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„Mind the Gap“

Fachtagung für Trainerinnen und Trainer des C·A·P

23.05.2017 · Akademie Führung & Kompetenz


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Vom 14.-16. Mai 2017 fand im Gustav-Stresemann-Institut Bad Bevensen die diesjährige Fachtagung der Akademie Führung & Kompetenz am C·A·P für Trainer/innen von C·A·P-zertifizierten Demokratie-Lernen-Programmen sowie die Fachöffentlichkeit statt.

Zu den aktuellen gesellschaftlich relevanten und brisanten Schwerpunkten Engagement, Populismus und Post-Politik tauschten sich rund 50 Multiplikator/innen bei fachlichen Inputs sowie in Arbeitsgruppen und praxisorientierten Workshops aus.

Diskussionsleitende Fragestellungen waren: wie gelingt es, vereinfachenden Spaltungen in der Gesellschaft kritisch wahrzunehmen und das zivilgesellschaftliches Handeln als beispielgebend für demokratische Prozesse und Entscheidungen produktiv zu nutzen? Welche Rolle spielen dabei Demokratie- und Diversity-Lernkonzepte? Wie kann die differenzierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konflikten wieder gestärkt werden? Wo muss Meinungsfreiheit von Hetze,  Problembewusstsein von Diffamierung, Kritik von Verächtlichmachung der Demokratie klar abgegrenzt werden?

André Wilkens von der Initiative Die Offene Gesellschaft  postulierte in zugespitzten Thesen, dass die gegenwärtige Krise als Chance der produktiven Erschütterung erstarrter Strukturen zu begreifen sei. Statt in einem ‚Katastrophenmodus‘ zu verharren, gelte es, gemeinsam das mehrheitliche Funktionieren der Demokratie und damit ein ‚Dafür‘ zur Weiterentwicklung von Gesellschaft in den Vordergrund zu stellen. Bestehende Denkschemata müssten überwunden werden – so sei die Integration von Flüchtlingen eine Sache; eine wichtigere Integrationsarbeit, so Wilkens, sei aber mit denen zu leisten, die sich elitär in Privatsphären des gehobenen Konsums von gesellschaftlicher Verantwortung abgekoppelt hätten. Deshalb plädierte er für Aktionsformate jenseits weiterer Analysen, um selbst ins Tun zu kommen und etwa mit Dialogprojekten ganz unterschiedliche Menschen an einem Tisch zusammen zu bringen, um für Demokratie und Offenheit in der Gesellschaft einzustehen und dies weit sichtbarer zu machen, als dies in den Medien bisher der Fall ist.

Dr. Uki Maroshek-Klarmann vom ADAM Institute for Democracy and Peace in Jerusalem griff diese Denkrichtung in ihrem Vortrag „From Dichotomous to Complex Thinking“ auf. Statt als Demokratiepädagog/innen das Erstarken populistischer und lähmender post-politischer neoliberaler Tendenzen zu beklagen, sollten sie ihre eigene Verantwortung zum Entstehen dieser gesellschaftlichen Lage betrachten. Pro-Contra-Debatten, Planspiele mit klaren Rollenzuweisen sowie der Kampf um die besten Argumente hätten auch in der politischen Bildung dazu beigetragen, dass lineares Schwarz-Weiss Denken die Spaltung der Gesellschaft ermöglicht hätte. Nötig seien, so Maroshek-Klarmann, neue ‚Denkfiguren‘, die es ermöglichen, Komplexität im Demokratie-Lernen aufrecht zu halten und damit auch Ausgrenzungsmechanismen von Seiten der politischen Bildung vorzubeugen. Als ein Beispiel reflektierte sie Raumarrangements wie den Stuhlkreis, der Gleichheit unter den Teilnehmenden suggeriere, aber in Wahrheit auch unterschiedliche Machtzugänge und Privilegien der Teilnehmenden verschleiere. Er wirke damit gerade nicht integrativ, sondern grenze diejenigen aus, die als Individuen nicht den Mut und die Ressourcen hätten, sich gleichberechtigt äussern zu können. Dies bewusst zu reflektieren sei Aufgabe professioneller politischer Bildung.

In einem neuen Format der systemischen Beratung der gespaltenen Gesellschaft entwickelten anschließend die Teilnehmer/innen der Tagung in der Verkörperung von ‚Narren‘, ‚Weisen‘ , ‚Hütern der Gerechtigkeit‘ und ‚Guten Geistern des Mutes‘ kreative Wege, um mit Engagement, Populismus und Post-Politik umzugehen. Ein Fazit dieser Beratung: die Gesellschaft hat derzeit das Symptom ‚Politik‘ - eine gute Nachricht für alle, die sich beteiligen und gestalten wollen.

In acht verschiedenen Workshops vertieften die Teilnehmer/innen konkrete praktische Umsetzungen wie die Kombination interkultureller Bildung mit Improvisationstheater, den selbstreflexiven Umgang mit Stammtischparolen, die Dekonstruktion interkultureller Konflikte und die Arbeit mit Geflüchteten. Abgerundet wurde die Tagung durch gemeinsames Improvisationstheater am Abend und die kreative Gestaltung von Möglichkeiten der Etablierung einer offenen Gesellschaft in Arbeitsgruppen.

Zusammenfassend wurden folgende Empfehlungen an Demokratiepädagogik fest gehalten:

  • Kritische Reflexion dessen, was im Namen von Demokratie weltweit umgesetzt wird

  • Das nicht Selbstverständliche an Demokratie stärker heraus stellen

  • Formate entwickeln, die Vielstimmigkeit bewusster zulassen und fördern

  • Aktionsorientierung: den primären Fokus von Reflexion auf Aktion verschieben

  • Eigenverantwortung (individuell) mit sozialer Gerechtigkeit (strukturell) besser balancieren

Im Anschluss an die diesjährige Tagung fand ein Intensivseminar für erfahrene Betzavta/Miteinander-Trainer/innen mit Dr. Uki Maroshek-Klarmann statt, in dem praktische Möglichkeiten aufgezeigt wurden, unbewusste Dichotomien in Seminaren zu vermeiden und Methoden zur Erhöhung der Komplexität einzusetzen.

Florian Wenzel


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