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"Kurei und Abbas brauchen die junge Garde"

Interview mit Felix Neugart, Nahost-Experte am C·A·P, zu einem möglichen Neubeginn nach der Ära Arafat.

Jassir Arafat ist schwer krank, die Frage nach seiner Nachfolge stellt sich schon jetzt. Nahost-Experte Felix Neugart über die beiden Politikergenerationen der Palästinenser und die Chancen für den Friedensprozess.

Interview: Bernd Oswald, sueddeutsche.de

28.10.2004 · sueddeutsche.de


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sueddeutsche.de: Wie wird sich Jassir Arafats politisches Erbe aufteilen?

Neugart: Arafat hat eine Position, die nur sehr schwer auszufüllen sein wird. Er ist das Symbol für das Streben der Palästinenser nach einem Nationalstaat. Er symbolisiert aber auch – und das ist ganz entscheidend – die Klammer zwischen den Menschen, die noch im geographischen Palästina wohnen und denen, die schon seit Jahrzehnten als Flüchtlinge in arabischen Ländern oder in Europa leben. Es wird nicht eine Person allein in der Lage sein, diese Rolle auszufüllen.

sueddeutsche.de: Die wahrscheinlichsten Nachfolger sind Ministerpräsident Kurei und PLO-Generalsekretär Abbas.

Neugart: Achmed Kurei würde wohl das Amt das Präsidenten der Autonomiebehörde übernehmen, Mahmud Abbas Arafat als Chef der PLO beerben. Diese Lösung hätte allerdings Interimscharakter. Zum einen sind diese beiden Herren auch schon sehr alt...

sueddeutsche.de: ...Kureia 68 und Abbas 72...

Neugart: ... zum anderen sind sie vor allem durch ihre Nähe zu Arafat in ihre Position gekommen. Sie zählen zur alten Garde, der man vorwirft, korrupt zu sein und ihre privaten Interessen mit den öffentlichen vermengt zu haben. Ihnen steht innerhalb der palästinensischen Autonomiegebiete eine junge Garde gegenüber. Das sind Leute, die in der 1. und 2. Intifada eine wichtige Rolle gespielt haben, die innerhalb der Bevölkerung verwurzelt sind und die in der Vergangenheit die alte Garde immer häufiger herausgefordert haben.

sueddeutsche.de: Können Sie Namen nennen?

Neugart: Es bilden sich verschiedene Machtzentren heraus, was kennzeichnend für Arafats zunehmenden Machtverlust seit mehreren Jahren ist. Wichtige Namen sind der frühere Sicherheitschef von Gaza, Mohammed Dahlan und sein Pendant in der Westbank, Jibril Radschub. Schließlich gibt es eine ganze Reihe von lokalen Häuptlingen.

Der populärste Vertreter der jungen Garde ist der frühere Generalsekretär der Fatah in der Westbank, Marwan Barguti. Er sitzt zurzeit in israelischer Haft, die Israelis werfen ihm vor, dass er die zweite Intifada orchestriert hätte.

sueddeutsche.de: Wie sieht das Kräfteverhältnis zwischen der alten und der jungen Garde aus?

Neugart: Das ist schwer einzuschätzen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass es Kurei und Abbas gelingt, auf Dauer die Autonomiegebiete so zu kontrollieren, wie Arafat das lange getan hat. Sie brauchen zumindest mittelfristig eine Legitimation durch Wahlen. In diesen Wahlen müssen sie die Unterstützung der jungen Garde, die in der Bevölkerung verwurzelt ist, suchen.

sueddeutsche.de: Wie würde sich ein Führungswechsel auf die Intifada auswirken?

Neugart: In der palästinensischen Gesellschaft setzt eine gewisse Ernüchterung ein. Es gibt eine Debatte über den Sinn der zweiten Intifada: "Wir sind international isoliert, unsere Infrastruktur ist kaputt, unsere Städte sind belagert, wir können uns nicht einmal mehr in der Westbank frei bewegen." Das wird als unbefriedigend empfunden.

sueddeutsche.de: Was würde Arafats Tod für den Nahost-Friedensprozess bedeuten?

Neugart: Das Hauptargument für Ariel Scharon und seine Politik des einseitigen Abzuges aus dem Gaza-Streifen ist, dass er auf palästinensischer Seite keinen Verhandlungspartner hat. Für Scharon ist Arafat kein Partner mehr, sondern jemand, der Terrorismus unterstützt. Dieses Argument würde dann in sich zusammenbrechen.

In einem optimistischen Szenario wäre es möglich, dass die Palästinenser eine über Wahlen legitimierte Führung aufbauen. Diese neue Führung könnte wieder mit Israel verhandeln und zu Kompromisslösungen kommen.


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