C·A·P Home > Aktuell > Meldungen > 2008 > Bertelsmann Transformation Index

Erhebliche Herausforderungen für die Verwirklichung von Demokratie und Marktwirtschaft

Bertelsmann Transformation Index 2008

Bertelsmann Stiftung: Bertelsmann Transformation Index 2008 - Politische Gestaltung im internationalen Vergleich, Gütersloh 2008

PDF-Download (5,4 MB)

21.02.2008 · C·A·P


< Vorige NewsNächste News >

Nach den aktuell vorgelegten Ergebnissen des Bertelsmann Transformation Index 2008 (BTI), der wieder in Kooperation zwischen der Bertelsmann Stiftung und dem Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P) entstanden ist, führten die Chancen des weltweiten Wirtschaftswachstums nicht zu spektakulären Transformationsgewinnen. Zwar haben sich Demokratie und Marktwirtschaft in den 125 untersuchten Entwicklungs- und Transformationsstaaten insgesamt gegen zahlreiche Anfechtungen behauptet und ihre Anziehungskraft als global verbreitete Leitbilder gesellschaftlichen Wandels bewahrt. Allerdings verbesserten sich die internationalen - und in zahlreichen Fällen auch die nationalen Rahmenbedingungen - für autoritäre Transformationsmodelle; ihre Attraktivität ist bei Eliten wie Bevölkerung spürbar gestiegen. Damit sind die Herausforderungen für nationale wie internationale Akteure, die Demokratie und Marktwirtschaft anstreben, deutlich gewachsen.

Demokratie – zwischen Stabilität und Stagnation

Insgesamt etwa 3,92 Mrd. Menschen leben derzeit weltweit in demokratischen Staaten (davon 0,87 Mrd. in den OECD-Industrieländern), etwa 2,55 Mrd. Menschen leben in Autokratien. Zu ihnen gehören nicht nur die "klassischen" Autokratien wie China oder Kuba, sondern auch einige Länder, denen trotz durchgeführter Wahlen aufgrund des nahezu völlig erodierten staatlichen Gewaltmonopols keine demokratischen Verhältnisse attestiert werden können.

Nach den Ergebnissen des BTI sind 14 Staaten als konsolidierte oder weit fortgeschrittene marktwirtschaftliche Demokratien, weitere 19 als fortgeschritten einzuordnen. Spitzenreiter sind Tschechien, Slowenien, Estland und Taiwan. Dagegen erfasst der BTI 31 Staaten mit stark eingeschränkter Transformation sowie 25 Staaten mit gravierenden Defiziten. Die letzten Plätze des Ranking belegen Sudan, Nordkorea, Eritrea, Myanmar und Somalia. Grundsätzlich sind Transformation zu Demokratie und Marktwirtschaft in jeder Weltregion möglich. Die Spitzenreiter des BTI-Ranking haben allerdings gemeinsam, dass sie bereits seit vielen Jahren einen konsequenten Transformationskurs verfolgen.


BTI Spitzenreitertabelle

Die Anzahl der Demokratien hat zwischen 2005 und 2007 leicht zugenommen: In Mauretanien, Kirgisistan, Burundi, Liberia und Haiti waren insgesamt fünf Regimewechsel von autokratischen Regimes zur Demokratie zu verzeichnen. Zwar sind die Demokratien unter den Transformationsstaaten deutlich in der Überzahl, doch ist nur ein Viertel von ihnen konsolidiert. Die große Mehrheit – darunter gerade auch die neuen Demokratien – weist zum Teil erhebliche Defekte auf.

Nach den Analysen des BTI haben die meisten Demokratien ihr Demokratieniveau gehalten, was im einen Fall Stabilität – wie in Ostmitteleuropa, Uruguay, Taiwan – in anderen Fällen jedoch Stagnation bedeutet. Ihre demokratische Qualität deutlich verbessern konnten Uganda, Georgien, Libanon und Kenia; verloren haben Venezuela, Bangladesch, die Philippinen und Senegal. Die gewalttätigen Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen in Kenia illustrieren auf drastische Weise, dass die Lage in defekten Demokratien ohne etablierte politische Kultur nicht als gefestigt angesehen werden und es zu größeren Rückschlägen kommen kann.

Autoritarismus als Modernisierungsalternative

In Venezuela und Russland haben sich am auffälligsten autoritäre Kräfte ausgebreitet. Sie stehen für eine Gegentendenz zur Ausbreitung der Demokratie, die in unterschiedlichen Varianten – personalistisch, populistisch oder plebiszitär – beobachtet werden kann und bereits weitere Länder erfasst hat. Diese ernste Entwicklung deutet auf wunde Punkte in zahlreichen jungen Demokratien: Galt in vielen Ländern das Problem, dass man "Demokratie nicht essen kann", so scheinen die diversen Spielarten des Ressourcen-Populismus diesen Trend umgekehrt zu haben – allerdings auf Kosten der institutionellen Stabilität. In Thailand und Bangladesch ließ sich beobachten, dass vereinzelt auch das Militär in diesem neuen Klima wieder aktiver in die Politik eingreift.

Zusätzlich ist das Lager jener Länder stärker geworden, in denen die Machthaber relativ erfolgreich auf einen Kurs autoritärer Modernisierung setzen und hierfür auch Zustimmung bei der Bevölkerung finden. Dieser Transformationsweg – wie ihn etwa China, Malaysia, Singapur, Vietnam, in gewisser Hinsicht auch Russland sowie Kuba gehen – findet auch außerhalb dieser Länder vereinzelt Fürsprecher. Dennoch steht autoritäre Modernisierung zumeist auf tönernen Füßen, da weder die institutionellen Voraussetzungen für solide Marktwirtschaften geschaffen wurden, noch stabile Trägerschichten in der Gesellschaft existieren.

Nur wenig Wohlstandsgewinn trotz weltweiten Wachstums

Die vom BTI gemessenen politischen Tendenzen sind eng mit den wirtschaftlichen Entwicklungen verknüpft - und vor allem stark von der Dynamik der Weltwirtschaft und dem Wirtschaftsboom in China und Indien beeinflusst. In zahlreichen rohstoffexportierenden Ländern führte dies nicht nur zu neuen Wachstumserfolgen, sondern gab den Regierungen auch mehr Spielraum, eigene wirtschafts- und sozialpolitische Wege zu suchen.

Diese Gunst der Stunde haben aber nur wenige Länder zum institutionellen Ausbau und zur Stabilisierung ihrer Volkswirtschaften genutzt. Zahlreiche Regierungen haben diese vernachlässigt oder sind zu stärkerer Staatsorientierung übergegangen. Vor allem die rohstoffreichen Rentierstaaten sind hierfür besonders anfällig. Sie sorgen mit ihren Umverteilungskapazitäten zwar für soziale Erleichterungen, doch schaffen sie auch und gerade für Sozialstaatlichkeit nicht die notwendigen institutionellen Voraussetzungen.

Trotz aller politischen und akademischen Diskurse der letzten Jahre hat sich an der mangelhaften Zukunftsorientierung der Volkswirtschaften – ökologische Verträglichkeit und Bildungsinvestitionen – nur wenig geändert. Dies liegt nicht nur an der rücksichtslosen Ausbeutung von Ressourcen in den wachstumsdynamischen Ländern Asiens, sondern auch an der Vernachlässigung des Bildungssektors, weshalb das Bildungsdefizit trotz aller Lippenbekenntnisse die Achillesferse gerade der ärmeren Länder geblieben ist. Von wenigen Ausnahmen abgesehen verdüstern sich damit sowohl für die meisten Länder wie auch global die Entwicklungsperspektiven.

Transformationsmanagement mit Hindernissen

Die Qualität des Transformationsmanagements – also der Reformpolitik zu Demokratie und Marktwirtschaft - hat sich in einigen Ländern gefestigt, in anderen wiederum ist eine Verschlechterung zu verzeichnen. Der Transformation Index unterstreicht, dass auch gutes Management überall auf der Welt möglich ist: Unter den besten 25 Management-Performern befinden sich Länder aus allen Regionen – unter den 20 schlechtesten (außer Ostmittel- und Südosteuropa) allerdings auch. Gerade in jenen Ländern, in denen aufgrund mangelnder Ressourcen und Stabilität konsequente Transformationspolitik eine wichtige Ressource der Prosperität sein könnte, deutet sich eher eine Abkehr von guter Regierungsführung an.


So haben die ärmsten afrikanischen Länder insgesamt kaum Fortschritte erzielen können. In etwa einem Drittel aller Länder ist der Zustand der Staatlichkeit unverändert problematisch und behindert die Transformation grundlegend. Hinzu kommen Auswirkungen der veränderten internationalen politischen und wirtschaftlichen Lage, die vor allem den Rentierstaaten größere Entwicklungsspielräume gibt. Auch weisen die Daten des BTI insgesamt auf einen zerfallenden Elitenkonsens über die Transformationsziele Demokratie und Marktwirtschaft hin.

Bertelsmann Transformation Index (BTI)

Der am Centrum für angewandte Politikforschung entwickelte Bertelsmann Transformation Index ist Resultat der langjährigen gemeinsamen Projektarbeit mit der Bertelsmann Stiftung. Er untersucht in zweijährlichem Abstand die weltweiten Entwicklungs- und Transformationsprozesse. Die dabei erhobenen Analysen werden in zwei Rankings zusammengefasst: Der Status-Index erfasst im Detail den aktuellen Entwicklungsstand von Demokratie und Marktwirtschaft. Der Management-Index ist ein innovatives Instrument der Messung von Transformationspolitik.

Der BTI ist ein weltweit beachtetes und etabliertes Instrument der Erfassung und des Vergleichs von Entwicklungs- und Transformationsprozessen. Sämtliche Daten sind im Internet verfügbar und lassen sich zudem mit Hilfe des Bertelsmann Transformation Atlas interaktiv erschließen.

Links

Projektseite: www.bertelsmann-transformation-index.de

BTI in der Presse:

Welt (17.02.2008): Immer mehr Länder haben "defekte Demokratien"

Süddeutsche (17.02.2008): Das Versagen der Eliten, weltweit

DW World (18.02.2008): Studie: Globalisierung macht Arme nicht reicher

FR Online (19.02.2008): Neuer Reichtum und alte Armut



News zum Thema


Europäische Wettbewerbsfähigkeit
Ein Beitrag von Jürgen Turek
09.10.2013 · C·A·P

Transformation Index 2010
Qualität demokratischen Regierens sinkt weltweit
02.12.2009 · Forschungsgruppe Zukunftsfragen

Wiederaufbau im Westjordanland und im Gaza-Streifen
Weltbankberaterin Barbara Balaj am C·A·P
02.11.2009 · C·A·P

"China ist westlicher geworden"
Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld im Audio-Interview
01.10.2009 · Bayern 2 / Radiowelt

Vorstellung der Sustainable Governance Indicators (SGI) auf der ECPR General Conference in Potsdam
Working Papers der Forschungsgruppe Zukunftsfragen
23.09.2009 · C·A·P

Webdesign EGENCY München