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Gewalt-Explosion im Gaza-Streifen:
Warum bekriegen sich die Brüder?

Die 'tz München' im Gespräch mit Almut Möller

14.06.2007 · tz München


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Mehr als 50 Tote haben die blutigen Gefechte im Gaza-Streifen schon gefordert: Der Bürgerkrieg in den Palästinensergebieten wird immer brutaler! Einige hundert Menschen, die gegen die Gewalt demonstrierten, wurden von Hamas-Kämpfern beschossen. Die Zentrale der der Fatah unterstehenden Geheimpolizei in der Stadt Chan Junis wurde in die Luft gesprengt – Hamas-Kämpfer hatten einen Tunnel zum Polizeigebäude gegraben. Die Vereinten Nationen können keine Lebensmittel mehr verteilen. Ein Drittel der Bevölkerung ist aber auf diese Hilfe angewiesen! Was sind die Ursachen dieses grausamen Bruderkrieges? Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wer sind die Kriegsparteien?

Die Fatah ist die stärkste Kraft innerhalb der Dachorganisation PLO (Palästinensische Befreiungsbewegung) und stellt seit 2005 mit Mahmud Abbas den Präsidenten der Autonomiebehörde. Unter Jassir Arafat hat die Fatah in den palästinensischen Autonomiegebieten jahrzehntelang die zentrale Rolle gespielt.

Die von dem 2004 durch Israel getöteten Scheich Ahmed Jassin gegründete Hamas ("Bewegung des islamischen Widerstands") ist eine islamistische Bewegung in den Palästinensergebieten, insbesondere im Gaza-Streifen. Die Hamas hat als soziale Organisation Begonnen und hat sich seit dem Beginn der ersten Intifada 1987 radikalisiert. Ihre Anhänger sind für die meisten der Selbstmordanschläge in Israel verantwortlich. Mit dem Sieg bei den Parlamentswahlen im Januar 2005 ist die Hamas auch eine politische Kraft in den Autonomiegebieten geworden.

Woher kommt der extreme Hass zwischen Hamas und Fatah?

Es geht um religiöse und politische Auseinandersetzungen. Die Hamas will gewaltsam einen islamischen Staat Palästina errichten, die Fatah will ein eher weltliches Palästina. Auch das Verhältnis zu Israel ist eine der Quellen der Feindschaft: Seit den Oslo-Vereinbarungen von 1993 setzt die Fatah auf Verhandlungen mit Israel. Dafür erhielt Arafat im Jahr 1994 den Friedensnobelpreis. Die Hamas lehnt hingegen das Existenzrecht des Staates Israel ab. Die Nahost-Expertin des Centrums für angewandte Politikforschung (C·A·P), Almut Möller: "Letztlich ist es eine Rivalität um die Frage, wer die politische Gestaltungsmacht hat. Mit dem Tod ihrer Führungsfigur Arafat 2004 wurde die Fatah in ihrer Bedeutung enorm geschwächt. Die Hamas hingegen hat sich bei den Wahlen 2005 als politische Kraft etabliert, deutlich gewonnen und so die Fatah verdrängt."

Warum regierten die Erzfeinde bislang trotzdem zusammen?

Die Fatah stellt mit Mahmud Abbas noch immer den Präsidenten, die Hamas nach den Wahlen aber den Premierminister. In der Regierung sind Minister von Fatah und Hamas vertreten. Die Hamas braucht die Fatah, da weder EU noch die USA oder Israel mit der Hamas verhandeln, weil sie als terroristische Vereinigung eingestuft wird. C·A·P-Expertin Möller: "Ein bisschen Ruhe kam durch die Vermittlung Saudi- Arabiens im April hinein. Dort wurde die nationale Einheitsregierung unter Fatah- und Hamas- Beteiligung geschaffen. Das war ein Hoffnungsschimmer für die Region, der jetzt zerstoben ist."

Warum werden die Aufforderungen von Präsident Abbas und Premier Hanija, das Blutvergießen zu beenden, nicht gehört?

Möller: "Was da im Moment in den Straßen von Gaza passiert, läuft nicht mehr entlang klarer Linien. Weder Fatah noch Hamas sind einheitliche Bewegungen, da gibt es politische und militärische Arme. Deshalb können wohl weder Abbas noch Hanija für Ruhe sorgen. Zudem sind – wie immer im Nahen Osten – auch noch andere Mächte mit im Spiel: Syrien, Saudi-Arabien, der Iran … Wer da wirklich die Strippen zieht, ist schwer zu sagen."

Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, den Hass zwischen Hamas- und Fatah-Anhängern zu schlichten?

Angesichts der Gewalt- Eskalation ist das in der jetzigen Situation sehr schwierig. Die einzige Hoffnung ist, dass die gemäßigten arabischen Staaten mit Einfluss in den Autonomiegebieten, wie Ägypten oder wieder die Saudis, vermitteln.

Droht die Spaltung des Autonomiegebiets?

Die Hamas vertreibt die Fatah geradezu generalstabsmäßig aus Schlüsselpositionen im Gaza- Streifen. Die Fatah ist im Westjordanland in der Überzahl – nach einem militärischen Hamas-Sieg im Gaza-Streifen ist vorstellbar, dass die Fatah sich in ihre Hochburg zurückziehen muss.

Freut sich Israel, wenn sich die Palästinenser gegenseitig töten?

Israel fürchtet, dass die Hamas die alleinige Kontrolle über den Gaza-Streifen übernimmt, was die Sicherheitssituation für Israel weiter verschlechtern würde. Israels Premier Ehud Olmert fordert, dass eine internationale Truppe die Grenze zwischen Gaza- Streifen und Ägypten abriegeln soll, da von dort in großen Mengen Waffen geschmuggelt würden. Einen Einmarsch in den Gaza-Streifen schließt Olmert noch aus. Wie steht es mit der Hoffnung, den Friedensprozess wieder zu beleben? So schlecht wie schon lange nicht mehr. Denn nicht nur, dass die Palästinenser untereinander Krieg führen: Auch Israels Regierung ist durch den für Israels Premier Ehud Olmert belastenden Untersuchungsbericht über den Libanon-Krieg geschwächt.

Können die EU oder die USA vermitteln?

Die EU erklärte, sie könne sich eine Beteiligung an einer internationalen Friedenstruppe im Gaza-Streifen vorstellen, falls die Politiker vor Ort dies wünschten. Das Problem der EU und der USA ist, dass sie mit Hamas nicht reden. Deshalb können sie allenfalls auf die gemäßigten arabischen Staaten einwirken, zu vermitteln.

Wie gefährlich ist dieser Bürgerkrieg für den Weltfrieden?

Möller: "Weil in dieser Region alle Probleme ineinandergreifen, ist die Situation über die Grenzen Palästinas hinaus sehr gefährlich: Die brenzlige Lage im Libanon, die Eskalation im Irak, das iranische Atomprogramm – das ist ein hochexplosives Gemisch."


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