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Neue Streitkräfteplanung der USA

Mehr Spezialkräfte und der Kampf gegen den Terrorismus dominieren ein US-Grundlagendokument.

07.03.2006 · Position von Thomas Bauer


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Am 6. Februar 2006 wurde in Washington D.C. der neue Quadrennial Defence Review (QDR) des amerikanischen Verteidigungsministeriums vorgestellt. Es ist nach 1997 und 2001 der mittlerweile dritte Bericht über die Abstimmung der vom Kongress für das Pentagon bereitgestellten Mittel mit der nationalen Verteidigungsstrategie. Bereits mit dem QDR von 1997 war eine umfassende Transformation der US-Streitkräfte vom damaligen Verteidigungsminister William Cohen angekündigt worden. Mit dem QDR 2001, dessen Veröffentlichung – jedoch nicht dessen Ausarbeitung – unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September in New York und Washington stand, wurden zusätzlich Homeland Defence Missionen mit in die Überlegungen aufgenommen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte damals auf die detaillierte Analyse von Beschaffungsprogrammen im QDR verzichtet und Entscheidungen diesbezüglich auf nachfolgende Studien verschoben. 

Im Gegensatz zur revolutionären Neuausrichtung der letzten Jahre ist der neue QDR 2006 ein Programm zur Anpassung der Transformation unter Berücksichtigung der Erfahrungen in Afghanistan und im Irak. Das Hauptaugenmerk müsse in den nächsten Jahren darauf gelegt werden die Terrornetzwerke zu zerschlagen, den Schutz des eigenen Territoriums zu gewährleisten, andere Staaten dazu zu bringen im Interesse der USA zu handeln, und staatliche wie nicht-staatliche Akteure an der Beschaffung von atomaren oder biologischen Waffen zu hindern.

Die Belastung der US-Streitkräfte durch die zahlreichen internationalen Einsätze und die Kraftraubenden Stabilisierungsbemühungen vor allem im Irak haben auch zu einem Umdenken beim Streitkräfteansatz geführt. Der auf vier Regionen in Europa, im Nahen und Mittleren Osten und in Asien ausgerichtete Ansatz von 2001, bei dem noch die gleichzeitige Durchführung von zwei großen Feldzügen und einigen kleineren Operationen im Mittelpunkt stand, wird nun von einem globalen Ansatz ersetzt. Dafür werden die Aktivitäten des Verteidigungsministeriums in die drei Aufgabenbereiche Homeland Defense, Krieg gegen den Terror / Asymetrische Kriegsführung, sowie konventionelle Kriegsführung untergliedert. In allen drei Bereichen unterscheidet man nochmals zwischen gleich bleibenden Tätigkeiten, die kontinuierlich durchgeführt werden sollen, und Aktivitäten die lagebedingt im steigenden Ausmaß durchgeführt werden können.

Um die Fähigkeiten der US-Streitkräfte weiter auszubauen setzt der QDR 2006 u.a. auf die weitere Aufstockung der Special Operation Forces. Verglichen mit 2001 durchliefen bereits 2005 mehr als doppelt so viele Soldaten den Lehrgang der US Army Special Forces School. In den nächsten Jahren soll der Durchlauf das Dreifache betragen. Außerdem werden den Spezialkräften eigene UAV-Einheiten (Unmanned Aearial Vehicle) zugeordnet. Die UAV haben sich in den letzten Jahren vor allem im Bereich der Aufklärung und Zielerkennung bewährt. Auch erste gezielte Luftschläge mit Luft-Boden-Raketen vom Typ Hellfire wurden bereits durchgeführt. Für die notwendige Verdoppelung der UAV-Kapazitäten setzen die USA in naher Zukunft v.a. auf die umfassende Beschaffung der Systeme Predator und Global Hawk. Predator wird sowohl in den Konfigurationen Surveillance and Reconnaissance (RQ-1), als auch Armed Reconnaissance and Interdiction (MQ-1 und MQ-9) beschafft. Die leistungsgesteigerte Version Predator B (MQ-9) kann im Vergleich zu den zwei Hellfire-Raketen der MQ-1 mit bis zu 14 Raketen diesen Typs bestückt werden. Das System soll ab 2009 in den Einsatz gehen und auch für das Mitführen kleinerer JDAM-Bomben  (Joint Direct Attack Munition – freifallende Bomben die durch Aufrüsten mit einem tail-kit über GPS ins Ziel gelenkt werden) ausgelegt sein. Weder aus dem QDR 2006 noch aus dem vorgelegten Verteidigungsetat geht jedoch hervor für welches UCAV-Muster (Unmanned Combat Aerial Vehicle) sich die USA entscheiden werden.

Auch im Bereich der Abwehr von Massenvernichtungswaffen werden große Anstrengungen unternommen um Fähigkeiten und Kapazitäten weiter ausbauen zu können. Bei der US Air soll außerdem bereits ab 2018 ein neuer landgestützter Bomber mit großer Reichweite eingeführt werden. Bisher ging man von einer Realisierung nach 2030 aus. Das nun angekündigte Vorhaben dürfte daher v.a. als Übergangslösung angepeilt werden. Denn parallel soll in etwa die Hälfte der betagten B-52 Stratofortress Bomber außer Dienst gestellt werden. Auch das einstige technologische Aushängeschild der USA, der F-117 Stealth-Kampfbomber, wird nach den Plänen des QDR 2006 schrittweise heruntergefahren. Mit den freiwerdenden Finanzmitteln sollen die übrigen Bomber vom Typ B-1 und B-2 modernisiert und bis zur Einführung eines Nachfolgemusters nach 2018 einsatzbereit gehalten werden.

Um Fähigkeiten und dazugehörende Systeme kosteneffektiv und zeitnah verwirklichen zu können werden die Arbeitsabläufe im Pentagon und beim Beschaffungsprozess verbessert. Die finanziellen Mittel für diese Programme wurden drei Tage nach Veröffentlichung des QDR 2006 beim Kongress beantragt. Der Verteidigungshaushalt 2007 soll im Vergleich zu diesem Jahr um $28,5 Milliarden auf $439,3 Milliarden angehoben werden. Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren wird es zu keinen Kürzungen oder gar Streichungen bei großen Entwicklungs- oder Beschaffungsprogrammen kommen. Der vom Pentagon beantragte Etat ist damit selbst ohne den zusätzlich beantragten Geldern für die Einsätze im Irak und in Afghanistan – für 2006 geschätzte $120 Milliarden – nahezu dreimal so groß wie die Verteidigungsausgaben der 25 EU-Staaten zusammengenommen.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die USA ihren Modernisierungskurs bei den Streitkräften weiter vorantreiben. Die Ausrüstung wird auf Jahre auf dem technisch neuesten Stand bleiben. Die Umstrukturierung der Streitkräfte wird weiter fortgesetzt und an die Bedingungen des Anti-Terrorkampfes angepasst. Im Vergleich zu Europa bewegt sich auch der finanzielle wie personelle Einsatz bei Forschung und Entwicklung auf einem astronomisch hohen Niveau. Doch allmählich zeigt sich auch die Kehrseite dieser unbestreitbaren militärischen Vorherrschaft der USA, die noch auf Jahrzehnte anhalten wird. Bei aller technologischen Überlegenheit ist es den USA nicht gelungen dem Irak die notwendige Stabilität zu gewährleisten, und ein Bürgerkrieg zwischen den einzelnen Religionsgruppen wird immer wahrscheinlicher. Wie reagieren demokratische Staaten im Rahmen einer internationalen Sicherheitsarchitektur auf State Failure? Der QDR 2006 kann und soll sicherlich auch keine Antwort darauf finden, auch nicht auf die Frage, wie der Kampf gegen den Terror letzten Endes gewonnen werden kann. Er beschreibt lediglich den Weg um in der gegenwärtigen Auseinandersetzung bestehen zu können, und in einer möglichen zukünftigen Konfrontation mit China die Oberhand zu behalten. Damit folgt er der Tradition aller relevanten sicherheits- und verteidigungspolitischen Grundsatzpapiere der Bush-Regierung.


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