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"Spaltung im Selbstverständnis"

Werner Weidenfeld sieht blühende Landschaften im Osten, fordert aber ein Umdenken.

03.10.2005 · Focus-Money, Heft 40/2005


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FOCUS-MONEY: Wir blicken am 3. Oktober auf 15 Jahre deutsche Einheit. Sind wir wieder ein Volk geworden?

Werner Weidenfeld: In vielen Aspekten ja. Aber es gibt immer noch Gräben. So haben die Menschen in der ehemaligen DDR so schnell ein neues politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches System übergestülpt bekommen, dass sie diese dramatischen Veränderungen mit einer betonten eigenen Identität kompensieren. So gibt es heute immer noch große Differenzen, die vom Konsum bis zum Wahlverhalten gehen.

FOCUS-MONEY:  Welche Fehler sind nach der Vereinigung gemacht worden?

Werner Weidenfeld: Der größte Fehler war, dass man dort keinen Sonderwirtschaftsraum geschaffen hat. Dort hätten dann besondere wachstumsfördernde Steuerbedingungen gegolten, etwa niedrige Mehrwertsteuer und geringe Steuern auf Investitionen. Auch war es eher eine politische als eine ökonomische Entscheidung, so schnell von der Ostmark auf die D-Mark zu wechseln.

FOCUS-MONEY: Hat Helmut Kohl den Menschen mit den blühenden Landschaften zu viel versprochen?

Werner Weidenfeld: Nein. Allein schon deshalb, weil die blühenden Landschaften nicht platt ökonomisch, sondern vor allem auch politisch gemeint waren: Er meinte auch ein freies demokratisches Land. Aber auch ökonomisch waren die blühenden Landschaften keine Utopie. Sie werden kommen. Es gibt viele Regionen im Osten, denen es heute schon sehr gut geht.

FOCUS-MONEY: Haben aber auch die strukturell schwachen Regionen wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern eine Chance auf die Blüte?

Werner Weidenfeld: Natürlich, aber dazu müssen die einzelnen Regionen auch ihre Besonderheiten akzeptieren. Es hat keinen Sinn, im Mecklenburg-Vorpommern ewig darauf zu warten, dass vor der Haustür eine Autofabrik entsteht. Besser ist es, auszunutzen, dass die Gegend so schön ist, und dort den Tourismus zu fördern. Hier liegt wirtschaftlich noch sehr viel Potenzial.

FOCUS-MONEY: Wie sinnvoll sind die hohen Transferzahlungen, die in die neuen Länder fließen?

Werner Weidenfeld: Eine Sonderwirtschaftszone hielte ich nach wie vor für sinnvoller, aber solange es die nicht gibt, kann man die Zahlungen nicht einfach abstellen. Sonst würde man in den neuen Ländern einen wirtschaftlichen Schock auslösen.

FOCUS-MONEY: Wie kann man das Wachstum sonst noch fördern?

Werner Weidenfeld: Das Wichtigste wäre, einen großen Kulturprozess in Gang zu bringen, damit die gesamtdeutsche Verständigung vorangeht. Mit Hilfe von Debatten quer durch die Medien müssen wir die Spaltung im Selbstverständnis der Menschen aufheben. Zum Beispiel habe ich kürzlich eine Mutter mit ihrem Sohn an der Currywurstbude beobachtet. Die Mutter war geschockt, dass die Wurst so teuer war. Da sagt sie zu ihrem kleinen Buben: "Weißt du, in der DDR hat das nur 33 Pfennige gekostet." Und das 15 Jahre nach der Einheit.


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