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Ideen vom Campus

Deutsche Politologen küren Werner Weidenfeld zum einflußreichsten Politikberater ihrer Zunft

Von Hartmut Kistenfeger

 

31.08.1998 · Focus


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Politikberater müssen schnell, selbstbewußt und ein wenig frech sein. Werner Weidenfeld schwebte am 10. November 1989 mit Kanzler Helmut Kohl von Warschau aus in Berlin ein. Der CDU-Vorsitzende hatte seinen Polen-Besuch abgebrochen, um nach der Maueröffnung vor dem Schöneberger Rathaus zu sprechen. Dem Auftritt vor Zehntausenden folgte das Chaos: Für Weidenfeld war nichts mehr organisiert, er hing fest in den Menschenmassen.

Da erspäht Weidenfeld Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich vom Podium entfernt. Er heftet sich an dessen Fersen. Ein Berliner Polizist hält ihn auf: "Sind Sie Sicherheit?" "Ja", schwindelt der Professor und ergattert einen Platz in Genschers Wagen.

Den 51jährigen Münchner halten deutsche Politikwissenschaftler für ihren einflußreichsten Vertreter in der Politikberatung (siehe Grafik), wie eine Untersuchung der Sozialwissenschaftler Hans-Dieter Klingemann und Jürgen Falter ergab. Sie haben 316 Mitglieder der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft zu ihrer Arbeit und ihren Einschätzungen befragt.

1975 kam Weidenfeld als junger Hochschullehrer nach Mainz, und Kohl, damals Ministerpräsident, lud ihn in Gesprächszirkel ein. Heute greifen auch Bundespräsident Roman Herzog oder EU-Kommissionspräsident Jacques Santer auf die Analysen und sein politisches Gespür zurück.

Als spektakulärsten Erfolg seiner Beratung in jüngster Zeit nennt Weidenfeld den Amsterdamer Vertrag: Er öffnet EU-Staaten die Chance, in eine verstärkte Zusammenarbeit einzusteigen, ohne das langsamste Mitglied des Geleitzugs abwarten zu müssen. Diese "differenzierte Integration" hatte ein Strategiepapier Weidenfelds vor der EU-Osterweiterung propagiert.

Der Münchner Lehrstuhlinhaber verfügt über ein einzigartiges Netzwerk aus Ämtern, Arbeitsgruppen und internationalen Kontakten. In München arbeitet ihm das Centrum für angewandte Politikforschung mit über 70 Beschäftigten zu. Ein geschätzter Berater liefert aber weit mehr als Memoranden: Als Reisebegleiter rettet er den Politiker vor peinlichen Gesprächspausen bei offiziellen Terminen und liefert Hintergrund.

Optimistischer Ausblick: Die Bereitschaft zum Brückenschlag zwischen streng wissenschaftlicher Analyse und politischem Know-how sieht Weidenfeld seit Jahren im Wachsen. "Wir beziehen viele Wissenschaftler in unsere Forschung ein. Da hat noch niemand gesagt, das ist eine Form der Wissenschaft, die ich nicht betreiben will."

Die Meinung, Politikwissenschaft sei abgehoben, sieht auch Karl Kaiser als pauschales Vorurteil. Der 63jährige Professor aus Bonn unterstützte mit seinen Analysen nicht nur die Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, sondern jüngst auch den Kandidaten Gerhard Schröder: "Mal sehen, was draus wird."

Geteilte Lager an der Universität: Rein theoretisch orientierte Kollegen könnten es sich bis heute nicht vorstellen, berichtet Kaiser, "daß, wer Politik analysiert, auch mit Politikern redet und über die Schwelle von Beamtenzimmerm tritt."


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