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"Shock and Awe" gescheitert

Auswirkungen für die Nachkriegsordnung im Irak

31.03.2003 · Thomas Bauer


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Die Streitkräfte der USA und Großbritanniens stehen eine Woche nach Beginn der militärischen Operation zur Befreiung des Irak knapp 100 Kilometer vor Bagdad. Die Luftschläge auf strategische Ziele in Bagdad und im Norden des Irak zeigen Wirkung. Dennoch muss die Strategie des "Shock and Awe" als gescheitert angesehen werden. Schock und Einschüchterung haben nicht ausgereicht um den Widerstandswillen der irakischen Streitkräfte gegen die einmarschierenden alliierten Verbände zu brechen. Die Städte Basra, Nasirija und Nadschaf sind zu Schauplätzen heftiger Kämpfe geworden. Der Widerstand im Rücken der vorrückenden Front wird eher stärker als schwächer.

Die Grundvoraussetzungen für ein miliärisches Vorgehen gegen den Irak waren im Vorfeld des Krieges von Anthony Zinni, einem ehemaligen General der US-Marines, in einem 10-Punkte-Plan aufgelistet worden. Allein die Lektüre dieser Liste wird zu einer Offenbarung für die strategische Niederlage der USA. General Zinni hatte einen schnellen Einmarsch mit umfangreichen Truppen gefordert, der durch die Öffentlichkeit und eine internationale Koalition getragen werden sollte. Am siebten Kriegstag gegen Saddam Hussein muss das Resümee ernüchternd ausfallen: Das Regime sitzt fest im Sattel, der militärische Widerstand gegen die vorrückenden Kräfte hat den Vormarsch ins Stocken gebracht und der Protest auf den Straßen gegen den Krieg nimmt täglich zu. Einer der weniger beachteten Punkte, die Zinni angeführt hatte, war der geordnete Regimewechsel, der nicht von außen aufgezwungen werden, sondern sich nur unter Zuhilfenahme der Ordnungsmächte vor Ort vollziehen könne.

Auch der ehemalige Generalstabschef des Irak, Nisar al-Chasradschi, hatte in Interviews immer wieder die Bedeutung eines funktionierenden militärischen Apparates für die Nach-Saddam-Ära angemahnt. Ohne lokale militärische Autorität wären die USA und ihre Verbündeten dazu gezwungen, selbst die Ordnungsmacht im Irak zu stellen. Denn ohne deren Gewährleistung sind die unterschiedlichen Religionsgruppen und Stämme nicht zu kontrollieren, was wiederum die Einheit des Irak gefährden würde. Sollten also irakische Militärstrukturen nicht zur Verfügung stehen, dann könnte dies bedeuten, dass auch die Kriegsgegner in Europa für eine Nachkriegsordnung in die Verpflichtung genommen werden. Dies hieße umfangreiche Truppenpräsenz - auch deutscher Soldaten - in einer instabilen Region.

Geht man davon aus, dass die vielen Kontakte der US-Führung zu hochrangigen Offizieren der regulären irakischen Streitkräfte in Kombination mit den Berichten von übergelaufenen Verbänden, wie etwa der 51. Division bei Basra, auf eine Nachkriegsordnung im Irak ausgerichtet ist, bei der die Ordnungsmacht von Irakern selbst gestellt werden sollte, dann ist mit dem Ende von "Shock and Awe" auch das Ende dieser poltisch-strategischen Planungen besiegelt worden. Schwere Gefechte - auch mit regulären Streitkräfteeinheiten - werden aus Basra, Nadschaf, Nasirija und mehreren kleinen Orten entlang des Euphrat gemeldet. Die USA sind gezwungen die Kämpfe aufzunehmen. Die 300 Kilometer langen Nachschubwege für die 3. US-Infanteriedivision, die derzeit ca. 100 Kilometer vor Bagdad liegt, sind in einem solchen Ausmaß gefährdet, dass Widerstandsnester im Rücken der Front nicht geduldet werden können.

Dies birgt ein militärisches und gleichzeitig auch politisches Dilemma in sich. Verfolgt man weiterhin die Strategie des schnellen Regimesturzes bei gleichzeitiger Verschonung der regulären irakischen Streitkräfte, um damit auf irakische Ordnungs- und Verwaltungskapazitäten nach einem Sieg gegen Saddam Hussein zurückgreifen zu können, dann müssen für eine Invasion zu schwache Einheiten der USA und Großbritanniens sofort mit einem Sturm auf Bagdad beginnen. Dies könnte Verlustquoten von 50-70% für die einmarschierenden Bodentruppen bedeuten.

Will man sich dagegen militärisch absichern, dann müssen die USA und ihre Verbündeten die Orts- und Häuserkämpfe ausfechten, bis genügend Nachschub vor Bagdad eingetroffen ist. Dies kann unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die 4. US-Infanteriedivision noch nicht einmal im Persischen Golf angekommen ist, noch Wochen, wenn nicht gar Monate dauern. Außerdem würde dies die umfangreiche Vernichtung der irakischen Militärkräfte zur Folge haben, die damit für eine Nachkriegsordnung im Irak wegfallen würden. In diesem Fall wären zigtausende eigene Besatzungstruppen notwendig, um die Stabilität des Irak erhalten zu können. Dass dies gelingt, scheint eher unwahrscheinlich.

In den nächsten Tagen könnte sich ein Machtkampf zwischen US-Verteidigungsminister Rumsfeld und dem kommandierenden General Tommy Franks anbahnen, verfolgen beide doch unterschiedliche Strategien. Der Politiker Rumsfeld wollte den Krieg durch gezielte Schläge gegen die politische Führung und die regimetreuen Kräfte der Republikanischen Garde bei gleichzeitiger Verschonung der regulären militärischen Kräfte schnell und unverzüglich zur Entscheidung bringen. Der General dagegen hatte von Anfang an auf umfangreiche Invasionsstreitkräfte gepocht, die zielstrebig aber nicht überhastet den Diktator in Bagdad beseitigen sollten. Beide Ansätze gleichzeitig zu verfolgen gleicht der Quadratur des Kreises. Politisch gesehen ist die Operation "Shock and Awe" gescheitert. Militärisch wird der Sieg nur mit erheblich mehr Anstrengungen zu gewinnen sein, vor allem, wenn man die steigenden Temperaturen in der Region ab Anfang April mit in Betracht zieht.


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