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Vordenker und graue Eminenz

Politikberater nehmen Einfluß auf die Einflußreichen

Von Tanja Stelzer

13.05.1999 · Die Zeit


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Fragen Sie einen Wissenschaftler, wie der Ausstieg aus der Kernenergie zu schaffen ist. Er wird Ihnen vorrechnen, wie hoch der Energiebedarf ist, wie groß die Kapazität der Kraftwerke, wie viele Sonnentage es gibt und wie oft es stürmt. Fragen Sie einen Politiker, und er wird Ihnen erklären, daß die Wirtschaft vor kurzem erst Lohnerhöhungen schlucken mußte, daß der Koalitionspartner aufmüpfig ist, ganz zu schweigen von den oppositionellen Flügeln in der eigenen Partei. Ein Politikberater dagegen versucht, beiden Perspektiven gerecht zu werden: Er ist ein Wissenschaftler, der Sonnentage und Windstärken im Auge behält, aber Löhne und Launen des Koalitionspartners nie vergißt.

Werner Weidenfeld ist so ein Politikberater. In seinem Beruf, sagt er, brauche man vor allem Gespür dafür, daß Politiker meist einen Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen finden müßten. Und weil deutsche Wissenschaftler selten Verständnis für Kompromisse in der realen Politik hätten, sei die Geschichte der Politikberatung in Deutschland eine Geschichte des Scheiterns. "In den USA ist das anders", sagt der Professor, "da wird kein Gesetz verabschiedet, ohne daß die Experten der Think Tanks gehört worden sind."

Dagegen haftete einem Wissenschaftler, der sich mit Politikern abgibt, in Deutschland lange etwas Anrüchiges an. Und immer noch werfen einige Forscher ihren Kollegen aus dem Beratergeschäft Oberflächlichkeit vor. Werner Weidenfeld stört solche Kritik nicht, dazu hat er viel zu viele dicke Bücher geschrieben. Aber er ziert sich auch nicht, auf Fotos neben Roman Herzog, Helmut Kohl oder Steffi Graf zu posieren. Mit Glamour hat das für ihn nichts zu tun. Eher schon mit dem Drang, die Welt ein bißchen vernünftiger zu machen, und das nicht nur in der Theorie.

Weidenfeld ist Politikprofessor in München. 1995 hat er das Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) gegründet, ein Dienstleistungsunternehmen mit rund 90 Mitarbeitern unter dem Dach der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie verfassen Papiere für die EU-Kommission oder die Bundesregierung, organisieren Kongresse und schlagen europäischen Regierungschefs Konzepte für die EU-Reform vor. Wenn nach einem Treffen mit Präsidenten, Premiers oder Staatssekretären deren Mitarbeiter anrufen und fragen: "Was haben Sie mit unserem Chef gemacht?", dann weiß Weidenfeld, daß seine Leute etwas bewirkt haben. Sie haben dem Politiker gute Argumente geliefert - die manchmal denen seiner Mitarbeiter widersprechen.

Doch gute Berater wissen um ihre Grenzen. "Sie müssen überzeugen, aber sie dürfen nicht missionieren", sagt Weidenfeld. Wer einem Politiker vorschreiben will, was zu tun ist, hat in diesem Metier nichts zu suchen. Denn ein Berater zieht keine Strippen. Das ist Sache der persönlichen Vertrauten, der Unternehmer und Banker, die in Bonner Kaminrunden diskutieren.

Neue Leute an der Macht beleben das Geschäft

"Man braucht politisches Interesse, aber es muß wissenschaftlich diszipliniert sein", sagt Weidenfeld. Sachliche und rationale Distanz müsse der Berater zeigen; sich der herrschenden politischen Meinung anzupassen sei "ungesund". Nicht zuletzt, weil ein Berater Vorsorge treffen sollte für den Fall, daß einmal die Regierung wechselt. So einen Wechsel hält Weidenfeld im Grunde sogar für einen Glücksfall, auch wenn er selbst lange Zeit Helmut Kohl als Berater gedient hat. Der Professor weiß: Wo neue Leute an die Macht kommen, belebt sich das Geschäft, werden Experten gebraucht, die den Frischlingen die neuen Arbeitsfelder erklären. "Bei jedem Regierungswechsel wächst der Bedarf an politischer Beratung", sagt Weidenfeld.

Überhaupt sind Krisenzeiten gut fürs Geschäft. "Wir haben Konjunktur, wenn im Kosovo geschossen wird", sagt Christoph Bertram, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik Ebenhausen (SWP). Schon 1965 wurde die Stiftung nach dem Vorbild der amerikanischen Think Tanks gegründet; sie berät Bundesregierung und Bundestag in außen- und sicherheitspolitischen Fragen. "Die Planungsstellen der Ministerien stehen unter einem immensen Aktualitätsdruck", sagt Bertram. "Sie müssen so schnell reagieren, daß sie keine Zeit haben, langfristige Überlegungen anzustellen." Dafür brauchen sie Ideenlieferanten, die sich um mehr kümmern als um das Tagesgeschäft. "Auf mittlere Sicht kann die Politikberatung in Deutschland amerikanische Dimensionen annehmen", glaubt Werner Weidenfeld. Das hängt auch damit zusammen, daß alte, klare Fronten verschwunden sind, die Gegensätze zwischen rechts und links verschwimmen. So finden zunehmend Stimmen von außerhalb der Parteien Gehör. Und die Politik wird komplexer, die Informationen werden schneller umgesetzt. Der wissenschaftliche Fachdienst des Bundestages aber hat gerade einmal fünf wissenschaftliche Mitarbeiter, die alle Themen von der Entwicklungspolitik bis zum Völkerrecht bearbeiten.

Die Zukunftsaussichten für Politikberater in Deutschland sind also nicht schlecht. Wer ambitioniert Politologie studiert, den politischen Betrieb durch Praktika von innen kennengelernt und dem Wissenschaftsdeutsch abgeschworen hat, hat durchaus Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Potentielle Arbeitgeber sind neben CAP und SWP die parteinahen Stiftungen, Gewerkschaften und Wirtschaftsforschungsinstitute. Wirklich politisch unabhängig ist keine dieser Institutionen, auch das CAP nicht. Der größte von 35 Geldgebern des CAP etwa ist die Bertelsmann Stiftung. Diese betreibe "gewissermaßen Lobbyarbeit", sagt Winand Gellner, Politikprofessor an der Passauer Universität und Autor einer Studie über amerikanische und deutsche Ideenagenturen. "Bei Bertelsmann bekommt der Autor nie das Copyright", sagt er. Da könne es schon passieren, daß "die Ergebnisse im Schreibtisch liegenbleiben" - wenn sie dem Medienkonzern nicht genehm sind.

Einsteigern rät Gellner, sich schon während des Studiums auf ein "edles" Thema zu spezialisieren, für das es noch wenige Experten gibt, und sich damit unentbehrlich zu machen. "Das Produkt muß sexy sein", sagt Gellner und zeigt mit seiner Formulierung, daß er gelernt hat, was - neben den Inhalten - im Beratergeschäft zählt: die Kunst, Wirkung zu erzielen.


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