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"Europa braucht Visionen, Konzept und Aktionen"

Interview mit Prof. Rita Süssmuth

05.05.2008 · Forschungsgruppe Jugend und Europa


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Bundestagspräsidentin a.D. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rita Süssmuth über die Chancen für mehr Beteiligung Jugendlicher in Europa und die bildungspolitischen Implikationen für die Jugendarbeit und die bundesdeutsche Bildungspraxis.

Das Gespräch führte Marco Heuer, freier Journalist (DW/WDR) und Mitglied des Juniorteams Europa der Forschungsgruppe Jugend und Europa, während der Fachtagung "Runder Tisch zum Strukturierten Dialog mit der Jugend", der von der  Forschungsgruppe Jugend und Europa vom 25.-26.02.08 in München stattfand.


Frau Prof. Süssmuth, dank Ihrer Arbeit als Politikerin, Wissenschaftlerin und als engagierte Humanistin reisen Sie quer durch die Welt. Wie ist es um das derzeitige Engagement junger Menschen in Europa bestellt?

Süssmuth: Ich stelle immer wieder fest, dass die Jugend keinesfalls apolitsch ist. Sie ist aber systemkritisch und in hohem Maße skeptisch gegenüber Parteien. Das zeigen auch die Ergebnisse der letzten Shell-Studie. Wenn sich Jugendliche heute engagieren, machen sie das lieber außerhalb von Politik. Deshalb haben auch alle Parteien Nachwuchsprobleme. Wichtig erscheint mit vor allem eins: Die jungen Menschen brauchen Visionen. Ich kann mich - auch nicht im Kleinen - nicht bürgerschaftlich engagieren, wenn ich keine Vorstellung davon habe, was ich gerne ändern möchte.

Welche Hilfestellung kann die Politik leisten?

Süssmuth: Wir müssen die Jugendlichen immer wieder ermutigen, ihnen sagen: "Nimm Dir ein konkretes Projekt vor, das Dir Spaß macht, das Dich weiter bringt und besorge Dir Rückhalt. Du brauchst Menschen, die dich begleiten. Allein hältst du es nicht durch." Ob Verein oder Bürgerinitiative - das Mitgestalten ist wichtig. Es gibt zu viele Menschen, die verzweifeln, weil sie permanent erleben, was nicht möglich ist. Deshalb brauchen wir engagierte Menschen, die andere aus der Ohnmacht befreien. Natürlich werden wir nie alle Jugendlichen gleichermaßen erreichen, sondern immer eher einzelne Gruppen. Aber unsere Zukunft hängt genau davon ab, wie stark sich diese Gruppen künftig engagieren.

Jugendkulturen verändern sich, die Bedürfnisse vieler Jugendlicher bleiben dennoch gleich. Sie wollen ernst genommen werden, ihre Individualität ausleben und das Gefühl haben, ausreichend auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Wie sprechen wir die Jugend heute am besten an?

Süssmuth: Die Jugend ist heute für die Politische Bildung nicht mehr so zu begeistern, wie in den 50er und 60er Jahren. In diesem Punkt ist die Jugend pragmatisch geworden. Sie will Konzept und Aktion miteinander verbunden wissen. Deshalb haben wir heute mit Projekt gebundener Arbeit deutlich mehr Erfolg als mit klassischen Seminaren. Auch bildungsferne Schichten sind so leichter für Politische Bildung zu gewinnen. Wichtig erscheint es mir, Projekte daraufhin zu überprüfen, ob sie über eine einzelne Region hinaus Wirkung zeigen. Haben wir gute Ideen und Konzepte gefunden, brauchen wir das Rad nicht jedes Mal neu zu erfinden. Insofern fehlt es vielmehr an einer Anerkennungskultur – zu sehen, was schon Positives geleistet wurde.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie eine große Anhängerin der so genannten "Peer-Group-Education" sind. Spricht da die studierte Pädagogin aus Ihnen heraus?

Süssmuth: Wir sollten in der Tat stärker auf die Fähigkeiten von peer-groups setzen. Denn der Lernerfolg innerhalb gleichaltriger Gruppen ist immens. Jugendliche kümmern sich selbst umeinander und finden auch andere Konfliktlösungsstrategien als Erwachsene – wenn wir sie nur lassen.

Eine stärkere Förderung der Partizipation junger Menschen in Europa hat sich auch die Europäische Kommission zum Ziel gesetzt. Seit Ende 2006 wird der "Strukturierte Dialog mit der Jugend" als bedeutendes Instrument in Sachen Beteiligung gepriesen. An der konkreten Umsetzung hapert es aber noch. Was muss geschehen?

Süssmuth: Der "Strukturierte Dialog" ist mir als Begriff noch zu abstrakt. Wir müssen uns fragen, wie wir diesen angedachten Austausch mit Leben füllen können. Dazu brauchen wir Transmissionsriemen auf nationaler Ebene, also Organisationen, die sich für diese Thematik zuständig fühlen, die Verantwortung haben und auch künftig Verantwortung übernehmen wollen. Transparenz ist ebenfalls wichtig. Damit meine ich mehr als bloße Verständlichkeit. Es geht darum, wie viel Ehrlichkeit vermittelt wird. Jugendliche müssen faule und tragfähige Kompromisse erkennen können. Dazu muss aber die Politik klar sagen, welche Probleme gelöst und welche noch nicht gelöst sind und wofür wir noch gar keine Lösung haben. Nur solch eine Haltung ermuntert die Zivilgesellschaft auch zum Mitdenken.

Also ist der Strukturierte Dialog noch nicht am Ende?

Süssmuth: Ich denke nicht. Der Dialog ist für die Jugendlichen aber nur dann relevant, wenn er sowohl erkenntnis- als auch erlebnisbezogen geführt wird. Ansonsten schaffen wir zwar ein Angebot für den Kopf, das neu erlernte Wissen wird aber nicht gefühlt – und bleibt damit auch ein gutes Stück substanzlos.

"In Vielfalt geeint" lautet das Motto der Europäischen Union. Können  Schulen Jugendliche auf solch einen Leitspruch adäquat vorbereiten?

Süssmuth: Die jüngste Schulbuchuntersuchung zeigt, dass Schülerinnen und Schüler noch immer eine Menge über europäische Kriege lernen. Ich finde es jedoch erschreckend, wie wenig über Europa im eigentlichen Sinne vermittelt wird. Dabei brauchen wir ein solides Grundwissen, vor allem interkulturelle Kenntnisse sind wichtig. Das gelingt nur, wenn wir uns die eigene Vielfalt anschauen und produktiv mit dem eigenen Reichtum umgehen.

In einem Europa der 27 Mitgliedsstaaten sorgt der Brüsseler Verwaltungsapparat immer wieder für Frustration. Jugendliche beklagen, sie wüssten gar nicht, wer auf Europäischer Ebene welche Entscheidungskompetenzen hat. Zudem werden kreative Ideen oftmals durch langwierige, bürokratische Abläufe ausgebremst. Ist Besserung in Sicht?

Süssmuth: Die Jugendlichen haben Recht, denn dieses Europa wird immer bürokratischer. In meinen beiden letzten Jahren in Brüssel hätte ich fast zur Anti-Europäerin werden können. Das Ausmaß an Anonymität, Bürokratie und Intransparenz ist ungeheuerlich. Ideen können sich kaum noch entfalten, weil sie durch unzählige Kontrollen laufen müssen. Für Jugendliche sind dies keine guten Voraussetzungen, aktiv zu werden.

Auftrieb hat meine Europa-Begeisterung aber stets dann bekommen, wenn ich mit der "Global Commission on International Migration" der UN in anderen Teilen der Welt unterwegs war. Dann habe ich immer gesehen, was ich in Europa keinen Tag missen möchte. Um unsere Konfliktlösungsstrategien beispielsweise beneiden uns viele andere Länder.

Wie können wir die Bürgerinnen und Bürger wieder mehr für Europa begeistern?

Süssmuth: In jedem Fall können wir den Bürger, den citizen oder citoyen nicht mehr allein über die ökonomische Dimension erreichen. Als ich Mitte der 80er Jahre in die Politik gegangen bin, haben alle nur vom gemeinsamen Binnenmarkt gesprochen. Jacques Delors war damals der rettende Anker für mich. Denn der frühere EU-Kommissionspräsident hatte Europa wieder eine Seele gegeben. Und auch heute sollten wir uns fragen, was wir gemeinsam tun können. Abgesehen vom Klimaschutz kann das Ziel nur lauten: Bessere Lebensverhältnisse für alle Menschen. Die Sozialpolitik darf auf Dauer nicht mehr aus Europa herausgehalten werden.


Eine umfangreiche Dokumentation der Veranstaltung erscheint in Kürze. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an sekretariat (at) fgje.de.

Projekte der Forschungsgruppe Jugend und Europa, wie auch diese Veranstaltung, werden aus den Mitteln des Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt.


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