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„Nicht das Ende der Karriere des Herrn zu Guttenberg“

Interview mit Prof. Dr. Werner Weidenfeld zum Rücktritt des Verteidigungsministers

01.03.2011 · tagesschau.de


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Wird der Druck unerträglich oder erlahmt das öffentliche Interesse? Für Minister zu Guttenberg war das die zentrale Frage, analysiert der Politologe Werner Weidenfeld im tagesschau.de-Interview. Sein Rücktritt sei aber nicht das Ende seiner Karriere. Das Verhalten der Kanzlerin bewertet Weidenfeld als "clever".

tagesschau.de: Wochenlang beschäftigte die Plagiatsaffäre die Öffentlichkeit, nun erklärt Guttenberg seinen Rücktritt. Warum gerade jetzt?

Werner Weidenfeld: Die Grenze, den öffentlichen Druck verkraften zu können, war erreicht. Die vergangenen Wochen waren ein Zweikampf: Wie lange hält ein Spitzenpolitiker so etwas aus? Oder bricht im Zweifelsfall vorher das öffentliche Interesse zusammen? Diesen immensen Druck hätte kaum ein anderer Politiker so lange ausgehalten wie er. Andere Spitzenpolitiker sind bei viel geringerem Druck und viel schneller zurückgetreten. Das zeigt, dass Guttenberg durchaus eine Persönlichkeit mit einem besonderen Profil ist. Denken Sie beispielweise an einen seiner Vorgänger, an Rudolf Scharping. Der ist zurückgetreten, als er in einer unguten Zeit Swimmingpool-Fotos in der Yellow Press hatte. Das ist doch eine ganz andere Dimension.

Zermürbt, ohne Strahlkraft

tagesschau.de: Hat Guttenberg im Umgang mit der Affäre die falsche Taktik verfolgt?

Weidenfeld: Ich wäre schon vor ein paar Tagen nicht überrascht gewesen von einem Rücktritt. Dass der Zweikampf verloren und der Druck an die Grenze des Erträglichen ging, sah man ja auch an seiner Physiognomie. Etwa an dem Tag der Fragestunde im Bundestag: Sein Gesicht war zermürbter, es hatte weniger Strahlkraft.

Allerdings war es schon Guttenbergs Fehler der vergangenen Wochen, dass er die Dinge immer nur scheibchenweise eingestanden hat. Er hat ja nicht vom ersten Tag des Aufdeckens des Vorgangs eine klare, einzige Position gehabt. Sondern die veränderte sich von Tag zu Tag.

Rücktritt unausweichlich

tagesschau.de: Wäre es sonst vielleicht gar nicht zum Rücktritt gekommen?

Weidenfeld: Bei einer Affäre von diesem Ausmaß, wie sie heute auf dem Tisch liegt, wäre es so oder so soweit gekommen.

tagesschau.de: Kanzlerin Merkel hat sich hinter Guttenberg gestellt. Ist sie nun auch beschädigt?

Weidenfeld: Nein. Die Art und Weise, wie sie die Affäre behandelt hat, war clever.

tagesschau.de: Inwiefern? Es wurde doch auch sehr kritisiert, dass sie den Politiker Guttenberg von dem Wissenschaftler Guttenberg trennen wollte.

Weidenfeld: Das war clever, weil sie ihn sonst sofort hätte entlassen müssen. Und das hätte in der Anhängerschaft einen großen Schaden hinterlassen. Sie hat die Affäre einerseits nicht als irrelevant bezeichnet, sondern als ernsten, ernstzunehmenden Vorgang. Andererseits hat sie klargestellt, dass sie mit dem überragenden Politiker, dem Talent Guttenberg weiterarbeiten will. Damit hat sie beiden möglichen Haltungen, die man haben kann, eine Antwort gegeben. Aus meiner Sicht eine Art clevere Integrationspolitik.

Denkbar kleinste Schrammen

tagesschau.de: Dennoch hat sie sich den Zorn vieler Wissenschaftler zugezogen.

Weidenfeld: Das ist zu verkraften. Wenn man Schrammen aus solch einem Vorgang mitnimmt, dann waren das die denkbar kleinsten Schrammen.

tagesschau.de: Was wir aus dem Kabinett Merkel ohne seinen Star Guttenberg?

Weidenfeld: Merkel wird damit zurechtkommen. Mit Guttenbergs Rücktritt beginnt keine neue Ära der Politik. Dass ein beliebter Politiker aus den eigenen Reihen ausfällt, damit müssen sie im politischen Leben immer wieder zurechtkommen.

Guttenbergs Ausstrahlung bleibt

tagesschau.de: Wie wird die CSU damit umgehen?

Weidenfeld: Erfolgsorientiert. Sie wird ihn weiter pflegen. Das ist ja nicht das Ende der Karriere des Herrn zu Guttenberg, sondern das ist ein Einschnitt. Er wird weiter ein Faktor im politischen Leben bleiben. Alles das, was ihn bis heute auf den Spitzenplatz der Popularität geführt hat, bleibt ja in seiner Ausstrahlung weiter vorhanden. Und die CSU wird diese Aura weiter zu nutzen wissen.

tagesschau.de:  Wie lange wird er denn wohl abwarten müssen, bis er in der Politik wieder durchstarten kann?

Weidenfeld: Das können Sie nicht mit der Stoppuhr abmessen. Aber vielleicht zwei bis drei Jahre.

Das Interview führte Claudia Witte, tagesschau.de.


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