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Teddy Kollek - Leben und Wirken für friedliche Koexistenz in Jerusalem

Vortrag von Gabriele Appel, Jerusalem Foundation Deutschland

05.08.2011 · Akademie Führung & Kompetenz


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Wie begegnet man auf politischer Ebene einer derartigen Dichte an kultureller, ethnischer und religiöser Vielfalt, wie sie in Jerusalem vorzufinden ist? Wie ist friedliche Koexistenz in solch einem sozialen Spannungsfeld möglich? Teddy, urspr. Theodor Kollek (*1911 †2007), der 28 Jahre lang Bürgermeister der Stadt und Gründer der Jerusalem Foundation war, hat einen Großteil seines Lebens dieser geographischen, administrativen und sozialen Herausforderung gewidmet und dabei viele Erfolge mit langfristiger Wirkung verzeichnet.

Eingeladen für einen Gastvortrag am Centrum für angewandte Politikforschung nahm Gabriele Appel, Direktorin der Jerusalem Foundation in Deutschland, das 100 Jahre zurück liegende Geburtsjahr Teddy Kolleks zum Anlass, über dessen Leben und Wirken zu berichten und die zahlreichen Aktivitäten und Einrichtungen seiner Jerusalem Foundation vorzustellen.


Gäste aus verschiedenen bayrischen Bildungseinrichtungen waren unter dem interessierten Publikum

Nach einigen einführenden Worten zur Zusammensetzung der Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems sowie ihrer sozial wie wirtschaftlich schwierigen Lage (60% der Kinder leben unter der Armutsgrenze) legte Frau Appel dar, wie Teddy Kollek seine Vision einer modernen, pluralistischen Metropole, in der alle gleichermaßen Zugang zu Ressourcen und Dienstleistungen haben sollten, Stück für Stück voranbrachte. Dabei sah er klar die Regierenden in der „Bringschuld“ gegenüber der palästinensischer Minderheit: „Bei uns, und nicht bei den Arabern, liegt die Beweislast, dass ein Zusammenleben möglich ist. Bei uns, den Machtausübenden. Wir müssen uns gegenüber den Minderheiten so verhalten, wie wir es von den Diasporaländern gegenüber den jüdischen Minderheiten verlangen.“ (Teddy Kollek, 1996)

In seiner Amtszeit von 1965-1993 ging er mit großem Pragmatismus an die Missstände in der Stadt heran und machte die Umsetzung einer spürbaren Chancengleichheit - als Grundlage für sozialen Frieden - zu einer Hauptaufgabe. 1966 gründete er die Jerusalem Foundation als überparteiliche, gemeinnützige und unabhängige Stiftung, welche nun seit 45 Jahren über 4000 Programme und Projekte unter den Stichworten „coexistence, community, culture“ unterstützt bzw. finanziell ermöglicht. So komme, laut Appel, inzwischen jeder Bewohner Jerusalems im Durchschnitt mindestens einmal täglich in Berührung mit einer Einrichtung der Jerusalem Foundation: allen zugänglich gemachte Gesundheits-, Begegnungs- und Kulturzentren, Museen, Bibliotheken und der „biblische Zoo“, Beratungsstellen, ein Gartenprojekt und jährliche Summer Camps sind nur einige Begriffe dazu. Ein besonderes Augenmerk bekomme die Sprache „als Kulturbrücke“: ein bilingualer Friedenskindergarten sowie die Max Rayne Hand in Hand School mit jüdisch-arabischer Koedukation in Hebräisch und Arabisch zeugen von diesem Ansatz.

Eine besondere Kooperation, welche die Jerusalem Foundation und das C·A·P seit vielen Jahren verbindet, ist die Zusammenarbeit mit dem Jerusalemer Adam Institute for Democracy & Peace, welches mit sehr erfahrungsorientierten und effektiven Bildungsprogrammen gegenseitige Akzeptanz und demokratische Konfliktbewältigung unter Kindern, Jugendlichen und Multiplikator(inn)en fördert. Die Akademie Führung & Kompetenz am C·A·P hat das vom Adam Institut entwickelte Programm „Betzavta“ (hebr. für „Miteinander“) nach Deutschland geholt und für die hiesige Bildungsarbeit adaptiert.


Prof. Dr. Werner Weidenfeld und Gabriele Appel

An den Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an, die sich zunächst um die Arbeit der Stiftung drehte. Trotz ihrer parteipolitischen Unabhängigkeit könne man ihr Wirken, gerade auch die Förderung von Mehrsprachigkeit, durchaus als politisch bezeichnen, wie auch Frau Appel bestätigte. Auch nach dem Tod ihres Gründers sei die Stiftung als Fundraising-Organisation sehr aktiv und ihre Aktivitäten bekämen von den betroffenen Menschen hohen Zuspruch, Großprojekte müssten aber inzwischen in kleinere herunter gebrochen werden, um auch die Finanzierung auf mehrere Stellen zu verteilen. Nicht unterstützend sei die Berichterstattung der Medien, welche solche Angebote der Begegnung zu wenig bekannt machten.

Weiterhin wurde auf die von Teddy Kollek vorgeschlagenen und umgesetzten „Erfolgsfaktoren“ für Integration sowie ihre Übertragbarkeit auf Deutschland eingegangen: Schaffung gleicher Ausbildungsbedingungen, materieller Chancengleichheit und freier Religionsausübung mit dem Ziel eines Miteinanders, das auch ein Nebeneinander zulässt, bei dem sich einzelne Kulturen entfalten und weiterentwickeln können. Nach wie vor müssten klischeehafte Zuschreibungen vermieden und auch sprachlich die Diversität innerhalb vermeintlich homogener Gruppen beachtet werden. Nicht zuletzt wurde die Spannung zwischen Tradition und Moderne als besondere Herausforderung thematisiert.

In seinem Schlusswort wies Prof. Weidenfeld darauf hin, dass Jerusalem mit seiner besonderen Situation große Beachtung erführe und daher auch die Arbeit der Jerusalem Foundation in ihrem Modellcharakter für andere Orte nicht unterschätzt werden dürfe.


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