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Erinnern für die Zukunft

Forschungsgruppe Jugend und Europa evaluiert Programme des Fonds „Erinnerung und Zukunft“

Umfassende Evaluationsergebnisse des Förderprogramms „Begegnungen mit Zeitzeugen – Lebenswege ehemaliger Zwangsarbeiter“ des Fonds „Erinnerung und Zukunft“

12.07.2005 · Forschungsgruppe Jugend und Europa


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Die Erinnerungskultur „boomt“ anlässlich des 60. Jahrestags des Kriegsendes: allerorts finden Gedenkveranstaltungen statt. Die Medien überschlagen sich förmlich mit historischen Reportagen zu den unterschiedlichsten Aspekten des Unrechts und des Leids, welches die nationalsozialistische Herrschaft über Europa gebracht hat. Bei diesem öffentlichen Mahnen, Erinnern und Gedenken darf selbstverständlich das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nicht fehlen. Aber auch Jugendliche, die Vertreter der Generation des „neuen“ Jahrhunderts, kommen zu Wort. Kritiker betrachten diese Großveranstaltungen allerdings durchaus mit Skepsis. Verdienen die lange übergangenen Opfer von damals nicht endlich heute Respekt, Ehre und auch symbolische Entschädigung für das Leid, das ihnen angetan wurde? Sind die zahlreichen Veranstaltungen ein geeigneter Versuch, sich den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte – wenn auch spät – zu stellen? Und was können sie tatsächlich bewirken?

Vor diesem Hintergrund erhielt die Forschungsgruppe Jugend und Europa von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ den Auftrag, von Oktober 2004 bis Mai 2005 das Förderprogramm „Begegnungen mit Zeitzeugen – Lebenswege ehemaliger Zwangsarbeiter“ umfassend zu evaluieren. In diesem Förderprogramm wurden bislang mit einem Gesamtvolumen von knapp zwei Millionen Euro insgesamt 112 Projekte gefördert. Etwa 800 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Nationalsozialismus konnten so mit rund 500 Jugendeinrichtungen in Deutschland und im Ausland in den Jahren von 2002 bis 2005 in Kontakt treten. Im Mittelpunkt der Evaluation stand die Frage nach der Wirkung solcher Begegnungen. Von der Forschungsgruppe Jugend und Europa wurden an alle Beteiligten offene Fragebögen verschickt und zur Vertiefung mit ausgewählten Jugendgruppen und ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern qualitative Interviews geführt. Hierzu hatte die Forschungsgruppe Jugend und Europa ein Team von jugendlichen Interviewerinnen und Interviewern in der Methode der peer-group-Forschung ausgebildet.


Jugendliche werden von der Forschungsgruppe Jugend und Europa in der Peer-Group Methode ausgebildet.

Die 1000 Jugendlichen, deren Aussagen in der Evaluation ausgewertet wurden, hoben im Ergebnis deutlich positiv die Möglichkeit hervor, dank des Förderprogramms direkt mit den Einzelschicksalen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Berührung kommen zu können. Sie konnten so auf einer persönlichen Ebene, über ihre allgemeinen Kenntnisse hinaus, mehr über den Nationalsozialismus erfahren. Sie verstehen dabei die Begegnungen mit Überlebenden als ein konstruktives Angebot, sich auch mit individuellen Gefühlen, Ängsten sowie den unterschiedlichen Lebenswegen der Überlebenden zu beschäftigen – eine persönliche Erfahrung, die in den Augen der Jugendlichen die übliche schulische Aufarbeitung des Themas weit übersteigt. Allerdings hängen dabei die Intensität der Begegnung und die entsprechende Nachhaltigkeit deutlich von der Qualität der jeweiligen Vor- und Nachbereitung der Begegnungen und einer geeigneten pädagogischen Unterstützung ab. Wurde hierfür genügend Zeit investiert, geeignetes, didaktisches Material genutzt und den Jugendlichen der Gesamtzusammenhang zwischen den historischen Ereignissen und ihrem persönlichen Lebenszusammenhang verdeutlicht, so erhielten sie durch die Begegnung die Möglichkeit, ein nachhaltiges Bewusstsein für die Thematik und eine Sensibilität in Bezug auf heutiges Unrecht in ihrem eigenen Lebensumfeld zu entwickeln.

Im Hinblick auf die in das Programm eingebundenen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen konnte die Evaluation herausstellen, dass häufig der Wille zu einer Begegnung mit der jungen Generation in Deutschland besonders in der späten Lebensphase zunimmt. Dahinter verbirgt sich häufig der Wunsch, noch einmal an den früheren Ort des Leidens zurückzukehren, um am Ende des Lebens mit dem erlebten Unrecht abzuschließen, aber auch die eigene schmerzvolle Lebensgeschichte als Aufforderung zu verantwortungsbewusstem Handeln für die Zukunft weiterzugeben. In dieser Hinsicht erfüllen die Begegnungen für die meisten ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eine eindeutige emotionale Entschädigungsfunktion. Mit ihren persönlich erinnerten Lebensgeschichten können sie bei Jugendlichen in erster Linie den emotionalen Bereich des Lernens ansprechen und entscheidend Empathie fördern. Hinsichtlich auf eine gelungene Demokratie- und Toleranzerziehung von jungen Menschen in Deutschland des 21. Jahrhunderts ist dies eine der unabdingbaren Bedingungen. Die entsprechende inhaltliche und pädagogische Einbettung muss jedoch von den klassischen Bildungsinstitutionen und den zahlreichen Einrichtungen außerschulischer Jugendarbeit geleistet werden. Die hier vorliegende Evaluation hat daher ein spezielles Augenmerk auf die Nachhaltigkeit und die emotionale Qualität des Begegnungsprogramms gerichtet.

Die umfassenden Ergebnisse der Evaluation werden im Sommer 2005 als Publikation in der Schriftenreihe der Forschungsgruppe Jugend und Europa erscheinen.

Ansprechpartner sind bei der Forschungsgruppe Jugend und Europa:

Ansprechpartner beim Fonds Erinnerung und Zukunft:


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