C·A·P Home > Aktuell > Meldungen > 2010 > Handbuch Zukunft

Gut vorbereitet sein

Handbuch Zukunft 2010, Trends - Herausforderungen - Chancen

Klaus Burmeister und Holger Glockner:
Handbuch Zukunft 2010
Trends - Herausforderungen - Chancen
ISBN: 9783981088755
252 Seiten
Focus Magazin Verlag

30.04.2010 · Rezension von Jürgen Turek


< Vorige NewsNächste News >

Dieses Buch hat einen hohen Anspruch: denjenigen zu helfen und diejenigen zu informieren, die auf die Zukunft gut vorbereitet sein wollen.

Nun liegt es im Wesen der Zukunft, dass wir lediglich vage Vorstellungen von ihr haben. Prognosen über das, was kommen soll oder vermeintlich kommen wird, sind häufig hysterisch, schlecht durchdacht oder neunmalklug und werden von den Medien meist verzerrend aufgegriffen. Im privaten Umfeld finden zwar viele und nicht selten hitzige Diskussionen über unsere Zukunft statt, diese haben jedoch keinerlei zuverlässigen oder gar wissenschaftlich geprüften Hintergrund. Zwar weiß jedermann, dass Komplexität und Wandel das Leben komplizierter machen; Zeitpunkt und Konsequenz sind jedoch meist unbekannt. Diese Unsicherheit ist häufig mit Unbehagen verbunden. Dies betrifft nicht nur Individuen, sondern auch und insbesondere Führungskräfte in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

Globalisierung, demographischer Wandel, komplizierte technologische Innovationen wie Gen- oder Biotechnologie, Bevölkerungswachstum, Wertewandel, veränderte individuelle und kollektive Beziehungsmuster und Verhaltensweisen: die zweite Moderne – um sich des Analyserahmens des Münchner Soziologen Ulrich Beck zu bedienen – wird oft genug als verwirrend und desorientierend erlebt. Diese Unsicherheit verlangt nach einer guten Wegweisung, die sich auf einen sorgfältig recherchierten Hintergrund stützt, die Trends, Herausforderungen und Chancen belastbar abbildet, die differenziert und zudem noch die nötige Balance aus  Tiefgründigkeit und Verständlichkeit wahrt. Dem Handbuch Zukunft des renommierten Zukunftsinstituts Z_Punkt aus Köln gelingt dieses Wunderwerk: es generiert systematisch, verständlich und stringent Orientierungswissen, indem es mögliche Zukünfte aus den Szenarien der Zukunftsforschung in Bilder von griffigen Verstehenswelten überführt.

Die Spezialisten und Wissenschaftler des Instituts gehen dabei innerhalb von vier zentralen Kapiteln systematisch vor. Sie führen im ersten Kapitel zunächst in das Instrumentarium ein, mit dem heute Aussagen über das eigentlich noch nicht zu Erkennende getroffen werden können. Trendanalyse, Szenariotechnik und Future Narratives erlauben Erkenntnisse über die Zukunft. Das Handwerk dient dazu, die elementaren Fokusthemen der Gegenwart und Zukunft zu beleuchten. Dies sind Energie und Klima, Mobilität und Verkehr, Stadt und Raum, Arbeit und Wirtschaftsprozesse, Gesundheit und Körper, Arbeit und Lebensführung, Medien und Kommunikation, aber auch Geist und Reflektion. Damit werden alle prägenden Lebensbereiche abgedeckt. Lediglich das Thema Partnerschaft, Familie und Kinder wird im Bereich der Fokusthemen etwas zu knapp behandelt, jedoch später im Kapitel über Technologien und Innovationen aufgegriffen.

Als seriöses Institut weist Z_Punkt auf die Möglichkeiten, wie auch auf die Grenzen der Zukunftsforschung hin. Die Prognostik der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erweckte noch den Eindruck, Zukunft recht präzise erfassen und beschreiben zu können. Nach spektakulären Fehleinschätzungen wie etwa der Prognose des Club of Rom zu den Grenzen des Wachstums in den 80er Jahren werden heute sehr viel subtilere, aber auch angemessenere und hoch interessante Methoden benutzt. Ihre Qualität steht außer Frage, auch weil sich die Forscher ihrer eigenen Fehlbarkeit bewusst sind. Das Handbuch Zukunft 2010 zitiert in diesem Sinne Ossip K. Flechtheim: „Zwar sind in bestimmten Bereichen Prognosen heute viel treffsicherer als früher – man denke an die stark verbesserte Wettervorhersage, die ausgefeilten Klimamodelle, die Verkehrsprognosen; auch hat die Zukunftsforschung eine solide Basis erfolgreicher Voraussagen zu technologischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen vorzuweisen. Doch eklatante Fehleinschätzungen existieren ebenfalls in großer Zahl, sodass das Projekt, eine verlässliche Methode zur „Zukunftsvorhersage“ zu entwickeln, als gescheitert angesehen werden muss.“ Die Zukunftsforschung ist entsprechend bescheidener geworden, gerade aus diesem Grund liefert sie aber vielfach äußerst brauchbare Ergebnisse. Viel genauer als früher fragt sie, wann der Einsatz prognostischer Methoden sinnvoll und Erfolg versprechend ist – und wann nicht. So werden die großen Entwicklungsströme – Globalisierung, Demographie, technologischer Wandel, Umwelt und Klima – in ihren einzelnen Fokussierungen und Konsequenzen direkt greifbar. Die Zukunftsforschung unterstützt hierbei private wie öffentliche Unternehmen und Organisatoren in Strategiefragen, in Innovationsfragen und bei der Arbeit an übergreifenden Leitbildern und Zielen. Aus dem Dreiklang von Visionen, Szenarien und strategischen Ableitungen werden Eindrücke zukünftiger Entwicklungen und intelligente Handlungsoptionen erarbeitet. Sehr anschaulich weist das Handbuch auf Praxisbeispiele hin und zitiert etwa den Umgang des Royal-Dutch-Shell-Konzerns mit Szenarien im Kontext der ersten Ölkrise 1973. Auf Grund früherer Szenarien war das Unternehmen auf einen drastischen Anstieg der Ölpreise mental vorbereitet und hatte in den Mietverträgen für Tanker mit griechischen Reedern eine Klausel eingebaut, dass der Vertrag gekündigt werden könne, sollte der Rohölpreis eine bestimmte Höhe überschreiten. Als die Krise ausbrach, brauchte Shell im Gegensatz zu anderen Firmen keine Mietgebühren für die in den Häfen vor Anker liegenden Schiffe zu zahlen. (S.21)

Vor diesem Hintergrund skizziert das zweite Kapitel zentrale Handlungsfelder mit ihrer Dynamik und zeigt auf, worauf wir uns einzustellen haben. Im Bereich „Mobilität und Verkehr“ bedeutet dies etwa die Organisation einer Niedrig-Emissions-Mobilität, die Aneignung neuer Nutzungsmuster zum Beispiel durch die Nutzung des flexiblen Car-Sharing im innerstädtischen Format, die Realisierung intelligenter Verkehrsströme im Transportsektor durch CargoCap, (einer unterirdischen Gütertransportalternative für Ballungszentren), oder die Verwirklichung einer integrierten Verkehrsplanung zur Verkehrsreduktion. Für den Bereich „Arbeit und Wirtschaftsprozesse“ skizzieren die Wissenschaftler von Z_Punkt die Auswirkungen der modernen Globalisierung auf die weltweite Integration der Arbeitsmärkte und Wissenssysteme. Sie beschreiben die Entwicklungs- und Schwellenländer als Rohstofflieferanten, China als gigantische Fabrik, Indien als Dienstleistungszentrum und den Westen als Steuerungszentrale der globalen Wirtschaft. Diese neue Arbeitsteilung vernichtet und kreiert Arbeitsplätze. Was dies jeweils für die Neuorganisation der weltweiten Arbeitsteilung bedeutet, zeigt das Handbuch für die Sektoren Innovationsprozesse, Organisationsformen und nachhaltiges Wirtschaften auf. Ohne Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit werden so Trends mit ihren spezifischen Herausforderungen und Chancen sichtbar, die entscheidenden Einfluss auf das gesellschaftliche Leben haben.

Das Handbuch belässt es aber nicht bei der Deskription, sondern sucht und bietet Orientierung. Im dritten Kapitel fragt es nach den Zielen, Modellen und Bausteinen, „mit und nach denen sich nachhaltige Zukunftsmärkte erschließen lassen“ (S. 101). Darunter verstehen die Autoren ein wohlverstandenes Zusammenspiel von Profitorientierung und gesellschaftlicher Verantwortung. Nachhaltige Zukunftsmärkte versprechen gleichzeitig Profit und verbessern die soziale und ökologische Bilanz des Planeten, so dass auch die Gestaltungschancen nachfolgender Generationen gewahrt bleiben. Diese nachhaltigen Geschäftsmodelle und Unternehmensformen gehen deutlich über herkömmliche Compliance-Regeln oder Konzepte der Corporate Social Responsibility (CSR) hinaus. Nachhaltigkeit im Sinne einer sozial-, individual- und umweltverträglichen Lebens- und Wirtschaftsweise wird damit zur zentralen Aufgabe für Strategie und Innovation im Unternehmen.

Kapitel IV schließlich bietet ein Trend-Glossar, welches die wichtigsten Trends im Umfeld von Unternehmen und Märkten komprimiert darstellt. Dies unterstreicht den Nachschlagecharakter des Buchs. Überschneidungen mit oder Redundanzen zu den vorausgehenden Kapiteln nehmen die Autoren hierbei bewusst in Kauf, um ein möglichst großes Spektrum an Themen abzudecken. Das Trend-Glossar stellt dabei die empirische Wissensbasis dar, auf der die übrigen Kapitel beruhen. In den fünf Dimensionen „Individuum und Gesellschaft“,„Technologie und Innovation“, „Unternehmen und Wirtschaft“, „Umwelt und Infrastruktur“ sowie „Politik und Recht“ werden insgesamt 100 Trends abgebildet. Alle Trends werden dabei nach vier Kriterien bewertet: wie stark belastet der Trend andere Entwicklungen, wie stark ist der Trend von anderen Entwicklungen getrieben, wie lange wird er andauern und wo ist der Trend zu beobachten. Dieses Sammelbecken einzelner Informationen führt zu einem breiten Strom, der die gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen abbildet. So werden sich etwa in der  gesellschaftlichen Dimension multilokale Lebensformen verstärken, digitale Lebensstile den Alltag noch mehr bestimmen und die ubiquitäre Intelligenz weiter stark zunehmen. Beispielsweise werden Robotik und künstliche Intelligenz bald anspruchsvolle Dienste leisten können und so etwa alten und behinderten Menschen ein weitgehend selbstständiges Leben in vertrauter Umgebung ermöglichen. In der politisch-rechtlichen Dimension entwickeln supranationale politische Strukturen einen immer höheren Reiz, um Verhandlungsmacht zu bündeln und zu stärken. Und in der Dimension „Unternehmen und Wirtschaft“ nimmt zum Beispiel die globale Arbeitsteilung zu, wobei sich das ökonomische Gewicht der asiatischen Staaten noch weiter steigern wird.

Das Handbuch Zukunft 2010 wird seinem Anspruch, die Trends und Szenarien zukünftiger Entwicklung abzubilden, in ausgezeichneter Weise gerecht. Sehr hervorzuheben sind hier der systematische Aufbau des Bandes und das attraktive Kommunikationsdesign. Sie ermöglichen dem Leser eine angenehme Rezeption der nicht selten komplexen Sachverhalte. So gelingt rundum eine Tour d’Horizon mit prägnanten Einblicken in das, was unser Leben zukünftig prägt.


News zum Thema


Stimmen zu Telemedizin und eHealth
Statement von Prof. Dr. Werner Weidenfeld
11.01.2016 · telemedallianz.de

Telemedizin-Strategie
Treffen mit Dr. med. Siegfried Jedamzik.
29.11.2015 · C·A·P


no-img
Warum Telemedizin?
Interview mit Prof. Dr.Werner Weidenfeld
29.06.2015 · Herzfit-Service

no-img
Countdown: Hat die Erde eine Zukunft?
Eine Rezension von C·A·P-Fellow Jürgen Turek
03.09.2014 · C·A·P

Webdesign EGENCY München