Erosion der Macht bricht durch

Warum der SPD-Chef plötzlich seine Autorität verliert. Interview mit Prof. Dr. Werner Weidenfeld.

Interview: Annette Zoch


15.06.2005 · Abendzeitung


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Herr Professor Weidenfeld, können Sie sich erklären, was gerade bei der SPD los ist?

Die SPD beginnt darüber nachzudenken, wie die Zeit nach der Bundestagswahl aussehen könnte. Wenn man davon ausgeht, dass sie die Wahl verliert, dann steht die gesamte Führungsriege zur Disposition. Das strahlt auf die ganze Partei aus. Solche Zentrifugalkräfte konnte man auch schon in den Endphasen früherer Regierungen beobachten – jeder fragt sich jetzt, wie komme ich am besten da raus. Da geht es um berufliche Karrieren und Existenzfragen einer ganzen Politikergeneration.

Aber deshalb muss sich die Partei doch nicht gleich derart zerfleischen wie es die SPD im Moment tut.

Das sehe ich anders. Ich finde es bemerkenswert, wie diszipliniert die SPD in den vergangenen Jahren ihrer Spitze gefolgt ist. Die SPD hat die Reformen – die teilweise den Kern der SPD-Identität berührt haben – zwar zähneknirschend, aber doch loyal mitgetragen. Aber jetzt ist der loyale Unterbau in den Landes- und Kommunalgremien im Kern geschwächt. Der Schrödersche Politikstil hat da ein Übriges getan.

Was heißt das?

Schröder trifft die Schlüsselfrage – in diesem Fall die Frage nach Neuwahlen, kümmert sich um die Einzelheiten erst später. Ich bezweifle zum Beispiel, dass er das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1983 zur Vertrauensfrage Helmut Kohls vor seiner Entscheidung ganz durchgelesen hat.

Parteichef Franz Müntefering hat auch an Autorität eingebüßt. Was ist mit dem einst so verehrten Münte passiert?

Sein Talent kam immer in der Arbeitsteilung mit Schröder zum Strahlen. Müntefering war für den SPD-Kernbestand zuständig. Schröder für die globale Reformperspektive. Jetzt ist diese Konstellation ins Schlingern geraten und damit auch die Loyalität der Partei zu ihrem Chef. Die Erosion der Macht bricht voll durch. Wenn die SPD dramatisch verliert, wäre er aber der Richtige, um die Partei zu ihrer Identität zurückfinden zu lassen.

Wie gefährlich kann ein Linksbündnis der SPD werden?

Sehr, und ich bin überrascht, wie gering die Bedeutung eines Linksbündnisses eingeschätzt wird. Wie man bei der Landtagswahl in NRW gesehen hat, hat die kleine WASG aus dem Stand zwei Prozent geholt. Das Linksbündnis könnte die SPD schwer treffen.


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