen Welt erzwingen, die der Islam mangels Aufklärung selbst bisher kulturell nie vollzogen hat.

Die zügige Umsetzung dieser Strategie, die zweifellos eine breite internationale Unterstützung braucht, sieht Bush durch Schröder im Kern getroffen. In Washington ist nicht verborgen geblieben, dass viele Staaten die deutschen Bedenken teilen. In der US-Innenpolitik werden diese Distanzierungen der Allianz-Partner zunehmend gegen die eigene Regierung ins Feld geführt. Jenseits ihrer kommunikativen Fehler hat die Bundesregierung also einen empfindlichen Nerv der Bush-Strategie getroffen.

Dies alles erklärt das ungewöhnliche Ausmaß des Schadens für die transatlantischen Beziehungen, die man in Washington ausmachen kann. Deutschland hat ein nur schwer lösbares Kommunikationsproblem, in dessen Kontext seine strategische Potenz neu gewichtet wird. Der Zorn Amerikas lässt keinen Umweg mehr zu, die Frage nach Ratio und Substanz deutscher Außenpolitik fundamental zu beantworten. Man darf gespannt sein, wie sich die Bundesregierung dieser Herausforderung stellen wird.


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