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"Strategic gap" versus "Capability Gap"

Amerikanisches Militär überzeugt mehr durch Strategie als durch Waffen

21.03.2003 · Thomas Bauer


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Das militärische Vorgehen der USA 48 Stunden nach Beginn der Offensive gegen den Irak hat die meisten Militärexperten überrascht. In Form und Umfang haben die bisherigen Einsätze im Rahmen der Operation zur Befreiung des Irak nichts mit dem erwarteten "Big Bang" Szenario gemein, dass seit Wochen in den Medien verbreitet wurde. Anstelle eines massiven Luftangriffs mit mehreren hundert Marschflugkörpern und tausenden von so genannten intelligenten Bomben setzen die US-Militärs unter der Führung von General Tommy Franks auf gezielte Schläge gegen sensible Einrichtungen der irakischen politischen und militärischen Führung. Begleitet wird diese Taktik von intensiven Bemühungen im Bereich der Informationskriegsführung und der gezielten Einflussnahme auf Schlüsselfiguren in der hierarchischen Struktur des irakischen Militärs. Das Ziel: Ein Ende des Konflikts noch vor einem vollständigen und blutigen Schlag gegen das irakische Militär.

Aus dem Pentagon wird dabei immer wieder betont, dass sich der gegenwärtige Angriff vornehmlich gegen den irakischen Diktator selbst richte. Das Militär und allen voran die Zivilbevölkerung könnten bei einem Erfolg dieser Taktik vor dem großen Opfergang bewahrt werden. In gewisser Weise ist das Vorgehen aber auch mit Befürchtungen der USA vor hohen eigenen Verlusten zu erklären. Experten hatten in den letzten Wochen immer wieder auf die Gefahr eines Orts- und Häuserkampfes aufmerksam, sollte es den US-Truppen und ihren Verbündeten nicht gelingen schnell und erfolgreich gegen Saddam Husseins Regime vorzugehen.

Europas Politiker betrachtet den Krieg am Golf mit gemischten Gefühlen. Die Militärs in Brüssel und den Hauptstädten der EU-Mitgliedstaaten sind dagegen vor allem an den strategischen und taktischen Bemühungen der USA interessiert, um daraus Rückschlüsse für das weitere Vorgehen beim Aufbau von Eingreiftruppen im Rahmen der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik ziehen zu können. Militärtechnologisch sind die Europäer den USA seit Jahren weit unterlegen. Durch die Bündelung einzelner Kapazitäten können zwar bestimmte Fähigkeitslücken geschlossen werden, doch hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass die "capability gap" Europas zu den USA vor allem auf fehlende Waffensysteme und unzureichende Aufklärungs- und Führungskomponenten zurückzuführen ist. Der Irak-Krieg dient somit auch als eine Art Testlauf für die neuen Errungenschaften auf dem Sektor der Rüstungstechnologie.

Das aktuelle Vorgehen der USA könnte diesen rein technischen Ansatz revidieren. Sollten die USA mit ihrer Strategie der kleinen gezielten Schläge Erfolg haben und dadurch den großen Waffengang verhindern, dann dürfte dies zu einigem Umdenken in den Ministerien und Planungsstäben Europas führen. Die berechtigte Frage wird lauten: Leidet Europa nicht vielmehr unter einer "strategic gap" anstelle einer "capability gap"? Denn die USA verwenden zur Zeit kein Waffensystem, das Europa nicht mehr oder weniger auch in seinem Arsenal besitzt. Der Einsatz von Stealth-Kampfflugzeugen hat mit dem Erfolg derzeit nichts zu tun. Nur die Art und Weise wie diese Systeme im Verbund eingesetzt werden stellt den entscheidenden Unterschied dar. Gezielte Desinformation von Medien auf beiden Seiten, mehrwöchige Irreführung der Öffentlichkeit über den möglichen Kriegsverlauf. Dazu der koordinierte Einsatz von Kräften aller Truppengattungen auf dem Gefechtsfeld.

Was kann nun Europa aus militärischer Sicht aus diesem Krieg lernen. Nun, bis jetzt noch nichts, da erst eine genaue Analyse nach dem Ende des Konflikts echten Aufschluss über Erfolg oder Misserfolg einzelner Einsätze geben wird. Doch bei Betrachtung der gegenwärtigen Situation stellt sich die Frage, ob die Konzentration auf die modernere Waffentechnologie der USA als Hauptursache für die europäische Unterlegenheit nicht zu eingleisig war. Langfristig gesehen könnte dies zu einem größeren Problem für die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik werden als der gegenwärtige rüstungstechnologische Abstand zu den USA.


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