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Warum wählen gehen?

Jugend in Distanz zur Parteipolitik

Blickpunkt aus dem Webprojekt zur
Landtagswahl Bayern 2003.

24.07.2003 · Von Manuela Glaab


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Bei der bevorstehenden Landtagswahl am 21. September 2003 in Bayern werden voraussichtlich mehr als 815.000 junge Bürgerinnen und Bürger im Alter von 18 bis unter 25 Jahren wahlberechtigt sein. (*) Obgleich die Teilnahme an einer Wahl nur einen geringen Aufwand bedeutet, lassen die in Deutschland ermittelten Trends des Partizipationsverhaltens eine überdurchschnittliche Wahlbeteiligung der Erst- und Jungwähler kaum erwarten.

Die repräsentative Wahlstatistik - im Jahr 2002 erstmals seit 1990 wieder erhoben - ergibt zwar, dass sich der Trend zur Wahlenthaltung in der Gruppe der unter 30-Jährigen bei der vergangenen Bundestagswahl nicht fortgesetzt hat. Statt lediglich 67,7 Prozent wie noch 1990 beteiligten sich im September 2002 wieder 70,3 Prozent der jungen Erwachsenen an der Bundestagswahl. Allerdings war die Wahlbeteiligung in der Gruppe der 21- bis 24-Jährigen mit nur 68,1 Prozent erneut am niedrigsten. Bemerkenswert ist, dass sich dies in allen Bundesländern übereinstimmend feststellen ließ. Ihre Wahlbeteiligung lag damit 11 Prozentpunkte unter dem Durchschnittswert aller Altersgruppen - und war bei den männlichen Jungwählern im Alter von 21 bis 24 Jahren (-11,3) noch deutlicher unterdurchschnittlich als bei den weiblichen (-10,6). Immerhin beteiligten sich 70,2 Prozent der potentiellen Erstwähler an der Bundestagswahl 2002. Dieses über die Wahljahre hinweg immer wieder betätigte Muster lässt darauf schließen, dass die Motivation, erstmals vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, bei vielen bald der Enttäuschung weicht, dass die hiermit verbundenen Einflussmöglichkeiten des Einzelnen doch nur gering oder zumindest schwer konkret nachzuvollziehen sind.

Das Wahlverhalten in Bayern weist zwar einige Besonderheiten auf - am markantesten sind die hohen Stimmenanteile der CSU, die sich seit Jahrzehnten auf Landes- wie auch auf Bundesebene (mit Ausnahme des Jahres 1998) über der 50-Prozentmarke bewegen und den Oppositionsparteien nur ein vergleichsweise schmales Terrain überlassen. Dennoch machen Bundestrends vor den Toren des Freistaats nicht halt. So erreichte die Wahlbeteiligung auch in Bayern 1990 bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl und ebenso bei der im gleichen Jahr durchgeführten Landtagswahl ihren bisherigen Tiefststand. An der Bundestagswahl des vergangenen Jahres beteiligten sich zwei Drittel (66,2 Prozent) der 18- bis 24-jährigen und 72,0 Prozent der 25- bis 34-jährigen Wahlberechtigten. Noch höher liegen die Nichtwähleranteile bei Landtagswahlen. Bei der letzten Landtagswahl in Bayern von 1998 fiel die Wahlbeteiligung der jungen Alterskohorten wie schon bei den vorangegangenen Urnengängen weit unterdurchschnittlich aus. Bei einer Wahlbeteiligung von 65,1 Prozent im Bayerndurchschnitt ging nur knapp jeder zweite (49,5 Prozent) 18- bis 24-Jährige zur Wahl sowie 55,2 Prozent der 25- bis 34-Jährigen.

Folgt man dem sozialpsychologischen Erklärungsmodell des Wahlverhaltens, dann wirken langfristige und kurzfristige Faktoren bei der Wahlentscheidung zusammen. Im Zuge der politischen Sozialisation durch das Elternhaus, den Freundeskreis und Gruppenmitgliedschaften wird demnach eine individuelle Parteiidentifikation erworben, die wie eine Art Filter die Wahrnehmung und Bewertung des politischen Geschehens beeinflusst. Darüber hinaus wird die Wahlentscheidung auch von situativen Faktoren, nämlich von der Kandidatenorientierung und den Einstellungen zu politischen Streitfragen (Issues), beeinflusst. Inwieweit hierbei jugendspezifische Wirkungsmechanismen zum Tragen kommen, ist bislang kaum intensiv erforscht worden. Es lässt sich jedoch begründet annehmen, dass die Herausbildung langfristiger Parteiidentifikationen in der jungen Generation zunehmend zurück tritt hinter ein situatives Politikverständnis. Damit dürften sowohl die Wahlteilnahme als auch die Wahlentscheidung stärker von der kurzfristigen Mobilisierung der Erst- und Jungwähler abhängen.

Der etablierten Politik fällt es aber immer schwerer, diese Zielgruppe zu erreichen. Nach der Datenlage können heute nur etwa 30 Prozent der Jugendlichen überhaupt als an Politik interessiert gelten. Qualitative Befunde deuten zudem darauf hin, dass Jugendliche Wahlkampfstrategien besonders an der subjektiv wahrgenommenen Glaubwürdigkeit der Kandidaten messen und darüber hinaus die für ihre eigene Lebenswelt wichtigen Themen vermissen. Der Shell-Jugendstudie 2002 zufolge wächst der Anteil derjenigen, die sich im klassischen "Rechts-Links-Schema" der Parteipolitik nicht verorten können oder gar auf eine bestimmte Partei festlegen wollen. Die Distanz zur (Partei)Politik, das Negativimage der Parteien und das geringe Vertrauen in deren Problemlösungskompetenz beeinträchtigen aber nicht nur die Wahlmotivation, sondern insgesamt die Bereitschaft zum konventionellen politischen Engagement.

Die Krise des konventionellen Engagements ist virulent. Neben dem anhaltenden Mitgliederverlust bei fast allen etablierten Parteien gilt nicht zuletzt die überalterte Mitgliederstruktur als alarmierend. So liegt der Anteil der 16- bis 29 bzw. 30-Jährigen (Angaben der Parteien für das Jahr 2001) in der SPD bei nur 4,4 Prozent. Wenig besser sieht es bei CDU und CSU mit 5,3 bzw. 5,9 Prozent aus. Auch Bündnis 90/Die Grünen beklagt mittlerweile Alterungstendenzen, ohne allerdings die Altersstruktur statistisch auszuweisen. Lediglich die FDP kann einen Mitgliederanteil von 10,1 Prozent aus der jungen Kohorte vorweisen. Interne Studien der großen Volksparteien haben die Unzufriedenheit ihrer Mitglieder mit den innerparteilichen Partizipationschancen längst nachgewiesen. Die Versammlungskultur in überalterten Parteien entfaltet eine abschreckende Wirkung. Selbst hoch motivierte Politikanfänger sind schnell ernüchtert von der grauen Realität langwieriger Gremienarbeit und mühsam ausgehandelten Minimalkonsens. Der ausbleibende Nachwuchs bewirkt einen nachhaltigen Vitalitätsverlust der Parteiorganisationen, Defizite bei der Rekrutierung politischen Personals und - was gerne übersehen wird - Repräsentationslücken bei jugendspezifischen Themen.

Anders als die Beteiligungsangebote der Parteien stoßen sogenannte unkonventionelle Partizipationsformen (wie z.B. Demonstrationen, Unterschriftenaktionen, NGOs) in der jungen Generation auf überdurchschnittliches Interesse. So äußerten laut der internationalen "Civic Education Study" aus dem Jahr 2001 38 Prozent der in Deutschland befragten 14-Jährigen die Bereitschaft, an gewaltfreien Demonstrationen teilzunehmen. Dass das Mobilisierungspotential beachtlich ist, haben die jüngsten Schülerdemonstrationen gegen den Irak-Krieg im Frühjahr 2003 deutlich vor Augen geführt. Eine qualitative Studie unter Hamburger und Schleswig-Holsteiner Schülern hat die Leidenschaft, mit der Jugendliche aus diesem Anlass über Politik streiten, anschaulich dokumentiert (vgl. "Die Zeit" vom 24. April 2003). Obwohl alsbald das Etikett der "Generation Golfkrieg" die Runde machte, ist eine Verstetigung derartiger Einzelaktionen zu einem anhaltenden friedenspolitischen Engagement aber wenig wahrscheinlich. Denn der Trend zur unkonventionellen politischen Partizipation zeichnet sich gerade dadurch aus, dass das Engagement zeitlich befristet bleibt. Ein punktuelles, situatives, kontextabhängiges, erlebnis- und betroffenheitsorientiertes Politikverständnis findet hier seinen Ausdruck. Jugendliche sind demnach durchaus bereit, sich zumindest vorübergehend - und auch politisch - zu engagieren, wenn sie sich von einem Thema unmittelbar betroffen fühlen und eigene Chancen damit verbinden. Wenn die Parteien das Wähler- und Mitgliederpotential in der jungen Generation erreichen wollen, müssen sie die Gelegenheitsstrukturen politischer Partizipation wie auch die Politikangebote stärker an deren Bedürfnissen ausrichten.


Links

Landtagswahlen Bayern

Bundestagswahlen in Bayern

Datenreport 2002

"Jugendpolitisches Landtagshandbuch" des Bayerischen Jugendrings


Fußnote

(*) Nach Auskunft des Landeswahlleiters waren bei der Bundestagswahl 2002 in Bayern 816.400 Bürgerinnen und Bürger im Alter von 18 bis unter 25 Jahren wahlberechtigt sowie 1.423.100 25- bis 35-Jährige.


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