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Rollenspiele im Gesundheitswesen

C·A·P-Forschungskolloquium mit Dr. Helmut Platzer, Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern

24.06.2011 · C·A·P


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Die Zukunft des Gesundheitswesens ist wohl eine der drängendsten Herausforderungen in post-modernen Industriegesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland. Vor allem der demographische Wandel und die damit verbundene Kostensteigerung werfen die Frage nach nachhaltigen Strukturen im Gesundheitssektor auf. Mit Dr. Helmut Platzer, dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Bayern, konnte das C·A·P daher einen profilierten Vertreter aus diesem gesellschaftlichen Subsystem für das Forschungskolloquium gewinnen.


Prof. Dr. Werner Weidenfeld und Dr. Helmut Platzer

Mit bundesweit etwa 24 Mio. Versicherten und circa 54.000 Mitarbeitern ist die AOK einer der größten Akteure im deutschen Gesundheitswesen. Allein die AOK Bayern weist mit einer Bilanzsumme von rund 11,5 Mrd. Euro den zweitgrößten öffentlichen Haushalt nach dem Freistaat selbst auf. Im internationalen Vergleich sieht Platzer das deutsche Gesundheitswesen trotz aller Probleme als durchaus solide und leistungsfähig an. Mit den Worten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen besteht heute in Deutschland ein System gleichzeitiger „Über-, Unter- und Fehlversorgung“. Dabei lassen sich etliche Entwicklungen erkennen, die durchaus zu weiteren Verwerfungen führen können. Der AOK-Chef nennt in diesem Kontext beispielsweise den gerade in letzter Zeit zu beobachtenden Wandel der Beschäftigungsverhältnisse vieler Versicherter. Auch die kontinuierliche Ausweitung des Leistungsangebotes einerseits sowie die Nachfrageentwicklung andererseits seien kritisch zu hinterfragen. So gingen etwa die Deutschen durchschnittlich 18 Mal pro Jahr zum Arzt und halten damit weltweit mit großem Abstand den Negativrekord.

Laut Platzer ist eine „Jahrhundertreform“ nicht in Sicht. Vielmehr bleibt der Gesundheitssektor eine Dauerbaustelle, der sich die Politik meistens in der Mitte einer Legislaturperiode und damit frühzeitig vor den nächsten Wahlen widmet. Nachteilig auf die Reformdynamik erweise sich auch die Tatsache, dass nahezu alle Beteiligten in den Verhandlungen häufig in starre Rollenmuster verfallen und so einen effektiven Dialog verhinderten. Gerade in Deutschland werde häufig über die kleinsten Details hart verhandelt, so dass dabei das große Ganze gelegentlich aus dem Blick gerät. Obwohl er die Notwendigkeit vieler der einzelnen Reformschritte prinzipiell anerkennt und teilweise auch begrüßt, warnt Platzer auch vor manchen Überlegungen. So sei „eine gewisse Staatsferne“ durch das beitragsfinanzierte Gesundheitswesen durchaus gegenüber einem steuerfinanzierten System zu bevorzugen, das in einen alljährlichen Wettstreit um die zur Verfügung stehenden Steuermittel münden würde. Kritisch sieht Platzer auch die Vorschläge zu einem Umstieg auf kapitalgedeckte Krankenversicherungen. Zum einen würde damit mindestens eine Generation doppelt belastet, zweitens wäre dann die Frage nach der Anwartschaft auf Versicherungsleistungen in Bezug auf die einbezahlten Beiträge zu stellen und drittens zeige das Beispiel USA, dass die Finanzmärkte kaum in der Lage wären, diese Kapitalmengen überhaupt aufzunehmen.


Ganz grundsätzlich verwies Platzer auch auf die widersprüchliche Berichterstattung in den Medien. Während vor Kurzem noch gemeldet wurde, dass die Krankenkassen unter massiven Finanzierungsproblemen litten, berichteten die Medien nur wenig später über das steigende Beitragsaufkommen aufgrund der konjunkturellen Entwicklung und der vorgenommenen Beitragserhöhung. Für die Zukunft sei folglich sowohl die strukturelle und systematische Ausgabenbegrenzung als auch eine nachhaltige Finanzierungsgrundlage, ohne die einseitige Belastung einzelner Gruppen, erforderlich. Platzer erkennt hierbei allerdings einen Mangel an umfassenden Kosten-Nutzen-Analysen für den Gesundheitssektor, betont aber gleichzeitig, dass die Zukunft des Gesundheitswesens nicht nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt werden dürfe. Für den AOK-Vorstandsvorsitzen spielen dann auch vor allem Fragen der Solidarität und der Generationengerechtigkeit eine Rolle. Abseits der Kostenreduzierung durch Rationalisierung müsse sich das Gesundheitswesen irgendwann auch dem Problem der Rationierung von Gesundheitsleistungen stellen. Ebenso muss über neue Behandlungsmethoden wie etwa die Telemedizin weiter diskutiert werden. Der Gesundheitspolitik mangelt es daher auch in den kommenden Jahren nicht an einer umfangreichen Agenda.


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