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Der "Dritte Sektor" findet mehr Aufmerksamkeit

Trend zum Globalisierungsbürger

Von Jürgen Turek

31.08.2001 · Das Parlament


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In den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten ist der "Dritte Sektor" nicht unbedingt so bekannt, wie es seine Bedeutung eigentlich angebracht erscheinen läßt. Er bezeichnet die Aktivitäten von "Grass-Root"-Organisationen, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen oder international tätigen Nichtregiereungsorganisationen (NGOs) auf dem "Markt" der sozialen Dienstleistungen, staatlich vernachlässigten Problemlösungen, wirtschaftlich uninteressanten Investitionsbereichen oder im Gesundheitswesen und der Altersversorgung. Also ein gesellschaftlich neu konstruiertes "Objekt" zwischen Markt und Staat. Ob Landmienen, Globalisierung, Malaria, Aids oder Stadtteilprobleme das Thema sind: der dritte Sektor findet immer mehr Aufmerksamkeit - denn der "allmächtige" Staat wird schwächer und der Einfluss der Wirtschaft steigt.

Die Herausgeber eines neuen Buches zu diesem Thema weisen in ihrer Einführung darauf hin, dass ihre Titelei "Der dritte Sektor international. Mehr Markt - weniger Staat?" programmatisch gemeint sei. Mit dem Band geht es um eine Analyse der Neupositionierung des Sektors sowohl gegenüber dem Markt als auch gegenüber dem Staat. Er knüpft an den 1997 erschienenen Band "Der dritte Sektor in Deutschland – Organisation zwischen Staat und Markt im gesellschaftlichen Wandel" an, weitet seinen Blick aber dieses Mal auf den internationalen Vergleich aus. Für die meisten Beiträge ist das John Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project der zentrale Bezugspunkt, in dessen Kontext nun die wesentlichen Ergebnisse der 1999 abgeschlossenen zweiten Projektphase dokumentiert und in die weitere Reflexion einbezogen werden können.

Interessant: Auch der dritte Sektor wird vom Strudel des aktuellen sozio-ökonomischen Wandels erfasst und gerät unter Anpassungsdruck. Eigentlich hat man dies so schnell gar nicht erwartet, gilt er doch als gesellschaftliche Innovation und als Antwort auf die Globalisierung. Er wurde bisher als abhängige Variable der Konkurrenzsektoren Markt und Staat sowie der Gemeinschaft / Familie verstanden. Heute scheint einiges darauf hin zu deuten, dass sich aufgrund des tiefgreifenden Wandels der herkömmlichen Strukturen und der Überwindung der überkommenen institutionellen Arrangements für den Sektor neue Handlungsoptionen eröffnen. Damit werde er zum handelnden Akteur bzw. zur unabhängigen Variable, die in Zukunft die Richtung der Veränderungsprozesse in den Sektoren Markt und Staat maßgeblich mitbestimmen kann.

Der Blick von sieben Autoren auf die nationalen Entwicklungstrends in Schweden, Italien, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich sowie der internationale Vergleich sei für Deutschland, so die Herausgeber, dabei von großem Interesse, da sich in anderen Ländern wesentlich mehr bewegt habe. In diesem Zusammenhang könne der deutsche dritte Sektor im Sinne eines Benchmarking lernen.

Auch in der Bundesrepublik werde der Sektor zunehmend mit Bürgerengagement, Zivilgesellschaft und gemeinschaftsstiftender Identitätsbildung in Verbindung gebracht. Die Analysen des Bandes sammeln viele Indizien, dass Dritte-Sektor-Organisationen einen wichtigen Beitrag zur Sozial- und Systemintegration leisten. Ob er die in ihn gesetzten Erwartungen in Deutschland und anderswo allerdings erfüllen kann, werde wesentlich von seiner Vitalität und Fähigkeit abhängen, seinen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Zu konstatieren sei immerhin, dass er in Bewegung gekommen sei.

Diesem realistischen Urteil kann man sich nur anschliessen. Hinzu kommt: Alles in allem stellt sich die Frage, inwieweit die Leitkultur einer Bürgergesellschaft nur eine Illusion ist, da sich gemeinschaftliches Engagement eher auf die Eliten als auf eine breite gesellschaftliche Unterstützung beschränkt. Die heute im dritten Sektor aktiven Bildungsbürger mutieren heutzutage zu "Globalisierungsbürgern", aber die ziemlich beschäftigte oder nicht interessierte Masse zieht das wahrscheinlich nicht mit. Dennoch, und dem ist zuzustimmen, kommt dem dritten Sektor in der postindustriellen "Wettbewerbs- und Risikogesellschaft", in der die klassischen Identifikationsstifter – Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Familien – zunehmend an Bindungskraft verlieren, insofern ein wichtiger Stellenwert zu, weil auch er zu sozialem Zusammenhalt und gemeinschaftlicher Identifikation beitragen kann.

Eckhard Priller/ Annette Zimmer (Hrsg.) Der dritte Sektor international. Mehr Markt – weniger Staat? Ed. Sigma, Berlin 2001, 320 S.


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